Gemeinschaft von Taizé in Frankreich wird 70

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  • Weltkirche - 17.04.2019

Am Ostersonntag vor 70 Jahren, am 17. April 1949, legten in Taizé im französischen Burgund die ersten Brüder der dortigen Gemeinschaft ihre Gelübde ab. Es war die vielleicht entscheidende Station auf einem geistlichen Weg, der Kirchengeschichte schrieb.

In Europas dunkelsten Jahren wollte er einen neuen Weg gehen. 1940 wählte er den Hügel von Taizé in Burgund, um auf neue Weise Gemeinschaft zu leben: Brüderlichkeit und Verbundenheit, zwischen den Generationen, Völkern, aber auch zwischen den Konfessionen. Die Communauté von Taizé wurde weltberühmt. Ihr Gründer, der Schweizer Frère Roger Schutz (1915-2005), legte am Ostersonntag vor 70 Jahren gemeinsam mit seinen ersten sechs Brüdern ein lebenslanges Versprechen ab.

Das Phänomen Frère Roger ist oft beschrieben worden. Als Sohn eines calvinistischen Pfarrers im Schweizer Jura geboren, ist er das neunte Kind der Familie. Zunächst drängt ihn wenig zur Religion. Roger ist dankbar, dass andere, etwa seine Großmutter Marie-Louise, so fest glauben können, dass es für ihn auch noch reicht. Und schon von Kindheitstagen ist ihm vom wortkargen Vater wie von der liebevollen Großmutter vertraut, dass Protestanten auch in einer katholischen Kirche beten und Gott erreichen können.

Porträt von Frère Roger Schutz, Gründer und Prior der Communauté de Taizé, 1994 in Taizé.

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Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und Hilfe für Kriegsflüchtlinge

Es ist eine Kindheit voller Musik, Klavier, voller Gespräche, Spaziergänge und großer Gastfreundschaft. Aber auch mit Krankheiten. Roger selbst erkrankt schwer an Tuberkulose und schwebt zeitweise zwischen Leben und Tod. Als Jahre später seine Lieblingsschwester Lily ebenfalls todkrank wird, sucht er intensiv die Nähe zu Gott – und er erkennt erst in dieser tiefen Sehnsucht, dass er den Glauben bereits besitzt. Sein anschließendes Theologiestudium ist für ihn mehr Mittel als Freude. Tätige Nächstenliebe im Vertrauen auf Gott – das wird fortan seine Leidenschaft.

Im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) sucht der Schweizer einen Ort, um in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten leben und zugleich Kriegsflüchtlingen helfen zu können. Im Sommer 1940 findet er nahe dem einstigen Reformkloster Cluny das verfallene Weindorf Taizé; einen heruntergekommenen, geistlich verwaisten Flecken. Nur ein paar Kilometer sind es von der Demarkationslinie zwischen der NS-besetzten Zone und dem sogenannten freien Vichy-Frankreich. Hier versteckt Roger jüdische und politische Flüchtlinge. Doch 1942 wird er denunziert und muss in die Schweiz zurückkehren.

Für den Papst ist Taizé ein „kleiner Frühling“

1944 schließlich vollzieht sich, was ein Skandal und ein überraschender Welterfolg wird: Aus der evangelischen Brüdergemeinschaft von Taizé entsteht bis Ostern 1969, vor 50 Jahren, die erste ökumenische Ordensgemeinschaft der Kirchengeschichte – und ein Magnet für viele Millionen Jugendliche aus aller Welt. Ein Fest, eine dauernde christliche Suche. Für den Konzilspapst Johannes XXIII. (1958-1963) ist Taizé ein „kleiner Frühling“ und Frère Roger ein Motor für die ökumenische Bewegung. Alle Päpste seither schätzen den Protestanten und suchen das Gespräch mit ihm.

