Richtungsweisende Versammlung

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Das II. Vatikanische Konzil (1962–1965) steht im Zeichen der Suche nach einem authentischen Weg der Kirche auch in moderner Zeit. Als Papst Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962 die große ökumenische Kirchenversammlung eröffnet, sieht er in dieser Zusammenkunft „die Lebenskraft der Katholischen Kirche bezeugt“.

Neben „Gründen geistlicher Freude“ leugnet er nicht, dass „Schmerzen und Bitternisse seit 1900 Jahren in langer Reihenfolge die Geschichte der Kirche verdunkelt haben“. Im Gegensatz zu vielen Kirchenvertretern seiner Zeit sieht Johannes XXIII. „in den heutigen Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft“ nicht „nur Untergang und Unheil“, sondern auch „einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung“ am Werk. So will er den „kostbaren Schatz“ der kirchlichen Lehre nicht „nur bewahren“ und auch nicht „weitläufig wiederholen“, sondern „freudig und furchtlos an das Werk gehen, das unsere Zeit erfordert“.

Aggiornamento: lebendiges Heute der Kirche

Das Zauberwort, unter dem dieser durch und durch moderne Aufbruchswille Johannes XXIII. in die Geschichte eingeht, heißt „Aggiornamento“. Ins Deutsche gemeinhin mit „Verheutigung“ oder „Vertäglichung“ übersetzt, drückt das Wort prägnant aus, worauf das Konzil, das jetzt beginnt, zielt: auf ein lebendiges Heute der Kirche und des christlichen Glaubens mitten im Alltag einer Welt, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich massiv zu wandeln begonnen hat. Voraussetzung für diesen kirchlichen Aufbruch ist, dass Papst Johannes XXIII. im evangelischen Sinn Augen und Ohren hat, zu sehen und zu hören, was die Kirche bis dahin kaum wagt wahrzunehmen: die voranschreitende Entfremdung der Kirche zur Welt – in die sie aber doch seit jeher gesandt ist, den Menschen das Evangelium zu verkünden. In Wort und Tat.

Papst Johannes XXIII. mit Roger Schütz, Prior der Gemeinschaft von Taize, und Max Thurian, die als Beobachter am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahmen. KNA

Die Eröffnung des Konzils

Als zur Konzilseröffnung am 11. Oktober 1962 knapp 2.500 Konzilsväter in den Petersdom in Rom einziehen, trägt Papst Johannes XXIII. nicht die Papstkrone, sondern eine seiner Mitren. Nicht als Herrscher zeigt er sich, sondern als Hirte; als ein Hirte, der sich nicht länger auf Händen tragen lassen will: Als die Konzilsprozession den Petersdom erreicht, lässt sich Johannes XXIII. ausdrücklich vom päpstlichen Tragsessel absetzen, den er bis dorthin benutzt, um von den vielen auf dem Petersplatz versammelten Menschen besser gesehen werden zu können.

Als er seinen Gang durch die langen Reihen der Konzilsväter beendet hat, stimmt er kniend das „Veni, Creator Spiritus“ („Komm, Schöpfer Geist“) an, bevor er schließlich den für ihn vorbereiteten Platz einnimmt: auf einem einfachen Sitz am Petrusgrab. Vermeintlich kleine Gesten mit letztlich richtungweisender Wirkung.

Freude und Hoffnung

Das Konzil löst „Freude und Hoffnung“ aus und wird zu einem „neuen Pfingsten“ für die Kirche, wie Papst Johannes XXIII. es im Vorfeld der ersten wirklich weltweiten Kirchenversammlung erhofft, worum er gebetet und wofür er sich eingesetzt hat – und mit ihm über 3.000 Konzilsväter und im weiteren Verlauf auch (wenige) Konzilsmütter aus allen Teilen der Welt. Während der insgesamt 178 Treffen im Laufe von drei Jahren werden schließlich 16 Dokumente verabschiedet.

Darin leitet die Kirche als „pilgerndes Volk Gottes“ und im neu erwachten Bewusstsein für die eigene Sündhaftigkeit eine Liturgiereform ein, betont die kollegiale Verantwortung sämtlicher (Orts-)Bischöfe für die gesamte Kirche und ruft alle Glieder der Kirche zur Verbreitung des Evangeliums im kirchlichen Auftrag auf.

Das Konzil entscheidet zugunsten der Ökumene, der Religionsfreiheit und für einen verstärkten Dialog mit den nichtchristlichen Religionen und den Nichtgläubigen; nahezu spektakulär ist die Anerkennung der Juden als auserwähltes Volk Gottes. Das kirchliche Lehramt steht nicht über dem biblischen Gotteswort, sondern hat ihm zu dienen; die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift wird nur noch für die Heilsaussagen in Anspruch genommen, nicht auch für die historischen oder naturwissenschaftlichen Aussagen.

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihrem Herzen seinen Widerhall fände.“

— Gaudium et spes

Über die Kirche in der Welt von heute

In seiner Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute, dem letzten vom Konzil verabschiedeten Dokument, positioniert sich die Kirche schließlich engstens verbunden „mit der ganzen Menschheitsfamilie“. Dort heißt es: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihrem Herzen seinen Widerhall fände.“ Damit klingt indirekt, aber doch sehr konkret und in ungewohnt emotionaler Dichte eines der grundlegenden ekklesiologischen Motive des gesamten Zweiten Vatikanischen Konzils an: die „Kirche der Armen“.

Stand: Dezember 2012

© Vera Krause, Erzbistum Berlin

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Grundlagenartikel zur Adveniat-Aktion 2012. Diesen können Sie hier herunterladen:

Weitere Informationen zur Jahresaktion des Lateinamerika-Hilfswerks finden Sie unter:

www.adveniat.de

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