Die Menschen fordern grundlegende Veränderungen

  • Aktion Dreikönigssingen 2020

Seit Wochen gehen die Menschen im Libanon auf die Straße. Auch die angekündigten Reformpläne und selbst der Rücktritt von Ministerpräsident Saad Hariri haben die Proteste nicht beruhigen können. Libanesen aller Konfessionen demonstrieren weiter gegen Korruption und Misswirtschaft. Die Lage ist angespannt – viele Menschen haben Angst vor einer Eskalation der Gewalt. Klara Koch (51) betreut seit 2011 im Kindermissionswerk ‚Die Sternsinger‘ die Projekte des Hilfswerks im Nahen Osten. Der Libanon ist das Beispielland der kommenden Sternsingeraktion. Täglich steht die Sprach- und Kulturwissenschaftlerin in Kontakt mit den Partnern der Sternsinger im Libanon. Im Interview ordnet sie die aktuelle Situation ein.

Frage: Vorab eine wichtige Frage für alle Sternsinger und ihre Begleitenden: Wie geht es den Kindern in den Projekten der Sternsinger, die in den Materialien zur kommenden Aktion Dreikönigssingen vorgestellt werden?

Klara Koch: So weit wir das beurteilen können, geht es allen Mädchen und Jungen gut. Zum Glück verlaufen die Proteste weitgehend friedlich, und es besteht keine Gefahr für Leib und Leben. Es ist sicherlich nicht optimal, wenn Schulen und Sozialeinrichtungen über Wochen geschlossen sind. Andererseits erleben die jungen Menschen im Libanon aktuell eine sehr spannende Zeit und sind sicherlich nicht unglücklich über die zusätzlichen Ferien.

Frage: Können die Partner des Kindermissionswerks in der aktuellen Situation im Libanon überhaupt ihre Projektarbeit aufrechterhalten oder gibt es Einschränkungen?

Klara Koch: Schulen, Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen waren aus Sicherheitsgründen lange geschlossen. Auch der Jesuiten-Flüchtlingsdienst, einer unserer Partner, musste seine Zentren an verschiedenen Orten zeitweise schließen. Solange die Proteste anhalten, müssen die Verantwortlichen immer wieder tagesaktuell reagieren. Dies gilt insbesondere für unsere Projekte in Beirut. Unsere Projekte für Flüchtlingskinder in der Bekaa-Ebene sind im Augenblick von den Demonstrationen nicht betroffen.

„Zum Glück verlaufen die Proteste weitgehend friedlich, und es besteht keine Gefahr für Leib und Leben.“

— Klara Koch, Kindermissionswerk

Frage: Der Libanon ist seit Jahren von einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise gebeutelt. Das Land leidet auch unter den Folgen des Kriegs im Nachbarland Syrien. Die geplante Steuer auf Internet-Telefonate und Messengerdienste hatte bereits vor Wochen das Fass zum Überlaufen gebracht. Was fordern die Menschen im Libanon?

Klara Koch: Die Menschen im Libanon fordern grundlegende Veränderungen. Für den Großteil der Bevölkerung ist die Lage unerträglich geworden. Die Probleme reichen von täglichen Stromausfällen und verschmutztem Trinkwasser über mangelhafte Abfallentsorgung bis zum Verfall der Währung. Hinzu kommt die hohe Arbeitslosenquote von über 37 Prozent bei jungen Menschen unter 25 Jahren und eine Staatsverschuldung von 85 Milliarden Euro. Etwa ein Viertel der Libanesen lebt inzwischen unter der Armutsgrenze. Die Demonstranten werfen der seit Jahrzehnten herrschenden politischen Elite vor, sich auf Kosten der Bevölkerung schamlos zu bereichern. Ihrer Forderung nach einem Rücktritt der Regierung hat Ministerpräsident Hariri inzwischen – auch unter dem Druck anderer mächtiger Politiker – nachgegeben. Doch die Demonstranten verlangen mehr: Sie wollen, dass eine Übergangsregierung aus unabhängigen Experten gebildet wird, die dann Neuwahlen vorbereiten soll. Misswirtschaft und Korruption sollen von einer unabhängigen Kommission untersucht werden. 

Frage: Wie beurteilen junge Menschen die Lage im Libanon? Sind sie auch an den Protesten beteiligt?

Klara Koch: Viele junge Menschen wollen das starre politische System nicht mehr, das zum Beispiel Ehen von Partnern unterschiedlicher Religionen so gut wie unmöglich macht. Viele wollen sich politisch engagieren, doch nicht in den Parteien, die seit Jahrzehnten regieren. Und das wird von den Etablierten verhindert. Unser Partner Adyan bildet junge Menschen heran, die sich über konfessionelle Grenzen hinweg für das Gemeinwohl engagieren. Im vergangenen Jahr bin ich einigen von ihnen begegnet. Ich wünsche mir, dass sie die Gesellschaft zukünftig mitgestalten können. Das braucht der Libanon, um ein Land zu sein, in dem Kinder und Jugendliche Perspektiven haben. Junge Menschen – Schüler und Studenten – gehen aktuell auf die Straße, um für bessere Schulbildung, eine bessere Ausbildung und angemessene Jobs zu protestieren.

„Viele junge Menschen wollen das starre politische System nicht mehr.“

— Klara Koch, Kindermissionswerk

Frage: Die 128 Sitze im libanesischen Parlament werden nach einem Proporzsystem zwischen christlichen und muslimischen Konfessionen aufgeteilt. Sind an den Demonstrationen Angehörige aller Religionen beteiligt?

