Mission am Fuße des Himalaya

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Lange war christlichen Missionaren der Zutritt in die unwegsame Bergwelt strengstens verboten. Heute ist die katholische Kirche in vielen Dörfern des Bundesstaates Arunachal Pradesh ein gern gesehener Gast. Mit dem Glauben bringt sie auch Entwicklung zu den Menschen. Dafür nehmen Priester und Ordensschwestern oft große Mühen auf sich. Mit Erfolg.

Schwester Agnes hat sie gerade noch rechtzeitig entdeckt. Ein halbes Dutzend Blutegel klettert an ihrer Wade hoch. Mit einem Ast versucht sie, die nur zwei Zentimeter langen Würmer abzustreifen. Vergebens. Erst der beherzte Griff eines Mädchens, das die Ordensfrau den matschigen Pfad hinauf zu einer kleinen Kirche begleitet, löst die hartnäckigen Blutsauger von ihrem Bein.

Die Franziskanerschwester Agnes Haokip besucht mehrmals im Jahr Dörfer im Bistum Itanagar im Bundesstaat Arunachal Pradesh. Als „Touring“ bezeichnen die Ordensfrauen die Einsätze, in denen sie oft zu Fuß mehrere Dörfer aufsuchen und Hausbesuche machen. Die „Touring Sisters“ beten mit den Menschen, leisten medizinische Hilfe, werben für den Schulbesuch und teilen während des ein- bis zweiwöchigen Einsatzes das einfache Leben der Bergbevölkerung. Schon im Morgengrauen hatte sich Schwester Agnes aufgemacht, um an einer Tauffeier teilzunehmen. Zuerst ging es mit dem Geländewagen mehrere Stunden lang über enge, kurvenreiche Straßen die Berge hoch. Immer wieder blockierten Erdrutsche, die im Schritttempo umfahren werden mussten, den Weg. Dann setzte Regen ein. Mehrfach geriet das Auto auf dem matschigen Untergrund gefährlich nahe am Abgrund ins Schlittern. Schließlich erreichte der Wagen sein Ziel, das Dorf Yangte.

Vor der Kirche hat sich im Nieselregen die Gemeinde versammelt. Die Gesichter der Menschen erinnern eher an Tibeter als an Inder. Sie gehören zur Volksgruppe der Nyishi, dem größten von 30 indigenen Völkern in Arunachal Pradesh. Heute sind in Arunachal Pradesh rund 30 Prozent der Menschen Christen. Im Bistum Itanagar, dem größeren der beiden Bistümer, gehören rund neun Prozent der Menschen zur katholischen Kirche. Die meisten sind Nyishi.

Einige Männer tragen die traditionellen Kopfbedeckungen der Nyishi: Helme mit dem Schnabel des Nashornvogels, heute meist nur eine Nachahmung aus Kunststoff und in einer Scheide eine Machete. Auch Frauen sind in Tracht erschienen, mit Gürteln aus runden Metallschellen. Es ist ein besonderer Tag im Dorf Yangte. Die Gemeinde hat sich in der Kirche zu einer Taufe zusammengefunden.

Glückliche Mutter mit ihrem neu getauften Baby in dem kleinen Bergdorf Yangte. Die meisten Katholiken im Bistum Itanagar gehören zu den Nyishi.

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Taufe in Nyishi-Gemeinde

Während der Tauffeier treten mehrere Mütter mit ihren Babys vor den Altar. Der Pfarrer benetzt die Stirn eines jeden Kindes mit Taufwasser und spricht den Namen laut aus. Dann stimmt die Gemeinde einen feierlichen Gesang in der Nyishi-Sprache an. Auch Schwester Agnes singt mit, obwohl die Sprache für sie noch etwas ungewohnt ist. Die 36-Jährige arbeitet erst seit eineinhalb Jahren im Bistum Itanagar. Sie gehört zur Volksgruppe der Kuki, die im Nordosten Indiens beheimatet ist.

Nach der Taufe kommen einige Frauen mit ihren Kleinkindern zu Schwester Agnes und suchen ihren Rat. Die Ordensfrau hilft, wo sie kann. Der nächste Arzt ist weit entfernt. Es gibt nur wenige Krankenhäuser und Gesundheitsstationen. Besonders Kinder sterben oft an Krankheiten, die, rechtzeitig erkannt und behandelt, leicht heilbar wären. „Es macht mich traurig, wenn ich zu spät gerufen werde und nichts mehr tun kann“, erklärt Schwester Agnes.

