Ein musikalischer Pfingststurm

  • Zweites Vatikanisches Konzil

Als ein großes Privileg erachte ich die Tatsache, dass mein Theologiestudium in die Jahre des Zweiten Vatikanischen Konzils fiel. Bei der Ankunft im ordenseigenen Studienhaus in London erhielt wir ein schwer wiegendes Geschenk: vier lateinische Handbücher. Sie enthielten die ganze gesammelte Weisheit, die ein Missionar für seine zukünftige Aufgabe brauchte.

Zusammen mit den 30 Studenten war auch ein junger französischer Bibelprofessor angekommen. Sehr bald legte er die alte lateinische „Vulgata“-Bibel beiseite und führte uns in die gerade veröffentlichte „Bible of Jerusalem“ ein. Inspiriert vom Konzilsdokument über das Wort Gottes, verstand er es, uns mit seiner eigenen Begeisterung für die Bibel anzustecken.

Dann war da ein etwas skurriler, aber hochverehrter englischer Dogmatikprofessor. Er las zwar am Anfang jeder Vorlesung ein paar Zeilen aus dem lateinischen Handbuch vor, gab uns dann aber seine eigenen Notizen, in denen er die traditionelle Lehre der Kirche mit den Gedanken der großen Konzilstheologen wie Rahner, Congar und Schillebeeckx genial verband.

Die letzte konziliare Revolution war schließlich Bernhard Härings bahnbrechendes Werk „Das Gesetz Christi“. Seine vom Evangelium her gedachte Ethik ersetzte die tödliche Kasuistik der klassischen Moralbücher. Wir erleben auch noch den letzten verzweifelten Versuch einiger Kardinäle, die die Altersschwäche von Johannes XXIII. ausnutzend, Latein wieder zur Unterrichtssprache in allen Priesterseminaren verpflichtend machten. Der Versuch brach bei der ersten Vorlesung unter dem schallenden Gelächter des stotternden Professors und der amüsierten Studenten zusammen. (Ist es die gleiche Clique, die das unsägliche am lateinischen Text ausgerichtete neue Messbuch für die englisch-sprechende Welt zu verantworten haben?)

Pater Wolfgang Schonecke bei der Trauung eines Ehepaars in Nairobi (Kenia). Afrikamissionare – Weisse Väter e. V.

Im Missionsland der Träume

Bewaffnet mit einer großen Liebe zur Bibel und dem neuen Verständnis des Konzils von Kirche und Mission stiegen wir im Dezember 1964 als frisch gebackene Missionare zusammen mit 140 Priestern, Brüdern und Schwestern in eine Chartermaschine der KLM in Amsterdam, erhielten bei einer Zwischenlandung in Rom Segen und Sendung des Papstes und landeten zwei Tage später im Missionsland unserer Träume.

Für uns Afrikamissionare – Weiße Väter war es selbstverständlich, dass die ersten sechs Monate dem Erlernen der einheimischen Sprache und der Geschichte und Kultur des Landes gewidmet war. Am Ende stieg ich mit eher rudimentären Sprachkenntnissen und der ersten vorläufigen Übersetzung des neuen Messbuches auf ein für 1.000 DM erworbenes secondhand Motorrad und fuhr in meine erste Pfarrei. Der nächste Morgen war Palmsonntag und als erster Priester drehe ich mich vom Hochaltar zu den Leuten um, breite meine Arme einladend aus und sage statt Dominus vobis cum in Kinyarwanda Nimuhorane Imana. Im Andenken an diesen historischen Moment gaben mir die Christen diesen liturgischen Gruß als Spitznamen.

Liturgischer Aufbruch

Es war der Anfang eines Pfingststurms, am beeindruckendsten in der Kirchenmusik. Um die Bedeutung dieses liturgischen Aufbruchs richtig einzuschätzen, sei daran erinnert, dass die ersten Missionare ihren Christen das beibrachten, was sie von Zuhause kannten: die 8. Gregorianische Messe, die die Afrikaner mit großer Inbrunst sangen, ohne ein Wort zu verstehen, und Lieder aus ihrer europäischen Heimat, die sie mit einheimischen Texten unterlegten. Latein war für die afrikanischen Christen kein Problem. Benutzen doch ihre „Fetish-Priester“ bei den geheimen Ritualen ja auch unverständliche Fremdsprachen. Dass manche Texte überhaupt nicht der Wirklichkeit entsprachen, störte niemanden.

Das Konzil löste in Afrika eine Explosion dichterischer und musikalischer Kreativität aus. Im Bild: Tanz zu einer Priesterweihe in Gisuru (Burundi). Afrikamissionare – Weisse Väter e. V.

An einem Adventssonntag hörte ich die Kathedralgemeinde in Dar es Salaam (Tansania) bei knalliger Sonne und 40 Grad Hitze ohne mit der Wimper zu zucken singen: „Twinkle, twinkle little light, in this cold dark winter night“ (Funkel, funkel kleines Licht, in dieser kalten dunklen Winternacht). Ganz Ostafrika sang begeistert die deutsche Nationalhymne zu Ehren des Altarssakramentes und die alten schlesischen Marienlieder berührten die Herzen, auch ohne die Halbtöne, die in der traditionellen afrikanischen Tonleiter nicht vorkommen.

Explosion der Kreativität

Und dann kam das Konzil und löste eine Explosion dichterischer und musikalischer Kreativität aus. In fast allen 2.000 afrikanischen Sprachen komponierten Priester, Ordensschwestern, Seminaristen, Lehrer und jeder Dirigent eines Dorfchoral neue Messen, Psalmengesänge und Lieder mit biblischen Texten und Melodien und Rhythmen aus den Traditionen ihrer jeweiligen Ethnien. Die meisten Kompositionen blieben Eintagsfliegen und waren bald vergessen, andere verbreiteten sich im Nu über das ganze Land und wurden zu Klassikern. Allerdings machten das kreative Chaos und der ständige Wechsel zu neuen Liedern die vom Konzil angestrebte Teilnahme der Laien an der Liturgie eher schwieriger. Die Kirche drohte zum Konzertsaal zu werden, die Messe zur Wettkampfarena der zahlreichen Chöre. Die Bischöfe verordneten Auswahlkriterien für Kirchenmusik und setzten Komites ein, um die Spreu vom Weizen zu trennen – ohne großen Erfolg. Der vom Konzil ausgelöste musikalische Pfingststurm hält bis heute an und bläst wie und wo er will.

Von P. Wolfgang Schonecke MAfr

Zur Person

Pater Wolfgang Schonecke wurde 1938 in Berlin geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie in Deutschland und England, schloss sich Schonecke der Gemeinschaft der Afrikamissionare (Weiße Väter) an. Er engagierte sich mehr als 30 Jahre lang in Pfarreien, Entwicklungsprojekten und Bildungsprogrammen, unter anderem in Uganda und Kenia. Von 1965 bis 1982 arbeitete er etwa in der Pastoral in Uganda. Von 1982 bis 1992 übernahm Schonecke Leitungsaufgaben für seinen Orden der Afrikamissionare. 1994 bis 2001 leitete er die Pastoralabteilung bei der ostafrikanischen Bischofskonferenz (AMECEA). Seit 2008 führt er das Berliner Büro des Netzwerks Afrika Deutschland (NAD).

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