Klara Koch: Bislang haben sich Menschen aller Konfessionen weitgehend friedlich zu den Demonstrationen versammelt – das ist das Besondere. Rund ein Drittel der libanesischen Bevölkerung war in den letzten Wochen auf der Straße. Während sich die Menschen bei früheren Protesten zur Loyalität ihrer eigenen konfessionellen Gruppe gegenüber verpflichtet gefühlt hatten, richtet sich ihr Zorn nun gegen alle führenden Politiker – egal ob Sunniten, Schiiten, Christen oder Drusen. Sogar Anhänger der schiitischen Hisbollah wagen es, ihre Führer mit deutlichen Worten zu kritisieren, was bisher tabu war. Doch nachdem zuletzt Schlägertrupps der Hisbollah brutal gegen friedliche Demonstranten vorgegangen sind, fürchten viele Libanesen eine Eskalation der Gewalt.

Das Proporzsystem ist zudem mit ausschlaggebend für die weiterhin herrschende Unzufriedenheit vieler Libanesen. Sie wollen ein politisches System, in dem Kompetenz und nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zählt.

Frage: Die wirtschaftliche Krise im Libanon hält seit Langem an. Sündenböcke werden gesucht – syrische Flüchtlinge im Libanon geraten zunehmend unter Druck. Wie äußert sich das?

Klara Koch: Nach unterschiedlichen Schätzungen leben im Libanon eine Million bis anderthalb Millionen syrische Flüchtlinge. In den letzten Monaten haben die libanesischen Behörden verstärkt Maßnahmen ergriffen, die die Situation der Flüchtlinge immer unerträglicher machen. Sie erhöhen den Druck auf die Flüchtlinge und fordern, dass die Syrer in ihre Heimat zurückkehren. Razzien werden durchgeführt. Syrer ohne Arbeitserlaubnis – das sind die meisten, weil es sehr schwierig ist, eine offizielle Arbeitserlaubnis zu bekommen – werden dazu gezwungen, ihre kleinen Geschäfte zu schließen. Libanesische Arbeitgeber müssen ihre illegal beschäftigten syrischen Mitarbeiter entlassen. Dadurch verlieren unzählige Flüchtlingsfamilien ihre Lebensgrundlage. Die Not der Menschen ist wirklich groß.

Zudem wurde vor einigen Monaten eine Bestimmung erlassen, nach der Flüchtlinge ihre Bauten aus Stein zerstören und durch Behausungen aus provisorischen Materialien wie Zeltplanen ersetzen müssen. Es kam sogar zum gewaltsamen Abriss von Häusern durch die libanesische Armee. Das ist natürlich besonders schlimm, wenn es nun im Winter kalt wird. Die Zeltplanen bieten keinen ausreichenden Schutz vor Kälte und Nässe. Menschenrechtsorganisationen haben inzwischen auch zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen Syrer in ihr Herkunftsland abgeschoben wurden – ohne ordentliches Verfahren und ohne die Möglichkeit, ihre Abschiebung vor einem Gericht anzufechten. Wer aus Syrien geflohen war, wird von den Sicherheitsbehörden des Assad-Regimes als Staatsfeind betrachtet. Inhaftierung, Folter und Zwangsrekrutierung sind die Folge.

Allerdings ist die Situation der Flüchtlinge augenblicklich kein Nachrichtenthema. Alles wird von den Massenprotesten überlagert. Die Probleme der Syrer bestehen damit natürlich weiter. Wir versuchen, über unsere Partner die Entwicklung laufend zu beobachten. Aktuell ist das schwierig.

„In den letzten Monaten haben die libanesischen Behörden verstärkt Maßnahmen ergriffen, die die Situation der Flüchtlinge immer unerträglicher machen.“

— Klara Koch, Kindermissionswerk

Frage: Was tut der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) im Libanon, um die syrischen Flüchtlinge zu unterstützen?

Klara Koch: Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst hat Programme für Kinder und erwachsene Flüchtlinge an verschiedenen Orten im Libanon, wie in Bar Elias in der Bekaa-Ebene. Hier unterhält der Jesuiten-Flüchtlingsdienst drei Schulen für syrische Flüchtlingskinder, die nicht in staatliche Schulen aufgenommen werden konnten, weil die wenigen, die es in der armen Region gibt, ohnehin überlastet sind. Die Kinder und ihre Familien werden von Sozialarbeitern betreut und bei Bedarf auch psychologisch unterstützt. In der Schule bekommen die Kinder eine gesunde Mahlzeit und im Winter warme Kleidung. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst bemüht sich in seinen Programmen auch immer, gute Beziehungen zwischen Flüchtlingen und der lokalen Bevölkerung zu fördern. Wie schon gesagt: Die aktuelle Situation ist insgesamt schwierig. Aus dem Libanon hat uns dazu auch ein Statement des JRS erreicht.

Frage: Wie gefährdet ist der ohnehin fragile Friede im Libanon?

Klara Koch: Bislang sind die Demonstrationen weitgehend friedlich verlaufen. Die gewaltsamen Zusammenstöße zuletzt müssen jedoch Anlass zur Sorge sein. Gerade die schiitische Hisbollah, die derzeit das stärkste politische Gewicht hat und über eine starke eigene Miliz verfügt, wird ihre Macht wahrscheinlich nicht ohne weiteres abgeben. Die Demonstranten waren und sind sich zwar in der Forderung nach dem Rücktritt der Regierung einig. Doch die Meinungen darüber, wie die sozialen Missstände zu bekämpfen sind und welchen Weg der Libanon künftig einschlagen soll, gehen auseinander. Zudem droht nun ein Machtvakuum, das verschiedene Akteure versuchen werden zu nutzen. Ich hoffe, dass sich die unterschiedlichen Gruppen auf eine gemeinsame Politik einigen können, die allen gerecht wird. Das ist eine große Herausforderung.

© Kindermissionswerk