Vom lebendigen Dialog während des Konzils

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Kleine Episode zwischen Pietro Cardinal Parente und Karl Rahner

Jeder weiß, wie wichtig, ja unentbehrlich in unserer vielgestaltigen, spannungsvollen und widersprüchlichen Situation der gezielte Dialog als wichtige Kommunikationsform ist. Dies ist in der Zwischenzeit auch in der Kirche weitverbreitete Überzeugung und gute Praxis. Gewiss ist noch vieles nachzuholen.

Hier fällt mir immer wieder eine kleine Episode zwischen Kardinal Parente und Karl Rahner während des Konzils ein. Pietro Parente (1891–1986) war an verschiedenen römischen Universitäten von 1926 bis 1955 Professor für Dogmatik und ist vor allem durch seine christologischen Studien bekannt geworden, vielleicht am meisten durch die Abhandlung zum „Ich“ Jesu Christi. Für vier Jahre wurde er 1955 Erzbischof von Perugia, bevor er 1959 im Hl. Offizium Assessor und damit Stellvertreter des ihm schon früher bekannten Kardinales Ottaviani und 1967 Kardinal wurde. Er war ein exponierter Theologe der römischen Schule, theologisch gut gebildet, zugänglich auch für andere Ansichten und insgesamt ein engagierter Teilnehmer des Konzils. Erst vor wenigen Jahren wurden seine Vorschläge, Wortmeldungen und Beobachtungen beim Konzil gesammelt herausgegeben. Dass diese fünfzig Jahre nach dem Konzil noch aufschlussreich sind, zeigt Parentes theologischen und kirchenpolitischen Rang.

Ab 1962 war Lehmann (rechts) Mitarbeiter von Karl Rahner (links), der offizieller Konzilstheologe war. KNA

Karl Rahner braucht nicht vorgestellt zu werden. Beide Theologen kannten sich aus der Theologischen Kommission und der Arbeitsgruppe über die Kollegialität der Bischöfe, vielleicht dem größten und längsten Streit beim Entstehen von Lumen gentium , dem Haupttext über die Kirche.

Es gab gerade auch zwischen den beiden sehr engagierte, richtig streitbare Debatten. Erzbischof Parente erkannte wohl die hohe schultheologische Bildung, die feste Verwurzelung in der Tradition und das treffsichere Latein bei Karl Rahner. Der Streit war heftig, aber man hatte doch trotz unterschiedlicher Wege Respekt und in gewissen Grenzen wohl auch Wertschätzung dem Partner gegenüber.

Die Sitzung war zu Ende. Beide gingen zum Aufzug. Da sagte der spätere Kardinal Parente zu Karl Rahner: „Pater Rahner, Sie sind ja gar nicht so schlimm!“ Karl Rahner kam nach der Sitzung zurück und erzählte mir dies sofort, und ganz gewiss immer noch etwas überrascht, aber auch recht zufrieden.

Dies ist ein kleines Beispiel für die damals, aber auch heute keineswegs selbstverständliche Schule des ernsthaften Dialogs, über den zwar viel geredet wird, aber er muss immer wieder neu eingeübt und durchgehalten werden. Auch heute und morgen.

Von Kardinal Karl Lehmann, Bischof von Mainz

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