Endlich Frieden!

  • Friedensarbeit - 11.09.2018

Knapp 20 Jahre lang herrschte kalter Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea. Eine schwer bewachte Grenze trennte die beiden Länder, die sich als unerbittliche Feinde gegenüber standen. Dann gelang im Juli etwas, woran niemand geglaubt hatte: ein Friedensabkommen.

Manchmal geschehen Dinge, die niemand für möglich gehalten hätte. Auf ihrem grünen Plastiksessel, umgeben von fünf Töchtern und ein paar neugierigen Nachbarn, winkt Birikti Aregay Atsibaha entnervt ab: „Was soll sich hier schon ändern? Die ganze Welt kennt doch diesen trostlosen Ort und weiß, dass sich hier nichts ändert“, schimpft die 56-Jährige. Birikti meint ihr Heimatdorf Zalambessa, ein kleiner Ort direkt an der Grenze zu Eritrea. Das war im Februar, und gerade war in der weit entfernten Hauptstadt Addis Abeba der Premierminister zurückgetreten. Gewaltsame Ausschreitungen waren seinem Rücktritt vorangegangen, und nun hielt das Land den Atem an: Der Ausnahmezustand war verhängt – abendliche Ausgangssperre also, Versammlungsverbot, kein Internet, keine sozialen Medien.

In Zalambessa, direkt an der Grenze zum verfeindeten Nachbarn, war diese Art von Ausnahmezustand allerdings seit knapp zwei Jahrzehnten Alltag: Zerschossene Häuser säumen die Straßen. Sie sind Überbleibsel aus dem blutigen Krieg der Jahre 1998 bis 2000, der rund 80 000 Menschen das Leben kostete. Kinder spielen zwischen den Trümmern, streifen tagsüber umher und betteln um Essen. Frauen gehen in Zalamessa nur ungern aus dem Haus und möglichst nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Beide Seiten der Grenze werden von Soldaten bewacht, von jungen Kerlen, die alle schwer bewaffnet sind. Im Februar, als Birikti über diese Trostlosigkeit schimpft, ist Zalambessa und die ganze Grenzregion Äthiopiens noch im kalten Krieg mit dem Nachbarland Eritrea. 18 Jahre lang geht das schon so. Jahre ständiger Anspannung, Überfälle, Entführungen.

Friedensarbeit - 10.07.2018

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Biriktis Nachbarhaus ist seit drei Jahren das Pfarrhaus von Abba Asfaha Besirat. Der Priester hat schon an anderen Grenzorten seinen Dienst getan. Zalambessa aber sei ein besonders schwieriges Pflaster. „Hier gerät jeder ins Visier. Auch diejenigen, die mit Politik nichts zu tun haben wollen“, sagt er. Die Gläubigen seiner Pfarrei St. Peter und Paul sind immer weniger geworden. Wer kann, geht weg aus Zalambessa. „Nur die Alten und die Kinder sind geblieben“, sagt Pfarrer Besirat.

Anders als erwartet

Im Juli ist alles anders: Der 41-jährige Abiy Ahmed, der im April neuer Premierminister geworden ist, tut das Unerwartete: Der Politiker gehört zur Volksgruppe der Oromo, die eine große Mehrheit im Land stellen, und immer wieder gegen Unterdrückung und Benachteiligung aufbegehrt hatten. Als Abiy Ahmed an die Macht kommt, geschieht eben nicht, womit alle rechneten: dass alles weitergeht wie bisher, nur dass sich nun andere Leute bereichern. Stattdessen unternimmt der junge Regierungschef einen Schritt nach dem anderen in Richtung Aussöhnung und Frieden: Er lässt politische Gefangene frei, sucht den Dialog mit Ägypten und dem Sudan und – das ist ein historischer Moment – erreicht bei einem Besuch in Asmara den Friedensschluss mit Eritrea.

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Äthiopien, das Beispielland des Weltmissionssonntags am 28. Oktober 2018, ist eine alte Kulturnation und bekannt für sein urchristliches Erbe.


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Euphorie am Horn von Afrika

Seither herrscht am Horn von Afrika Euphorie, von einem „äthiopischen Frühling“ ist die Rede. Davon, dass es in beiden Ländern aufwärts gehen wird: Im 100-Millionen-Einwohner-Land Äthiopien, dessen Wirtschaft im vergangenen Jahrzehnt einen enormen Boom erlebt hat, wo aber immer noch weite Bevölkerungsteile in Elend und Hunger leben. Und in Eritrea, das auch „Nordkorea Afrikas“ genannt wird, weil es seine Bürger zu einem unbefristeten Militärdienst verdammt und 18 Grenzpunkte zu Äthiopien hat, an denen scharf geschossen wird. All das könnte jetzt Vergangenheit sein, ganz plötzlich, auf einmal.