Zu den unumstößlichen Überzeugungen des Taizé-Gründers, dem Gastfreundschaft über alles geht und der sich Zeit für jeden Menschen in großen und kleinen Nöten nimmt, gehört die Befreiung von allem Ballast: kein Besitz, keine Rechtstitel und Privilegien, keine Archive und Bilanzen, keine Erstarrung oder Selbstzufriedenheit. Suchen, am besten im Gespräch mit der Jugend – immer neu den guten Weg suchen im Vertrauen auf den, dem diese Suche gilt: Gott.

Treffen von Frère Roger mit Mutter Teresa in einem Waisenhaus in Kalkutta im Oktober 1976.
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Hinaus in die Welt

Frère Roger wirkt auch nach außen; er besucht Asien, Afrika, überwindet heimlich den Eisernen Vorhang. Er schreibt Briefe an die Jugend der Welt, selbst als er auf den Knien jenen Säugling hat, den ihm Mutter Teresa aus den Slums von Kalkutta 1976 als Patenkind anvertraut. Ein Organisations-Chaos beim Jugendtreffen? Der Zwang zu improvisieren, um für Zehntausende Essen zu beschaffen? Sehr gut – so muss es sein.

Frère Roger predigt und lebt lebenslang Freiheit und Gottvertrauen. Vielleicht auch deshalb gelingt die Fortsetzung des Abenteuers Taizé, nachdem sein Gründer am 16. August 2005 einen so unsinnigen Tod stirbt: Der Friedenssucher und Friedensbringer Roger Schutz wird, 90-jährig, beim Abendgebet in der Kirche von Taizé von einer verwirrten Frau erstochen, inmitten von Brüdern und betenden Jugendlichen. Die Gemeinschaft trägt ihn lautlos aus der Kirche, und die Gemeinschaft setzt ihr Gebet fort – das tatsächlich immer auch die Suche nach ihrem Weg ist.

Taizé

Taizé ist ein Symbol der ökumenischen Bewegung. Der Ort im südlichen Burgund ist Sitz einer christlichen Gemeinschaft und wurde zum Treffpunkt für Jugendliche aus aller Welt. Der Bruderschaft gehören rund 100 Männer aus etwa 25 Ländern an, die aus der evangelischen und katholischen Kirche stammen. Davon lebt etwa ein Viertel in kleinen Fraternitäten in Asien, Afrika und Südamerika. Diese Brüder teilen ihr Leben mit Straßenkindern, Gefangenen, Sterbenden und Einsamen.

Seit im August 1974 Zehntausende zu einem „Konzil der Jugend“ zusammenkamen, veranstalten die Taizé-Brüder regelmäßig Jugendtreffen in allen Teilen der Welt. Jährlich findet zudem über Silvester in einer europäischen Großstadt ein Taizé-Treffen statt, zuletzt in Prag, Riga und Madrid. 2019 ist das schlesische Wroclaw (Breslau) Gastgeber.

Geleitet wird die Bruderschaft von dem deutschen Katholiken Frère Alois (64). Er wurde 2005 Nachfolger des Gründers Frère Roger (1915-2005). Der Schweizer Calvinist hatte 1944 in Taizé die Gemeinschaft gegründet. Sie setzte sich eine Aussöhnung zwischen den christlichen Konfessionen, eine europäische Verständigung und einen einfachen Lebenswandel zum Ziel. Zu Ostern 1949, vor 70 Jahren, legten sieben Männer Ordensgelübde ab. Sie versprachen Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam.

Die Gemeinschaft, die bald Freunde in unterschiedlichen Kirchen und zahlreichen Ländern Europas hatte, weihte 1962 eine Versöhnungskirche ein, die seitdem der geistliche Mittelpunkt von Taizé ist. Die Bruderschaft gründete Niederlassungen in mehreren Ländern und nahm zu Ostern 1969, vor 50 Jahren, erstmals auch einen Katholiken als Bruder auf. Schwerpunkt der Arbeit heute ist neben der Ökumene die Solidarität mit den Armen und Rechtlosen in der Welt.

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