Mission Nordost: Das andere Indien

  • Monat der Weltmission

Auf dem blutroten Banner steht: „Die Mission muss weg!“. Erzbischof Thomas Menamparampil, 82, begegnete ihm bei einem seiner ersten Besuche in den Dörfern von Nord­ostindien. Heute ist das anders: Die katholische Kirche ist will­kommen, denn sie hat sich einen Ruf als Friedensstifter und soziale Kraft erwor­ben, die das Leben der Menschen verbessern möchte. Aber genügt das, damit die Christen in Zeiten des Hindu­-Nationalismus ihren Platz in der indischen Gesellschaft behaupten können?

Ein winziges Kügelchen erinnert ihn an schwierige Zeiten. Erzbischof Thomas Menamparampil öffnet eine Schublade seines Schreibtisches und nimmt die kleine schwarze Kugel heraus. Er hat sie bei einer seiner Friedensmissionen aufgelesen. Vermutlich sollte sie als Munition für die traditionelle Schusswaffe eines Stammeskämpfers dienen. „Sie hätte auch mir gelten können“, sagt der Erzbischof, und deshalb bewahrt er sie auf als Erinnerung an kriegerische Tage – und als Zeichen für den langen Weg des Fortschritts, den die Region Nordostindien bewältigt hat.

Das soll nicht heißen, dass nun für alle Zeiten Frieden garantiert wäre. Außer in der Unruheprovinz Kashmir sind nirgendwo so viele indische Soldaten stationiert wie in Nordost. Noch immer bestehen viele Rebellengruppen fort, und ihre Forderungen kann man auf Wandmalereien lesen: „Freiheit für das Bodoland“ oder „Ein unabhängiger Staat Assam“. Umso sensibler muss derjenige vorgehen, der sich als Vermittler anbietet und zwischen den verfeindeten Parteien Frieden stiftet.

Erzbischof Thomas Menamparampil mit dem Banner „Die Mission muss weg!“.

Fritz Stark/Missio München

Im Lauf der Jahre haben Erzbischof Thomas, heute 82 Jahre alt und emeritiert, und sein Team genug Erfahrung gesammelt. In nicht weniger als elf verschiedenen Stammeskonflikten konnten sie die Rivalen besänftigen, die um Landrechte, Zugang zu Bodenschätzen oder politischen Einfluss stritten. Mit Geduld, Charme und sanftem Druck ließen sie sich zu tragfähigen Kompromissen bewegen. „Auch die Krieger wollen Frieden“, sagt Erzbischof Thomas und betont: „Den Frieden haben nicht wir gebracht. Das waren die Menschen schon selbst. Wir haben nur ein Klima des Dialogs geschaffen.“

Aus Terroristen werden Teebauern

Schon seit den 1990er-Jahren gibt es Versuche, aus bewaffneten Rebellen friedliebende Bürger zu machen. Die Regierung vergibt zum Beispiel Land, damit bisher perspektivlose Familien ihre eigenen Teestauden anpflanzen können. Die Region ist für ihren Assam-Tee berühmt. Doch der wird hauptsächlich von großen Konzernen produziert. Einfachen Bauern bleiben meist bloß Tagelöhnerdienste.  Die katholische Kirche will das ändern, und betreibt in der Diözese Tezpur eine kleine Fabrik, die die Ernte von mehr als 400 Familien aufkauft und weiterverarbeitet. Bis zu 12.000 Menschen profitieren am Ende davon. „Das ist doch ein viel besseres Leben als bei den Rebellen im Dschungel“, sagt Pfarrer Sebastian KV, der auch Direktor der Teefabrik ist. „Wir zahlen einen guten Preis für die Ernte. Die Menschen können sich ein Haus bauen, ihre Kinder zur Schule schicken und ihre Familie ernähren.“

Dr. Tresa Jose mit der 16-jährigen Mutter im katholischen Krankenhaus in der Pfarrei Dhekiajuli.

Fritz Stark/Missio München

So soll sich die bisher eher vernachlässigte Region Nordost, die im strategisch bedeutsamen Grenzgebiet zu China, Myanmar und Bangladesch liegt, allmählich entwickeln. „Act East“ lautet der Titel, unter dem der umstrittene und gerade frisch wiedergewählte Premierminister Narendra Modi zahlreiche Maßnahmen bündelt: Brücken- und Straßenbau, neue Eisenbahnlinien, elektrischer Strom „bis ins letzte Dorf“, wie bunte Werbeplakate selbstbewusst verkünden.

