Hoffnung schenken und neue Perspektiven aufzeigen

  • Diaspora-Aktion 2018

Die Hilfsorganisation Solwodi hilft Frauen in Not – die meisten sind Afrikanerinnen, die durch Menschenhandel in der Zwangsprostitution gelandet sind.

„Bad experiences.“ Schlimme Dinge hat Peace erfahren müssen. Ihre Stimme wirkt zittrig, wenn sie davon erzählt. Als Teenager verließ die heute 35-Jährige ihre Heimat Nigeria. Polygamie, Gewalt in der Familie und die elende Armut. „Ich wollte nicht ein besseres Leben, sondern es ging um mein Überleben.“ Wie viele Frauen aus Westafrika fiel sie in die Hände von Menschenhändlern. Es folgte eine fast zehnjährige Odyssee durch mehrere europäische Länder, Zwangsprostitution und immer wieder Gewalt. „Dinge, über die ich noch vor einiger Zeit nicht offen sprechen konnte“, sagt Peace heute. Zu sehr war sie traumatisiert von ihren Erlebnissen. Auch ihrem Sohn Wisdom möchte sie das nicht erzählen. Der Siebenjährige  steht für ihr neues Leben, das mit seiner Geburt für sie begann.

Noch während sie mit ihm schwanger war gelang ihr der Absprung aus dem Menschenhändlerring. Da Peace – wie viele westafrikanische Frauen auch – nur wenige Schulklassen besuchte, musste sie erst Lesen und Schreiben lernen. Sie lernte Deutsch, machte eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Heute gehört auch Lachen und Freude wieder zu ihrem Leben. Bis hierhin war aber es ein langer und steiniger Weg. „Ohne die Schwestern hätte ich das nicht geschafft. Sie hat Gott geschickt.“ Die beiden Comboni-Missionarinnen Schwester Margit Forster und Schwester „Mabel“ Beatrice Mariotti leiten seit 2008 in Berlin die Solwodi-Beratungsstelle für Frauen in Not und kümmern sich um Migrantinnen, die durch Menschenhandel in der Zwangsprostitution gelandet oder durch Zwangsheirat oder Gewalt in Not geraten sind. Solwodi ist die englische Abkürzung für „Solidarität mit Frauen in Not“.

Interview

Schwester Lea Ackermann hustet heftig am Telefon. Sie hat viel gesprochen und sich aufgeregt. Der Anlass: Zwangsprostitution von Nigerianerinnen.


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„Solidarität bedeutet für uns, dass wir parteiisch und auf der Seite der Frauen sind“, erläutert Schwester Forster. „Die Frauen haben großes Leid erfahren und versuchen, aus ihren Notlagen herauszukommen. Das kann mit unserer Hilfe gelingen.“ Ob Gespräche zur Traumabewältigung, Unterstützung bei Behördengängen oder kreative Angebote wie Tanz oder Malen zur Festigung der Persönlichkeit: Über 300 neue Frauen kommen jedes Jahr in das unscheinbare Erdgeschossbüro in Nachbarschaft der St.-Eduard-Kirche in Berlin-Neukölln. Vor allem Afrikanerinnen sind darunter, viele aus Nigeria, Guinea, Kamerun, Kenia oder der Elfenbeinküste. Immer häufiger klingeln auch Minderjährige an der Tür. Manche sind erst 15. Sie verlassen oft aus geschlechtsspezifischen Gründen ihre Heimat, beobachtet Schwester Forster. Etwa, weil sie vor der Zwangsheirat oder Genitalverstümmelung flüchten.

„Auf der Flucht werden sie oft Opfer des Menschenhandels“, weiß die Ordensfrau. 50.000 Euro oder mehr müssen die Frauen dann an die Schleuser zahlen und werden häufig in die Prostitution gezwungen. Seit 1987 hilft die überkonfessionelle Organisation Solwodi diesen Frauen und anderen Migrantinnen, die in schwierigen Lebenslagen sind. Die mittlerweile bundesweit bekannte Ordensfrau Lea Ackermann sah als Missionsschwester 1985 das Elend von Frauen in Kenia, die sich wegen ihrer Armut prostituierten. Mittlerweile hat Solwodi in 18 deutschen Städten Anlaufstellen für Frauen in Not. Auch das Bonifatiuswerk unterstützt mit der Projektstelle von Schwester Forster die Arbeit der Menschenrechtsorganisation.

Schwester „Mabel“ Beatrice Mariotti im Gespräch mit Peace.

Markus Nowak/Bonifatiuswerk

Ihre Arbeit habe eine starke religiöse Dimension, erzählt Schwester Forster. Viele der Frauen gehörten schon in ihrer afrikanischen Heimat einer christlichen Kirche an. Forster selbst war 12 Jahre lang als Missionarin in mehreren Ländern Afrikas tätig, spricht daher auch Suaheli. Aus ihrem Glauben heraus hilft sie mit ihrer Mitschwester „Mabel“ in der Berliner Solwodi-Kontaktstelle den Frauen in Not und beobachtet, dass viele der Migrantinnen einen Anker im Glauben haben, aus dem sie Hoffnung schöpfen. „Die Frauen zeigen auch uns, wie Glauben funktionieren kann“, sagt die Ordensschwester. „Sie bringen sehr viel Lebensenergie und Kraft auf. Und Gott ist Leben.“

Auch die junge Peace sagt, ihr Glauben half ihr, schlimme Erfahrungen durchzustehen. „Er hat mich durchgebracht“, sagt sie mit fester Stimme. Schwester Forster erzählt von einem Programm für Frauen, die wieder in ihre Länder zurückkehren möchten. Denn nicht immer sei der Verbleib in Deutschland die beste Lösung. Ihnen wird etwa eine Überbrückungshilfe in der Heimat gegeben sowie eine Existenzgründung ermöglicht. In der Regel können die Frauen aber in Deutschland bleiben, besuchen Sprachkurse und machen häufig auch einen Berufsabschluss nach. „Wir wollen den Frauen nach ihren Gewalterfahrung Hoffnung schenken und eine neue Perspektive aufzeigen“, resümiert die Ordensfrau. Peace blickt auf die Ordensfrau und nickt: „Das ist Euch gelungen.“

Von Markus Nowak

© Bonifatiuswerk

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