Politischer Gegenwind

Aber nicht jedem gefällt der politische Wandel: Rund zwei Monate war der neue Premierminister im Amt, als ein Attentat auf ihn verübt wurde. Er entging ihm unverletzt, wusste wohl aber spätestens dann, mit welchen Kräften er sich anlegte. Denn mit dem Wandel bröckeln alte Machtstrukturen: Während viele Äthiopier in bitterer Armut leben, genoss eine kleine Gruppe Privilegien, besaß Macht und Einfluss und prächtige Villen im Ausland. Und dann gibt es diejenigen, die zwischen allen Stühlen sitzen, weil sie aus ihrer Heimat Eritrea in die Flüchtlingslager Äthiopiens geflohen sind. Von dort wollen viele weiter ins Ausland, in die USA oder nach Europa.

Ohne Erklärung in Haft

Kiflemariam Hailu ist einer von denen, die wegen des Regimes in Eritrea ihr Land verlassen haben. „Man hatte mich aus der Armee entlassen. Das war unglaublich, ein Glücksfall. Ich hatte einen Job als Fahrer gefunden und war zufrieden“, erzählt er. „Doch kurze Zeit später wurde ich ins Gefängnis geworfen, ohne jede Erklärung. Als ich frei kam, wusste ich: Wir müssen weg aus diesem Land.“ Kilflemariam und seine Frau haben vier kleine Kinder. Dass allen zusammen die Flucht nicht gelingen würde, war ihnen klar. Also ging Kilfemariam zuerst, heimlich, ohne seiner Frau etwas zu sagen. „Das hätte nur die Wahrscheinlichkeit gesteigert, dass sie gefoltert wird“, sagt er.

Kiflemariam Hailu mit Familie: „Ich wusste, wir müssen weg aus diesem Land.“

Missio München/Jörg Böthling

Augenlicht verloren

Geschlagen wurde Meaza Tekeste dann trotzdem, als bekannt wurde, dass ihr Mann verschwunden war. So sehr, dass sie nun auf einem Auge blind ist. Da nahm auch sie ihren Mut zusammen und floh – mit vier kleinen Kindern. „Wir sind zweieinhalb Stunden gelaufen, zu Fuß. Dass wir nicht erschossen wurden, ist ein Wunder“, sagt sie. Der Tag, an dem sich die Familie im Flüchtlingslager Mai Aini wiederbegegnete, zählt zu den glücklichsten, an die sich das Ehepaar erinnert. Anfang des Jahres waren in Mai Aini 11 718 Flüchtlinge aus Eritrea untergebracht. „Seit 2006 haben wir eine ständig wachsende Zahl an Eritreern registriert“, sagt der für Mai Aini zuständige Mitarbeiter der äthiopischen Flüchtlingsbehörde ARRA. Vier Camps gibt es in der Gegend, alle liegen in einiger Entfernung zur Grenze, „aus Sicherheitsgründen wegen möglicher Überfälle aus dem Nachbarland“. Auch das dürfte nun Vergangenheit sein. Was wird nun aus den eritreischen Flüchtlingen in Äthiopien? Trauen sie dem neuen Frieden?

„Noch haben wir nicht den Eindruck, dass die Menschen zur Heimkehr nach Eritrea bereit sind“, sagt Fr. Endashaw Debrework. Er ist Leiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Ostafrika und überblickt die Situation in der gesamten Region, von Darfur bis Mogadischu. „Die Eritreer warten ab, wie sich ihre Regierung weiter verhält. Der positive Wandel ist unglaublich schnell gekommen. Da bleibt natürlich die Sorge, dass das Regime den Wandel noch einmal ausbremst.“

Bei den Menschen im Flüchtlingslager Mai Aini merkt man schnell, wie schwer die Vergangenheit wiegt: Sonntags kommt Pfarrer Giday Alema hierher, um mit den Bewohnern des Flüchtlingslagers Gottesdienst zu feiern. Die kleine Kapelle ist gerappelt voll. Hinterher kommt man unter einem Baum zusammen und bespricht die täglichen Sorgen: Wie lässt sich mit den zugeteilten Nahrungsmitteln am besten zurechtkommen? Wie gelingt es, den Nachwuchs zum Lernen zu motivieren? Wie verliert man selbst nicht die Hoffnung?

Das Flüchtlingslager Mai Aini bietet knapp 12.000 Eritreern Zuflucht.

Missio München/Jörg Böthling

40 Prozent sind jünger als 18 Jahre

„Das Miteinander unfreiwilliger Nachbarn auf engem Raum ist an sich schon eine Herausforderung“, sagt Pfarrer Alema. Und hier, wo junge Menschen – denn 40 Prozent der Bewohner von Mai Aini sind jünger als 18 Jahre – nicht viel zu tun haben, ganz besonders. Fast alle träumen vom Ausland, viele haben Verwandte dort.

Dass auch im fernen Europa nicht alles einfach ist, geben die, die es dorthin geschafft haben, selten zu. „Mein Sohn ist in Schweden. Er schreibt mir über Facebook, dass er einen Ausbildungsplatz gefunden hat, aber die Sprache schwierig ist“, erzählt ein älterer Herr. Wie geht es dem Sohn, hat er Freunde, ist er glücklich? Dazu schreibt der Sohn nichts. Die Botschaften, die nach Hause geschickt werden, müssen offenbar Erfolgsmeldungen sein. Das Eingeständnis, dass trotz der gefährlichen Reise und den Kosten dafür nicht alles rosig ist, scheint schwer.

