Belgiens Parlament beginnt Aufarbeitung der Kolonialzeit

  • Menschenrechte - 31.07.2020

Erstmals in der belgischen Geschichte soll die Kolonialvergangenheit aufgearbeitet werden. Das Parlament will dafür eine Expertenkommission einsetzen. Die Diaspora fühlt sich nicht ausreichend miteinbezogen.

„Wir machen hier etwas, was kein Land vor uns gemacht hat“, sagt der belgische Grünenabgeordnete Wouter De Vriendt. Der 43-jährige leitet die parlamentarische „Kommission für Wahrheit und Versöhnung“ zur belgischen Kolonialvergangenheit. Mit der Entschuldigung des Königs bei der ehemaligen belgischen Kolonie, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, Ende Juni und der „Black Lives Matter“-Bewegung gebe es ein „Momentum“ für die Aufarbeitung der Kolonialzeit. „Die Belgier wollen nun wirklich die Rolle ihres Landes in der Kolonialzeit erforschen“, sagt De Vriendt. Erstmals gebe es die Möglichkeit, Fortschritte bei dem Thema zu machen.

60 Jahre sind seit der Unabhängigkeit des Kongos von Belgien vergangen. 1962 erlangten auch die heutigen Staaten Ruanda und Burundi ihre Unabhängigkeit. Nun soll Licht in dieses dunkle Kapitel der belgischen Geschichte gebracht werden. „Das Mandat des parlamentarischen Ausschusses betrifft nicht nur Belgiens Verantwortung im Kongo, in Burundi und Ruanda, sondern auch im Kongo-Freistaat“, sagt De Vriendt. Darüber hinaus soll auch die Rolle Belgiens nach der Unabhängigkeit der Staaten untersucht werden. Wie viel Geld floss vom Kongo nach Belgien? Wer erhielt es – Kirchen, das Königshaus, Privatfirmen? Und auch die Auswirkungen der Kolonialzeit auf Rassismus und Diskriminierung heute in Belgien sollen thematisiert werden.

„Begonnen wird mit der geschichtlichen Aufarbeitung“, so De Vriendt. Bereits im Oktober soll ein erster Vorbericht erscheinen, der die Basis für die Arbeit des parlamentarischen Ausschusses bildet. Er soll den Stand der bisherigen Forschung zu Belgiens Kolonialgeschichte wiedergeben, Lücken aufzeigen und Fragen für den parlamentarischen Ausschuss ausarbeiten. Der Bericht soll von einer aus zehn Personen bestehenden interdisziplinären Expertenkommission verfasst werden. Zudem sollen Geschichtsfakultäten im Kongo, in Burundi und Ruanda konsultiert werden. Die Kommission soll sich regelmäßig mit vier Vertretern von Diaspora-Organisationen austauschen. „Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Diaspora in diesen Prozess miteinbezogen wird“, so De Vriendt.

Die Besetzung der Kommission sorgt in der Diaspora seit Wochen für Unmut, obwohl die Namen der Experten erst in den kommenden Tagen bekannt gegeben werden. Die Vorsitzende der Diaspora-Organisation „Bamko-Cran“, Mireille-Tsheusi Robert (38), die Frauen afrikanischer Abstammung vereint, findet es „absolut unmöglich“, dass das Konzept für die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte unter anderem vom Direktor des umstrittenen Afrika-Museum, Guido Gryseels (67), geschrieben wurde. Laut De Vriendt war Gryseels nur einer von vielen Beratern. Die Diaspora fühle sich unzureichend in der Expertenkommission repräsentiert, so Robert. „Wir wollen nicht, dass über uns, ohne uns geredet wird“, sagt sie. Robert kritisiert zudem, dass viele Historiker angefragt wurden. Das ergebe keinen Sinn, da es darum gehe, Verbindungen zwischen dem Rassismus in Belgien heutzutage und der Kolonialvergangenheit aufzuzeigen. Sie spricht sich stattdessen für die Einbeziehung von Soziologen aus.

Aus diesem Grund setze ihr Verein zusammen mit 70 Partnern und anderen Organisationen nun eine eigene Kommission auf. „Insgesamt werden in unserer Kommission 100 Mitglieder sitzen und jeder kann sich bewerben“, sagt sie. Bereits 60 Bewerbungen sind eingegangen. „In der Kommission werden sich dann zehn Unterausschüsse mit bestimmten Themen wie dem finanziellen Schaden, der durch die Kolonialherrschaft entstanden ist, beschäftigen“, sagt sie. Rechtlich werde die Kommission von Anwälte ohne Grenzen beraten. „Unsere konstituierende Sitzung soll im Oktober stattfinden“, sagt Robert. Im Gegensatz zur Expertenkommission des Parlaments will sich die Kommission der Diaspora kein zeitliches Limit setzen. „Es ist unmöglich, ein Jahrhundert in zwei bis drei Monaten gründlich aufzuarbeiten“, sagt Robert.

Im Parlament soll es im Herbst Anhörungen mit verschiedenen Akteuren im Ausschuss geben. „Die Türen sollen dabei weit offen sein“, sagt De Vriendt. Die Anhörungen sollen etwa ins Internet übertragen, die Arbeit des Ausschusses in den Sozialen Medien gespiegelt werden. „Es ist wichtig, dass die Bevölkerung davon erfährt, was während der Kolonialzeit passiert ist“, so De Vriendt. „Für mich ist der Prozess der Aufarbeitung im Ausschuss genauso wichtig wie das Ergebnis.“ Am Ende der Ausschussarbeit, die voraussichtlich mehrere Jahre dauern wird, soll eine parlamentarische Empfehlung an die Regierung stehen. Darin könnte zum Beispiel auch stehen, was mit den Leopold-II-Statuen, die in ganz Belgien stehen, geschehen soll, wie mit den in der Kolonialzeit gestohlenen Kunstgegenständen umgegangen wird oder wie die Opfer entschädigt werden.

„Kein anderes Parlament weltweit hat sich bisher so gründlich mit seiner Rolle in der Kolonialzeit beschäftigt“, sagt der Grünenabgeordnete. „Viele Menschen und Länder schauen nun auf uns. Wir können eine Inspiration für sie sein.“

Debatte - 08.07.2020

Seit 2016 ist Pater Christian Tauchner von den Steyler Missionaren Direktor des Steyler Missionswissenschaftlichen Instituts in Sankt Augustin. Im Interview mit Joachim Heinz (KNA) spricht der 64-jährige Österreicher, der lange in Ecuador lebte, über Rassenhass in den USA, europäische Überlegenheitsgefühle - und was das Erzbistum Köln mit dem Bistum Dschibuti verbindet.


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Von Franziska Broich (KNA)

© Text: KNA