Manchmal lässt sich die Not von Menschen jedoch schon mit einfachen Mitteln lindern. „Bei einem meiner Hausbesuche fand ich eine Frau, die mit ihren Kindern in einer völlig verwahrlosten Hütte lebte. Die Frau litt unter Kinderlähmung und konnte den Haushalt nicht allein führen“, berichtet Schwester Agnes. „Sie war nicht mehr in der Lage, ihre Kleidung zu wechseln oder die ihrer Kinder. Meine Mitschwester und ich kamen jedes Wochenende. Wir versorgten die Familie medizinisch und wir badeten die Frau und die Kinder. Wir wuschen die Kleidung und säuberten die Hütte.“

Schließlich baten sie die Katholiken aus dem Dorf um Hilfe, um ein neues Haus zu bauen. Viele halfen. „Heute hat die Familie ein stabiles Haus, das so viel besser sauber zu halten ist als die Hütte zuvor“, erzählt die Franziskanerin. „Das macht mich sehr glücklich.“

Am nächsten Tag ist Schwester Agnes wieder zurück in der Kleinstadt Palin. Hier betreuen die Franziskanerinnen ein Internat für Mädchen. Die Kinder besuchen die benachbarte Don-Bosco-Schule. Für viele Kinder sind diese Unterbringungen oft die einzige Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Denn die nächste liegt manchmal eine Tagesreise weit entfernt. Auch die Don-Bosco-Schule bietet Schülern eine Möglichkeit der Unterbringung.

Pater John Pudussery (2. v. r.) leitet eine Schule und besucht als Pfarrer regelmäßig Nyishi-Dörfer.

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Popsongs und Nyishi-Tanz

Über dem Schulhof wummern die Bässe indischer Bollywood-Songs aus Lautsprecherboxen. Vor versammelter Schulgemeinschaft tanzen Mädchen und Jungen in grünen und pinken Hemden. Nach ihrer Darbietung werden sie mit stürmischem Applaus entlassen.

Unter den begeisterten Zuschauern ist auch Pater John Pudussery. Der Direktor der Schule feiert heute seinen 52. Geburtstag. 600 Schülerinnen und Schüler der Don-Bosco-Schule haben dafür tagelang Theaterszenen, Sketche und einen Big-Band-Auftritt geprobt. Am Ende des Programms tanzen Schülerinnen in traditioneller Tracht der Nyishi mit den typischen Nashornvogel-Kappen.

„Wir bestärken unsere Schüler, ihre Ornamente und Trachten zu tragen“, erklärt Pater John, der ursprünglich aus Kerala stammt. „Wir sind nicht gegen die indigenen Kulturen. Wir unterstützen und ermutigen sie, weil wir als Kirche nicht außerhalb ihrer Kultur stehen wollen.“

Neben seiner Arbeit als Lehrer und Direktor besucht Pater John regelmäßig als einer von drei Pfarrern an den Wochenenden mehrere Nyishi-Gemeinden. Die Pfarrei ist für 32 Dörfer zuständig. Oft wird er dabei von Schülerinnen und Schülern begleitet. „In der Nyishi-Kultur gibt es viele gute Qualitäten, die mit den Werten des Christentums gut vereinbar sind“, führt er aus. „Die möchten wir vertiefen und die Dinge, die nicht vereinbar sind, wie Kinderehen und Polygamie, beenden.“

Besonders in der Förderung von Mädchen sieht Pater John eine wichtige Aufgabe. „Ich muss immer wieder miterleben, wie brillante, vielversprechende Schülerinnen, kaum haben sie die 9. Klasse vollendet, verheiratet werden. Im Alter von 15 Jahren verabschieden sie sich in ein Leben als Hausfrau, oft als Zweit- oder Drittfrau“, berichtet er. Umso mehr freut er sich, wenn es einer Schülerin gelingt, ihren eigenen Weg zu gehen.

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Hausandacht

Am Abend nimmt Schwester Agnes an einer Andacht in einem Haus einer Familie teil. Jeden Abend kommen mehrere Familien in einem anderen privaten Haus zusammen, um gemeinsam zu beten. Wie alle traditionellen Nyishi-Häuser ist das Haus von Familie Tassar ein Bambushaus auf Stelzen. In der Mitte des Raumes brennt ein Feuer.

