Nachkonziliare Aufbrüche in Asien, Lateinamerika und Europa

  • Blog - 13.11.2015

Nach einem offenen Singen am Morgen mit Kees Kok, einem Mitarbeiter von Huub Osterhuis aus Amsterdam, wurde die Arbeit am Freitag (13.11.2015) zunächst mit einer Gruppenarbeit in der Aula Magna der Casa La Salle fortgesetzt. Mit einer ersten Zwischenreflexion zum bisherigen Verlauf der Veranstaltungen haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Weiterarbeit in den folgenden Tagen verständigt. Hauptprogramm des Freitagmorgens war eine Podiumsveranstaltung, bei der zwei Vertreter und eine Vertreterin aus drei Kontinenten über ihre Erfahrungen in der Kirche nach dem Konzil berichteten.

Das Konzil und die katholische Kirche in Asien

S. J. Emmanuel, Priester und Präsident des Global Tamil Forums, ist in Sri Lanka geboren und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Er berichtete über die Erfahrungen nach dem Konzil in Asien. Das „Aggiornamento“, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil propagierte Öffnung der Kirche zur Welt, und der Katakombenpakt seien ein Update für die Kirche gewesen. „Gehen wir zurück zu den Quellen“ habe Papst Johannes XXIII. zu Beginn des Konzils gesagt und damit die Armen gemeint. Viele Dokumente und Bewegungen vor allem der Laien im Vorfeld hätten schließlich zur Einberufung des Konzils geführt. Als junger Theologe hat Emmanuel das Konzil erlebt und den Aufbruch von einer europäischen zur Weltkirche erfahren. Vor dem Konzil wären die Kirchen Asiens die Töchter der Mutterkirche in Europa und Rom gewesen, die sie im europäischen Stil ernährt und gesteuert hätte. Nach 500 Jahren der Kolonisierung hätte die Kirche eine neue Identität mit den Kirchen der anderen Kontinente finden müssen. Die Dogmatisierung der Kirche sei nicht das erste Ziel des Konzils gewesen, sondern ein pastorales und ökumenisches Aggiornamento.

Nach dem Konzil hätten die asiatischen Kirchen vieles verändern wollen, wurden jedoch vom römischen Zentralismus, von der Glaubenskongregation und durch ihre Abhängigkeit von der Mutterkirche in Rom häufig noch gebremst. Mit prophetischem und politischem Mut hätten sich schließlich asiatische Theologen von den Abhängigkeiten befreit, indem sie einen dreifachen Dialog durchgesetzt haben: den interkulturellen Dialog, den interreligiösen Dialog und den Dialog mit den Armen, um eine Kirche der Armen zu werden. Heute hätten sie in Asien mehr Mut zum Handeln, um – wie im Katakombenpakt beschrieben – eine Kirche der Armen zu sein. Die Kirche in Europa würden sie zurzeit wie eine Großmutter erleben, die langsam stirbt. Aber es folge eine neue Generation mit Mut zum Handeln in humanitären und sozialen Fragen.

Lateinamerika und die Theologie der Befreiung

Gruppenarbeit in der Aula Magna

Franz-Thomas Sonka

Fernando Torres Millan, Theologe und Engagierter in den Basisgemeinden Kolumbiens, beschrieb die Entwicklungen in Lateinamerika und bedankte sich zunächst für die langjährige Solidarität vieler Gruppen in Europa. Das Konzil und der Katakombenpakt hätten in einer Zeit stattgefunden, als sich in Lateinamerika die große Revolution in Kuba anbahnte. Mitten hinein in die Revolutionsbewegungen seien die Erneuerungsbestrebungen der Kirche gefallen und hätten in diesem Umfeld zur Entwicklung der Theologie der Befreiung geführt. Diese sei eine Antwort gewesen auf die strukturelle Gewalt, Widerstand gegen Unterdrückung jeder Art: Folter, Verschleppung und Ermordung von Katecheten, Laien, Priestern und Ordensfrauen, die ihre Stimme erhoben hätten zur Befreiung des Volkes und für eine Kirche der Armen. Lange habe die Kirche zum Unrecht geschwiegen, ermutigt durch das Konzil hätten viele das Schweigen gebrochen. Zu Unrecht seien sie später mit Verurteilungen durch die Glaubenskongregation konfrontiert worden als einer neuen Form der Inquisition.

Die Kirche der Armen sei zurückgekehrt an die Orte der Anfänge, in die Katakomben. Von hier aus sei vor 50 Jahren ein Impuls zur Erneuerung ausgegangen: das Leid der Unterdrückten, Gefolterten und Armen sei endlich wahrgenommen worden. Die konsequente Umsetzung des Katakombenpakts führe in einem emanzipatorischen Prozess durch die dialogische und partizipatorische Methode des Sehen-Urteilen-Handelns zu einem neuen Frühling in der Kirche, der auch durch Papst Franziskus verkörpert werde. Mehrere Forderungen stellt Fernando Torres Millan für eine Erneuerung der Kirche: das Priesteramt für Frauen gestützt auf die Analyse der feministischen Theologie, ein optionales Zölibat, Veränderung der vatikanischen Strukturen, mehr Demokratie in der Kirche und eine Veränderung der Vatikanbank zu einer sozial geführten Bank der Armen für die Armen. Mit dem Schlusswort des Katakombenpaktes beendete er sein Statement: „Gott helfe uns, unseren Vorsätzen treu zu bleiben!“ 