„Ja, es stimmt schon“, sagt Dr. Tresa Jose. „Einiges ist besser geworden.“ Die Ordensschwester ist zugleich Ärztin und arbeitet seit 1981 in einer kleinen Klinik in der Pfarrei Dhekiajuli. Die katholische Kirche betreibt das Krankenhaus, in dem man sehen kann, wie sich die Gesundheitsversorgung im Lauf der Jahre gewandelt hat. „Malaria, Typhus, Gelbfieber – das alles gibt es kaum noch“, sagt Dr. Tresa Jose. Wahlkämpfer und Regierungsleute würden an dieser Stelle zufrieden nicken und sagen: „Seht ihr, wir sind auf dem richtigen Weg!“

Aber der Blick von Dr. Tresa Jose wandert unruhig von links nach rechts. Denn eigentlich hat sie gerade Wichtigeres zu tun. Dringende Notfälle warten darauf, dass sie sich ihnen zuwendet. Eine junge Frau, fast ein Mädchen noch, hat ein Baby zur Welt gebracht. Die Mutter ist erst 16 – und gilt damit auch in Indien als minderjährig. Sie gehört zum Volk der Adivasi, die hier in der Gegend oft die ärmsten Tagelöhner auf den Teeplantagen stellen. Der Vater des Neugeborenen kommt aus einer Einwandererfamilie aus Nepal.

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Dr. Tresa Jose seufzt. Eine solche Verbindung werde im Dorf als Schande gesehen, deshalb wüssten die beiden nicht, wohin sie gehen sollen. „Das Mädchen weiß doch nicht einmal, wie man sich um ein Kind kümmern soll“, sagt die Ärztin leise. Sie wird helfen, so gut es eben geht. Wird das Baby die Nacht überstehen? Dr. Tresa Jose dreht langsam den Kopf und sagt: „Wir wissen es nicht.“

Dass die Christen, die doch in Indien nur eine kleine Minderheit sind, sich um das Sozialwesen verdient machen, bringt ihnen Respekt und Anerkennung ein.

Besonders unter den vielen Ur-Völkern in Nordost, die sich lange von den Metropolen wie Delhi und Kalkutta vernachlässigt fühlten. Aber nimmt nicht auch hier die Feindseligkeit zu, die christlichen Familien in manchen Teilen des riesigen Landes entgegenschlägt?

Der Bischof weigert sich, Angst zu haben

Mit ihrer nationalistischen Rhetorik schüren die Regierungspartei BJP und ihre militanten Unterstützer, wie der gefürchtete Kampfbund „RSS“, Ängste und Vorurteile gegen Minderheiten wie Christen und Muslime. Indien solle eine reine „Hindu-Nation“ werden, so ihr Ziel. Und hat es nicht erst vor wenigen Monaten nachts einen Anschlag auf eine Statue des Heiligen Johannes Don Bosco gegeben, die vor dem Tor des Bischofshauses von Tezpur steht?

Michael Akasius Toppo, Bischof von Tezpur, mit jungen Christen.

Fritz Stark/Missio München

Der Bischof dort, Michael Akasius Toppo, sagt dazu: „Wir wissen bis heute nicht, wer dahintersteckt.“ War es nur ein dummer Streich von übermütigen Jugendlichen? Oder war es ein gezielter Angriff, um zu sagen: „Die Mission muss weg?“ Bischof Toppo hält allzu viele Vorsichtsmaßnahmen für übertrieben. Am Vormittag haben ihn Mitarbeiter gewarnt: „Bischof, es gibt Nachrichten von Unruhen und Straßensperren. Bleiben Sie heute lieber zu Hause!“ Trotzdem fuhr er in ein benachbartes Dorf, denn er hatte den Menschen dort versprochen, dass er kommt und mit ihnen eine Messe feiert.

Aber wenn er, wie jetzt, am Abend noch einmal durch seine Bischofsstadt Tezpur geht, dann zieht er sich das Bischofsgewand aus und legt neutrale Kleidung an, die ihn nicht sofort als Kirchenmann erkenntlich macht. Eigentlich, so berichtet er während des Spaziergangs, könnten alle gut zusammenleben in Indien. „Wer ein guter Hindu sein möchte, der soll das tun. Wer Moslem sein möchte, soll Moslem sein.“ Und: Wer Christ sein will, muss eben auch Christ sein dürfen. Doch die Radikalen können überall sein, sagt Bischof Toppo. Man weiß nie, ob sie wieder zuschlagen. Aber weggehen werden die Christen hier nicht mehr. Das ist ihre Mission.

Von Christian Selbherr

Der Artikel erschien zuerst im Missio Magazin, Ausgabe August 2019.

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