El Salvador ist Beispielland der Misereor-Fastenaktion

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  • Hilfswerke - 06.03.2019

Seit mehr als 50 Jahren engagiert sich das katholische Hilfswerk Misereor in El Salvador. Ein wichtiger Partner ist Fundasal. Die Organisation kümmert sich um ein besonders drängendes Problem in dem Land.

Giovanni Medardo weiß schon genau, wo später das Schlafzimmer sein wird und der Fernseher steht. „Und hier“, er betritt einen etwa neun Quadratmeter großen Raum, „werde ich meine Hängematte anbringen“. Durch die zwei Türen könne der Wind „schön durchwehen“. Ein schlagendes Argument bei über 30 Grad im Schatten und sengendem Sonnenschein. Giovanni ist nicht der einzige, der in dem kleinen Flecken El Transito, etwa 50 Kilometer nördlich von El Salvadors Hauptstadt San Salvador, sein eigenes Haus baut.

Ein ganzes Dorf legt selbst Hand an: von der Lehmziegel-Produktion, über das Ausheben des Fundaments bis hin zum Dachaufbau – alles schaffen sie hier gemeinsam, im Team. Das schweißt zusammen und lässt Ideen für neue Initiativen reifen. Ganz im Sinne von Fundasal, der Organisation, die das Projekt betreut. Wohnen ist ein Baustein für ein Leben in Würde, wie Direktorin Claudia Blanco erläutert. In ganz El Salvador fehle Wohnraum für eine Million Familien, sagt sie. Naturkatastrophen, ein blutiger Bürgerkrieg zwischen 1980 und 1991 sowie Vertreibungen und Dauerkonflikte um Landnutzung seien für diesen Mangel verantwortlich.

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In der Fastenaktion 2019 stehen Jugendliche in El Salvador im Mittelpunkt. In der Schusslinie zwischen Bandenkrieg und Staatsgewalt bleibt ihnen häufig nur der Weg in die Kriminalität oder die Flucht in die USA. Die Misereor-Projektpartner stehen für die Jugendlichen ein.


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„Der Staat tut fast nichts“, sagt die 50-Jährige. In den vergangenen Jahrzehnten hätten die Regierungen nie mehr als 0,01 Prozent der Haushaltsgelder in sozialen Wohnungsbau investiert. „0,01 Prozent“, wiederholt sie kopfschüttelnd und fügt mit ernster Stimme hinzu: Setze sich diese Entwicklung fort, drohe möglicherweise ein neuer Krieg. „Diese Erfahrung wünsche ich niemandem.“

Ein Sinnbild für das Versagen der Politik steht in der Hauptstadt San Salvador. Dort ragt das Betonskelett eines Hochhauses in den Himmel. Es handelt sich um die Reste des Wirtschaftsministeriums, das 1986 durch ein Erdbeben zerstört wurde. In der Innenstadt soll es 18 weitere ehemalige Regierungsgebäude in einem ähnlichen Zustand geben. Die Ministerien sind längst umgezogen – aber niemand scheint sich für eine neue Nutzung der alten Immobilien und Grundstücke verantwortlich zu fühlen. Obwohl auch in San Salvador der Wohnraum extrem knapp ist. So übernachten manche der schätzungsweise 30.000 fliegenden Händler, die tagsüber die Gassen der Altstadt bevölkern, auf der Straße.

Rohbau eines in Lehmziegelbauweise errichteten Hauses in San Pablo Tacachico, El Salvador.

Joachim Heinz/KNA

Wer trotzdem ein Dach über dem Kopf hat, muss nicht selten immer wieder darum kämpfen. Am Ufer des Rio Acelhuate im Viertel Los Manantiales kleben Hütten und kleine Häuser am Hang, dazu Bars und Ladenlokale. Pick-ups quälen sich hupend durch die schmalen Gassen, am Straßenrand verkaufen die Bewohner Obst und Maisfladen. Musik und der Geruch von Essen, Hundegebell und das Gackern von Hühnern legen sich über den Alltag der Bewohner, die jeden Morgen neu vor der Herausforderung stehen, irgendwie über die Runden zu kommen.

Im Jahr 1968 zerstörten Unwetter und eine Überschwemmung weite Teile der Armensiedlung – als „Tragödie“ hat sich das Ereignis in das kollektive Gedächtnis gegraben. Der Jesuit Antonio Fernandez Ibanez (1933-1999) legte damals den Grundstein für Fundasal. Noch heute leben einige Mitstreiter der „ersten Generation“ in den 60 Häusern des von dem Ordensmann konzipierten „Plan Piloto“. Eine von ihnen ist die 86-jährige Estebana Calderon. Zusammen mit ihrer Tochter Cecilia lebt sie in einer kleinen Behausung in der Calle Nummer 5.

Sie führt den Besucher durch das schmale Durchgangszimmer, links ein Sofa und eine durch einen Vorhang abgetrennte Schlafgelegenheit, rechts ein Vorratsraum, weiter hinten der Durchgang zur Küche, die teilweise im Freien steht. Senora Calderon ist keine Freundin vieler Worte – doch so, wie sie da steht, klein aber kerzengerade mit wachem Blick und einem Lächeln, zeugt das von Stolz, von Würde. „Hier wohne ich“, sagt sie. Kurz zuvor haben sie im Gemeinschaftssaal von den Sorgen um die Zukunft erzählt. Seit Jahren versuche man die Behörden dazu zu bewegen, die Wasserversorgung zu verbessern. Nichts tue sich. Das gefährde den Bestand der Kolonie. Es scheint, als ginge Fundasal die Arbeit so schnell nicht aus.