Der lange Weg zu einer Kirche der Armen

Die Theologin Maria Klemm gehört der Theologischen Bewegung für Solidarität und Befreiung in der Schweiz an. Sie wurde im Emsland geboren. Das Konzil hat die damals Zwölf- bis Vierzehnjährige nicht bewusst wahrgenommen. Mit Theologie und Politik wurde sie erst im Studium am Ende der 60er Jahre in Tübingen konfrontiert und entwickelte sich zu einer kritischen Theologin. Früh hatte Klemm Kontakte in die Schweiz, wo im Bistum Basel damals schon kritische Themen diskutiert wurden und sie als Frau in den pastoralen Dienst eintreten konnte. Sie wurde auf nationaler und internationaler Ebene in der Asylpolitik tätig und hatte enge Kontakte zur Theologie der Befreiung. Klemm hätte immer den Spagat aushalten müssen, als linke Theologin in der Kirche zu arbeiten. Das Konzil und der Katakombenpakt seien für sie immer ein Ansporn gewesen. Ihrer Meinung nach seien die ersten Worte der Konstitution „Gaudium et spes“ nie verwirklicht worden und ins Bewusstsein getreten. Es sei bis heute nicht eindeutig, dass die Theologie und die Praxis in den Pfarreien eine Kirche der Armen anstrebten. Die Befreiungstheologie sei in Europa abstrakt und akademisch geblieben und nicht adaptiert worden. Es werde viel Kraft auf innerkirchliche Strukturen verwendet, Veränderungen für mehr Menschlichkeit in der Kirche aber nicht wirklich vollzogen. Auf die Frage, wie sie diesen Spagat über all die Jahre ausgehalten habe, antwortete die Theologin, dass es für sie immer eine Hilfe gewesen sei, mit Gleichgesinnten auf dem Weg zu sein und ihnen zu begegnen bei Anlässen wie diesem Treffen zum Katakombenpakt in Rom.

Abschließend waren sich die Teilnehmenden des Podiums einig, dass Unterdrückung und Armut nicht der Wille Gottes sei. Keine Religion tötet, jede Götzendienerei müsse bekämpft werden. Wir seien noch immer eine herrschaftliche und imperiale Kirche und weit von einer Kirche der Armen entfernt.

Von Franz-Thomas Sonka, Bistum Münster  

Texte von Dom Hélder Câmara in deutscher Sprache

Der ehemalige Weihbischof von Rio de Janeiro (1952–1964) und spätere bekannte Erzbischof von Olinda-Recife im Nordosten Brasiliens (1964–1985), Dom Hélder Câmara, hat während der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils nächtliche Brief an seine Familie in Brasilien geschrieben. „Seine Familie“ nannte er einen Kreis von Freunden und Vertrauten, mit denen er sich wöchentlich traf, um gemeinsam Bücher zu lesen, Musik zu hören und auszutauschen.

Urs Eigenmann, Herausgeber der deutschen Übersetzung von Dom Hélder Camaras Briefen aus dem Konzil.

Franz-Thomas Sonka

Seit seiner Zeit als Seminarist bis zu seiner Emeritierung hatte er die Gewohnheit, nachts um 1 Uhr für drei Stunden aufzustehen und zu schreiben: Briefe, Meditationen, Gedichte, Predigten und vieles mehr.

So verfasste Dom Hélder auch während des Konzils nachts in Rom handschriftlich 290 Briefe auf Luftpostpapier, um über den Verlauf des Konzils, seine Eindrücke und Gedanken zu berichten und verschickte diese nach Brasilien. Dort wurden sie mit der Schreibmaschine abgeschrieben, vervielfältigt und weiterverteilt. Fast alle Briefe sind erhalten und werden jetzt erstmalig in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht.

Anlässlich des 50-jährigen Gedenkens an den Katakombenpakt stellte der Herausgeber, Urs Eigenmann, am Freitagabend (13.11.2015) in Rom die neue Veröffentlichung vor, die unter dem Titel „Dom Hélder Camara: Briefe aus dem Konzil. Nachtwachen im Kampf um das Zweite Vatikanum“ in der Edition Exodus in Luzern in zwei Bänden auf insgesamt 1.200 Seiten erscheint.

Von Franz-Thomas Sonka, Bistum Münster  

© weltkirche.katholisch.de

Blog

Vom 11. bis 17. November 2015 wird mit einer internationalen Versammlung in Rom an die Unterzeichnung des Katakombenpaktes vor 50 Jahren erinnert. In einem Blog für das Internetportal Weltkirche berichtet Franz-Thomas Sonka aus dem Bistum Münster von der Veranstaltung.

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Veranstaltung

Weitere Informationen und das Programm der Veranstaltung „Katakombenpakt erinnern und erneuern!“ finden Sie auf der Website von „Pro Konzil“.

Zur Website

Am 16. November 1965 trafen sich etwas mehr als 40 Bischöfe aus allen Teilen der Welt in den Domitilla-Katakomben von Rom und legten ein Gelübde für eine dienende und arme Kirche ab.

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