In einem Nebenraum hat Hausherr Taro Tassar einen eigenen Gebetsraum eingerichtet. Neben Bildern von Jesus, Mutter Teresa und Papst Franziskus hängt hier um ein Kreuz ein großer erleuchteter Rosenkranz. Gemeinsam beten die Familien den Rosenkranz und sprechen Fürbitten. Danach nehmen alle auf dem Boden um das Feuer Platz. Taros Frau Rina serviert ein Reisgericht auf Bananenblättern.

Voller Stolz erzählt sie Schwester Agnes, dass ihre Tochter Mary gerade für eine besonders gute Leistung bei ihrer Ausbildung ausgezeichnet wurde. Die 20-Jährige hatte ihren Abschluss an der Don-Bosco-Schule in Palin gemacht und absolviert jetzt eine Ausbildung zur Wirtschaftsprüferin im Bundesstaat Assam. „Unter 3.000 Studentinnen hat sie in diesem Jahr die beste Abschlussnote erreicht“, berichttet Rina Tassar stolz.

Selbstbewusst und glaubensstark: Mary Ama Tassar macht eine Ausbildung als Wirtschafts­prüferin.

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Glaube und Entwicklung

Mary Ama Tassar hatte lange recherchiert, um eine passende Ausbildung zu finden. „Ich fand Wirtschaft schon immer spannend. Aber mir fehlten Informationen über Berufe und Ausbildungen“, erzählt die junge Frau, die jetzt in Guwahati, der größten Stadt in Nord­ostindien, das „Institut für Wirtschaftsprüfer in Indien“ besucht.

Schließlich hat Mary durch ein Video auf YouTube gefunden, was sie suchte. „Rechnungsprüfung gehört zu den wichtigsten Aufgaben in einem Unternehmen, damit Korruption und Misswirtschaft keine Chance haben“, erklärt die junge Frau ihre Motivation für die Wahl ihrer Ausbildung.

Später möchte Mary in ihre Heimat zurückkehren und als Wirtschaftsprüferin arbeiten. Und sie plant eine ehrenamtliche Berufsberatung für Jugendliche. Denn sie möchte jungen Menschen helfen, sich besser über Studien- und Berufsmöglichkeiten informieren zu können.

Ihr Glaube spielte für Mary auch dabei eine entscheidende Rolle. „Der Glaube ist für mich wie Salz. Er bringt Geschmack in jede Phase meines Lebens. Mir hat mein Glaube geholfen, mich selbst zu finden“, sagt Mary.

Von Bettina Tiburzy

© Missio Aachen

Schüler und Laien als Glaubensboten

Der Bundesstaat Arunachal Pradesh ist der nördlichste der Sieben-Schwester-Staaten. Er grenzt an Bhutan, China und Myanmar. Bis Ende der 1970er-Jahre war Mission in der sensiblen Grenzregion strengstens verboten. Missionare, die es trotzdem wagten, riskierten, verfolgt, misshandelt oder eingesperrt zu werden.

Stephen Toku Taju (rechts) kam in der Schule mit dem Christentum in Berührung. Sein Vater Kame Taku (links) war einst animistischer Priester. Heute ist er Katholik.

Hartmut Schwarzbach/Missio Aachen

Es waren Internatsschüler aus Arunachal Pradeshs Bergdörfern, die in dem kleinen Ort Harmutty eine Schule besuchten und ihre Familien in den Schulferien für das Christentum begeisterten. „Wir Schüler waren die ersten Glaubensboten“, erzählt Stephen Toku Taju. Der heute 41-Jährige ist viele Jahre als Katechist tätig gewesen. Heute arbeitet er an einer Neuübersetzung der Bibel in die Sprache der Nyishi mit. Auch sein 81-jähriger Vater, Kame Taku, ein ehemaliger animistischer Priester, ist heute Katholik.

„Schon als Kinder lehrte uns mein Vater, dass wir Menschen nichts Schlechtes wünschen dürfen“, erzählt Stephen. „Nach unserem traditionellen Glauben kann das einem Menschen schweres Leid zufügen. Stattdessen sollten wir vergeben. Diesen Gedanken finde ich auch im Christentum. Für mich ist die Fähigkeit, zu vergeben, eine der wichtigsten Qualitäten des christlichen Glaubens“, erklärt Stephen. „Und dass es im Christentum Liebe gibt, selbstlose Liebe. Diese Idee gefällt mir sehr.“

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