Versuch, die Jugend zu halten

Auch Bischof Tesfaselassie Medhin aus der Diözese Adigrat, der Grenzregion zu Eritrea, kennt das Problem. Nicht nur die Eritreer verlassen ihr Heimatland und suchen Zuflucht auf Zeit jenseits der Grenze, auch die Jugend in seiner Gegend kann er nur schwer halten: „Unsere jungen Leute wandern aus. Sie gehen dahin, wo sie glauben, Arbeit und ein Auskommen zu finden“, sagt er. „Der kalte Krieg mit Eritrea hat die Menschen hier traumatisiert. Wegen der ständigen Unsicherheit war es ihnen unmöglich, ihr Leben wirklich zu planen“, betont er.

Dem Trauma und der Wut, dem Hass und der Verzweiflung setzen die Mitarbeiter des Bischofs in den Pfarreien und in den von der Kirche betriebenen Schulen Programme zur Versöhnung und Vorbeugung von Konflikten entgegen. Viele hier haben im Krieg gekämpft, viele haben Angehörige verloren, viele wurden entführt und sind verschollen. Über Jahrzehnte hinweg haben beide Länder Feindbilder aufgebaut. Wie reagieren also die Menschen auf diese plötzliche Annäherung? „Zunächst einmal ist da die riesige Freude: Die Telefonverbindungen nach Eritrea funktionieren wieder: Familien, die durch die Grenze auseinandergerissen waren, können nun miteinander sprechen“, sagt Bischof Tesfaselassie.

Tesfaselassie Medhin, Bischof von Adigrat.

Missio München/Jürg Böthling

„Dauerhafter Frieden nur von innen“

Nun wird es um wichtige Fragen gehen, etwa um offene Grenzen, den Handel zwischen den beiden Ländern, die Zusammenführung von Familien. „Da kommt es darauf an, dass die Menschen in der Grenzregion in die politischen Entscheidungen eingebunden werden. Wir hoffen sehr, dass die Lösung von innen kommt, nicht von außen. Wir haben allzu oft gesehen, was passiert, wenn sich äußere Mächte einmischen und diese so genannten Experten ihre Vorstellungen durchsetzen. Dauerhafter Frieden, da bin ich sicher, kann nur von innen her erreicht werden.“

Die Abwanderung der eigenen Jugend und die Einwanderung der Flüchtlinge sind nur zwei der Herausforderungen, vor denen die Diözese Adigrat steht. So landschaftlich beeindruckend die bergige Region auch ist, so sehr hat sie immer wieder mit Dürren zu kämpfen.

Drogen und Prostitution

Die Volksgruppen Tigray und Afar leben hier und müssen mit den knapper werdenden Ressourcen auskommen. Grenzregionen sind oft Umschlageplätze für Drogen und Prostitution, und auch die Region Adigrat bildet darin keine Ausnahme. Mit den Folgen – und dem Leid der betroffenen Menschen – ist auch die Kirche hier konfrontiert. Bischof Tesfaselassie hat deshalb mit den orthodoxen Christen, die die Mehrheit der Bevölkerung stellen, und den Muslimen – mit drei Prozent eine Minderheit – eine Organisation namens OMCUCA gegründet. Auch, um Not und Armut vereint entgegenzutreten und ein gemeinsamer Ansprechpartner gegenüber staatlichen Stellen zu sein.

Die drei Religionsgruppen betreiben gemeinsam eine Farm, die Frauen aus prekären Verhältnissen einen Arbeitsplatz und somit den Lebensunterhalt sichert. Einige der Frauen sind an Aids erkrankt und können mit ihrem Verdienst Medikamente bezahlen. 150 Apfelbäume, verschiedene Gemüse und Futterpflanzen für die Schafzucht wachsen hier. Das kleine Fleckchen Erde produziert Dinge, die die Hotels der Umgebung, das Krankenhaus und die Universität der Stadt gerne abkaufen, und bringt den Arbeiterinnen dadurch ein Einkommen.

„Das Wichtige an dieser Farm ist ihr Modellcharakter. Wenn sie Erfolg hat, werden wir größere Flächen bewirtschaften“, erklärt Dr. Hailu Hagos, der Vertreter der orthodoxen Kirche. Hagos hat sein Arbeitsleben in London verbracht. Nun, als Rentner ist er zurückgekehrt, um in seiner Heimat etwas aufzubauen. „Die Regierung hat uns das Land geschenkt. Wir alle haben eine kleine Summe beigesteuert. Und nun ernten wir die Früchte der Arbeit“, sagt er. Eine Frau steht im Feld, den Wasserschlauch in der Hand. Sie hat ein Baby auf den Rücken gebunden, ein kleines Mädchen ist neben ihr. „Das hier ist nur ein kleines Stück vom Garten Eden“, sagt er. „Aber es wächst.“

Von Barbara Brustlein, Missio München

Diese Reportage wurde erstmals im missio magazin 5/2018 veröffentlicht.

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