Wohin sich die weltkirchliche Arbeit in Deutschland bewegt

  • Tagung - 11.06.2021

Seit vielen Jahrzehnten ist das Engagement für die Weltkirche ein Grundstein der katholischen Kirche in Deutschland. Es ist Ausdruck ihrer missionarischen Haltung und der weltweiten Solidarität, die allen Menschen gilt. Die Erfolgsgeschichte der Hilfswerke, von Diözesanpartnerschaften und vielem mehr wird sichtbar am Profil weltkirchlicher Arbeit und an der stetigen Anpassung an sich wandelnde kirchliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Die Konferenz Weltkirche hat ihre gestern Abend (10. Juni 2021) zu Ende gegangene Online-Jahrestagung mit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern genutzt, um ein Resümee der vergangenen Jahre zu ziehen und Weichenstellungen für die Zukunft der weltkirchlichen Arbeit zu setzen. 

Erzbischof Dr. Ludwig Schick (Bamberg), Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, würdigte die zurückliegende Arbeit. Diese hatte einen Paradigmenwechsel von Patenschaft zu Partnerschaft angebahnt und die globale Entwicklung von der „Westkirche zur Weltkirche“ mitgestaltet. Auf diesen Erfolgen dürfe man sich nicht ausruhen. Die Kirche müsse immer „katholischer“ werden im eigentlichen Sinn des Wortes, das heißt in der gegenseitigen Teilnahme an Freud und Leid der anderen. Es werde in Zukunft wichtiger, stärker untereinander und mit nichtkirchlichen Organisationen zu kooperieren.

„Unser Auftrag ist es, die Frohe Botschaft zu den Menschen zu bringen – vor allem zu den Armen. Stichwort: integrale Evangelisierung. Dies bedeutet, das Evangelium den Menschen zu verkündigen, indem man sich konkret für das Wohl und Heil der Menschen einsetzt, zum Beispiel durch Bekämpfung von Hunger, Gesundheitsfürsorge, den Einsatz für Bildungs- und Entwicklungschancen und die Etablierung demokratischer Strukturen, den Einsatz für die Menschenwürde und Menschenrechte und die Bewahrung der Schöpfung. Integrale Evangelisierung meint: Aus dem Evangelium dafür Sorge zu tragen, dass alle Menschen gut leben können und das Leben in Fülle finden“, so Erzbischof Schick. Die Themen der Weltkirche fänden so auch bei jungen Menschen Interesse: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Das ist die Chance der weltkirchlichen Arbeit in der Zukunft. Für die Gemeinden in Deutschland sei die weltkirchliche Arbeit ein Jungbrunnen und dürfe um der eigenen Zukunft willen nicht vernachlässigt werden.

 

 

Aus einer missionswissenschaftlichen Perspektive wies Pater Dr. Markus Luber SJ, kommissarischer Direktor des Instituts für Weltkirche und Mission (Frankfurt a. M.), auf eine wachsende Ambivalenz hin: einerseits genieße die weltkirchliche Arbeit aufgrund ihres caritativen und sozialen Engagements ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Andererseits werde das Interesse der akademischen Theologie an der Reflexion weltkirchlicher Themen diesem Befund nicht gerecht.

 

Um die Arbeit wissenschaftlich zu fundieren, werde es daher nötig sein, Themenkomplexe wie postkoloniale Theorien, Migration und Mobilität, Pentekostalismus, Digitalisierung, Säkularisierung und die Erfordernisse globaler Herausforderungen als „Zeichen der Zeit“ anzusehen und theologisch zu durchdringen. Für die Praxis weltkirchlicher Arbeit müsse noch stärker daran gearbeitet werden, Nord-Süd-Asymmetrien zu überwinden, um zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu gelangen. Dazu gehöre auch die Anerkenntnis, dass wir in Deutschland des missionarischen Engagements von Christinnen und Christen aus anderen Ländern bedürfen. 

„Weltkirche sind wir alle.“

Prof. Dr. Margit Eckholt, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Universität Osnabrück, bezeichnete die Enzyklika Fratelli tutti als Magna Charta der Kirche im 21. Jahrhundert. Vor diesem Hintergrund sprach sie sich dafür aus, die weltkirchliche Arbeit aus der Perspektive der Dekolonisierung neu zu denken. Begangene Schuld und unheilvolle politische Verstrickungen müssten von der Kirche klar benannt werden, um in eine postkoloniale Phase des Kirche-Seins einzutreten. Dazu gehöre auch ein Verständnis, dass Kirche nie abstrakt sei, sondern sich immer in realen Kontexten manifestiere. „Weltkirche sind daher nicht die anderen, Weltkirche sind wir alle.“ Diese verschiedenen Kontexte dürften aber nicht verabsolutiert werden, sondern bräuchten die Relativierung und die Korrektur durch den jeweils anderen.

Prälat Dr. Klaus Krämer, Leiter der Hauptabteilung Kirchliches Bauen der Bistums Rottenburg-Stuttgart, beschrieb die Herausforderungen, die auf die weltkirchliche Arbeit zukommen. Diese reichten von einem andauernden Relevanzverlust der Kirche in der Gesellschaft bis zu einer stetig abnehmenden Spendenbereitschaft. Dieser Entwicklung stehe entgegen, dass die Sensibilität für globale Themen bei den Menschen eher zunehme. In diese Spannung hinein müsse die weltkirchliche Arbeit verantwortungsvoll weiterentwickelt werden. Hierzu gelte es, neue Formate und Partizipationsmöglichkeiten zu entwickeln, um auch neue Unterstützergruppen zu gewinnen. Innerkirchlich müsse diese Arbeit aus ihrem Nischendasein befreit werden, gehöre sie doch wesentlich zum Profil der katholischen Kirche Deutschlands. An strukturellen Veränderungen führe dabei kein Weg vorbei. Dabei gelte es, die Vielfalt des Engagements zu erhalten und zugleich nach intensiverer Kooperation zu suchen.

Die Jahrestagung wird von der „Konferenz Weltkirche“ veranstaltet, in der die Deutsche Bischofskonferenz, die (Erz-)Bistümer, die Hilfswerke, die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK), die katholischen Verbände, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und andere weltkirchlich tätige Einrichtungen zusammenarbeiten.

Thema: Gegenwart und Zukunft der weltkirchlichen Arbeit in Deutschland


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