Die „Kirche der Armen“

Im Zusammenhang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bringt Johannes XXIII. die „Kirche der Armen“ im Wortlaut erstmals in einer Radioansprache zu Gehör. Exakt einen Monat vor Eröffnung des Konzils spricht der Papst, der selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammt, in seiner viel beachteten „Botschaft an die Katholiken der Welt“ seine Erwartungen für das Konzil an, das er selbst einberief.

Inständig bittet er seine Glaubensbrüder und Glaubensschwestern rund um die Erde um ihr Gebet für das Gelingen des bevorstehenden Konzils. In einem Abschnitt über die „grundsätzliche Gleichheit aller Völker in der Ausübung der Rechte und Pflichten innerhalb der gesamten Völkerfamilie“ sagt er: „Gegenüber den unterentwickelten Ländern erweist sich die Kirche als das, was sie ist und sein will, die Kirche aller, vornehmlich die Kirche der Armen.“ Diese Worte sind „nicht allein deswegen bedeutsam, weil ein innerer Zusammenhang zwischen der realen Armut und der Kirche ausgesagt wird, sondern auch deswegen, weil der Text zugleich die universale Bestimmung der Kirche mit einer klaren Option behauptet und als geschichtlichen Auftrag formuliert“.

„Gegenüber den unterentwickelten Ländern erweist sich die Kirche als das, was sie ist und sein will, die Kirche aller, vornehmlich die Kirche der Armen.“

— Papst Johannes XXIII.

Erneuerung ad intra und ad extra

In zweierlei Hinsicht gibt Johannes XXIII. während seiner Ansprache selbst an, in welche Richtung er seine Rede verstanden wissen will: In ihrem ureigenen Dienst für das „Reich Gottes“ müsse die Kirche „ad intra“ und „ad extra“ erneuert werden, das heißt sowohl in ihrem inneren Leben und ihrer inneren Struktur als auch nach außen in ihrem „Bezug auf die Bedürfnisse und Nöte der Völker“. Im Blick auf die reale Armut der Welt nimmt der Papst Menschheit und Kirche gleichermaßen in die Pflicht: „Die Vernachlässigung der Pflichten, die sich aus dem siebten Gebot ergeben: das soziale Elend, das um Rache schreit vor dem Angesicht des Herrn; das alles muss deutlich in Erinnerung gebracht und beklagt werden. Pflicht eines jeden Menschen ist es, den Überfluss mit dem Maß der Not der anderen zu messen und genau darüber zu wachen, dass die Verwaltung und Verteilung der geschaffenen Güter allen zum Vorteil gereichen.“

Dienst für das Reich Gottes

All das sind völlig überraschende Formulierungen: „Kirche der Armen“, „neues Pfingsten“, „Aggiornamento“, „Dienst am Reich Gottes“. Gleichwohl spricht Johannes XXIII. damit vielen Menschen aus der Seele, die nicht länger bereit – oder längst nicht mehr in der Lage – waren, Gottes Botschaft und seinen guten Willen für diese Welt in einer Sprache und einem Habitus aus vergangenen Jahrhunderten zu verstehen.

Wenn sich diese Leitgedanken auch nicht im direkten Wortlaut in den Konzilsdokumenten wiederfinden, so ist ihr theologischer Gehalt aus vielen zentralen Konzilsaussagen doch nicht wegzudenken. Wie sehr sie von der großen Mehrheit der Konzilsväter mitgetragen werden, zeigt sich in der „Botschaft der Konzilsväter an die Welt“ vom 20. Oktober 1962. Darin drücken die Vertreter der Weltkirche zum einen die pastorale Intention Johannes XXIII. als Leitlinie für das Konzil aus, zum anderen konkretisieren sie ihre Motivation zu einer grundlegenden persönlichen wie kirchlichen Neuausrichtung – religiös gesprochen könnte man auch sagen: Umkehr – mit einer wiedergewonnenen, unmittelbaren Orientierung am Evangelium.

„Aus allen Völkern unter der Sonne vereint, tragen wir in unseren Herzen die Nöte der uns anvertrauten Völker, die Ängste des Leibes und der Seele, die Schmerzen, die Sehnsüchte und Hoffnungen.“

Ihr tiefer Wunsch nach und ihr engagiertes Bestreben für eine Kirche mit Relevanz für die Welt sowie im Dienst an der Welt findet in folgenden Grundoptionen ihren Ausdruck: „Aus allen Völkern unter der Sonne vereint, tragen wir in unseren Herzen die Nöte der uns anvertrauten Völker, die Ängste des Leibes und der Seele, die Schmerzen, die Sehnsüchte und Hoffnungen. Alle Lebensangst, die die Menschen quält, brennt uns auf der Seele. Unsere erste Sorge eilt deshalb zu den ganz Schlichten, zu den Armen und Schwachen. In der Nachfolge Christi erbarmen wir uns über die vielen, die von Hunger, Elend und Unwissenheit geplagt sind. Wir fühlen uns mit all jenen solidarisch, die noch kein menschenwürdiges Leben führen können, weil es ihnen an der rechten Hilfe fehlt. Deswegen legen wir bei unseren Arbeiten besonderes Gewicht auf jene Probleme, die mit der Würde des Menschen und mit einer wahren Völkergemeinschaft zusammenhängen.“

So klar und eindeutig wie Johannes XXIII. benennen auch die Konzilsväter Beweggrund und Ziel ihrer Absichten: „ ... dass durch die Liebe in einem ersten Aufleuchten bereits hier auf Erden das Reich Gottes sichtbar werde.“

Stand: Dezember 2012

© Vera Krause, Erzbistum Berlin

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Grundlagenartikel zur Adveniat-Aktion 2012. Diesen können Sie hier herunterladen:

Weitere Informationen zur Jahresaktion des Lateinamerika-Hilfswerks finden Sie unter:

www.adveniat.de

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