Die Zeichen der Zeit erkennen

  • Blog - 11.11.2015

Mittwochabend (11.11.2015) in der Casa La Salle an der Via Aurelia in Rom. Fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer und die Referenten der 50-Jahrfeier „Hoffnung und Widerstand – Katakombenpakt erinnern und erneuern!“ sind eingetroffen. Sie kommen aus Ländern in Lateinamerika, Afrika und Asien, die größte Gruppe aus dem deutschsprachigen Raum in Europa. So konnte Michael Ramminger, Theologe am Institut für Theologie und Politik in Münster, pünktlich das Programm eröffnen.

Unter großem Beifall der etwa 250 Beteiligten wurden die schon anwesenden Bischöfe begrüßt,  Luigi Bettazzi (91), letzter noch lebender Erstunterzeichner des Katakombenpaktes, früherer Weihbischof von Bologna (1963–66) und Bischof von Ivrea (1966–99), und Erwin Kräutler (76), seit 1980 Bischof von Xingu/Brasilien, der sich vor allem für die Menschrechte der indigenen Bevölkerung einsetzt.

„Zurück in die Katakomben? Ein not-wendiger Schritt“

Michael Rammingers Einführungsvortrag stand unter dem Thema „Zurück in die Katakomben? Ein not-wendiger Schritt“. Er schlug den Bogen von den Ereignissen des Konzils bis in die Gegenwart. Erinnerung sei nie nostalgisch, sondern immer eine Herausforderung für Gegenwart und Zukunft. Das Anliegen der zukunftsweisenden Konstitutionen „Gaudium et spes“ und „Lumen gentium“,  als Kirche immer die Armen, Notleidenden und Bedrängten in den Mittelpunkt zu stellen, sei in der Geschichte häufig in Vergessenheit geraten. Der Traum von einer Kirche, die nicht mit Machthabern und Herrschenden ein Bündnis eingehe, sei während des Konzils durch die Selbstverpflichtungen der Unterzeichner des Katakombenpakts zum Ausdruck gebracht worden und nie ganz in Vergessenheit geraten. Die Öffentlichkeit warte bis heute und mehr denn je darauf, dass sich die vatikanische Kirche zu einer demokratischeren wandelt. Hoffnung, Utopien und Glaube scheinen in unserer Zeit aus den Religionen ausgewandert zu sein, aber mit Papst Franziskus, der die Zeichen der Zeit erkennt, bekämen Solidarität und Gerechtigkeit eine neue Bedeutung innerhalb der Kirche. Der Katakombenpakt habe vor 50 Jahren die Perspektive und Hoffnung entwickelt, das Christentum als ein Wagnis zu betrachten, Gerechtigkeit und Solidarität wirksam werden zu lassen.

Die beiden Hauptvorträge des Abends standen unter dem Motto „Vom Katakombenpakt zum ‚Franziskus-Projekt‘“ und wurden  von Pfarrer Norbert Arntz, Initiator der Veranstaltung aus Kleve im Bistum Münster, und Marco Politi, deutsch-italienischer Journalist und international bekannter Vatikanexperte aus Rom, gehalten.

Pfarrer Norbert Arntz aus Kleve: Die Erinnerung an den Katakombenpakt ist keine Nostalgie.

Privat

Norbert Arntz hat noch einmal den Gedanken aufgegriffen, dass Erinnerung keine Nostalgie sei. Sie befreie aus dem Gefängnis der Gegenwart und lehre uns, dass es in der Geschichte immer auf uns ankomme, dabei aber nie ganz von uns abhänge. Die Erinnerung an den Katakombenpakt und dessen Entstehungsprozess bedeute nicht, die Vergangenheit zu romantisieren, sondern stehe immer in der Spannung zwischen einer dienenden und einer herrschenden und mächtigen Kirche. Arntz betonte, dass es nie leicht sei, sich von den Bürden der Geschichte zu befreien. Das sei vor 50 Jahren so gewesen und sei noch heute so. Er zitierte in diesem Zusammenhang aus den Briefen des brasilianischen Erzbischofs Hélder Câmara, in denen er schrieb, wie er schmerzhaft die Abschlussfeier der Zweiten Konzilsperiode am 4. Dezember 1963 im Petersdom erlebt hatte: „Ganz genau auf der Höhe des kolossalen Reiterdenkmals von Konstantin traten wir in St. Peter ein. […] Wer hat behauptet, die konstantinische Ära sei vorbei? Während der ganzen Zeremonie – es war für mich ein Alptraum – sah und hörte ich das steinerne Pferd durch die Basilika galoppieren. Es trug den bedauernswerten König, der wie ein trauriges Symbol für eine Epoche wirkte, die wir längst hinter uns gelassen haben wollten. Aber da ist sie noch – höchst lebendig…“

Das Ende der konstantinischen Ära

Die Gruppe, die sich während des Konzils unter dem Namen „Kirche der Armen“ traf und schließlich den Katakombenpakt beschloss, wollte mit dieser Epoche endgültig aufräumen und ihr ein Ende setzen. Das wäre sozusagen die Geburtsstunde der Option für die Armen gewesen, auch wenn dieser Begriff erst später in der Versammlung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen in Medellín 1968 kirchlich formuliert wurde. Die Selbstverpflichtungen des Katakombenpaktes seien dafür die Grundlage gewesen – nicht paternalistisch, sondern als eine Option, die aus dem Evangelium hergeleitet und in die Strukturen und Institutionen der Kirche eingebracht worden sei. Ziel einer armen Kirche sei die österliche Kirche der Befreiung aller Menschen. Und diesen radikalen Wandel wolle Papst Franziskus heute vollziehen, wie in vielen seiner Aussagen zum Teil radikal deutlich würde.

Die Vision von Franziskus

Marco Politi griff diesen Gedanken des Wunsches nach Veränderungen von Papst Franziskus auf. Zunächst aber erläuterte er, dass die Katakomben für ihn kein düsterer und negativer Ort seien, sondern ein Ort, an dem das frühe Christentum die Anfänge der christlichen Kunst entwickelt habe. So müsse man auch den Katakombenpakt sehen: Hier hat etwas seine Anfänge gefunden, das später erblühen und Früchte tragen werde. In diesem Kontext konnte Papst Franziskus, wie er es wenige Tage nach seiner Wahl getan hat, sagen „Ich wünsche mir eine arme Kirche für die Armen.“ Der Papst höre nicht auf zu betonen, dass der Bischof und das Volk zusammen gehören. Etwas ganz Neues entwickle sich mit diesem Papst, das an den Katakombenpakt denken ließe: Die Menschen auf dem Petersplatz würden kaum noch wie früher „Viva il Papa“ rufen, sondern einfach nur „Grazie! – Danke!“. Die Vision von Franziskus sei eine synodale Kirche, die eine monarchische und hierarchische ablöse. Ob sich Franziskus aber mit seinen Visionen in der vatikanischen Kirche durchsetzen könne, sei für Politi sehr fraglich. Die Gruppe der stillen und abwartenden Gegner sei groß, die Zahl der Befürworter sehr gering. Das zeige sich in vielen Ereignissen der jüngsten Zeit, unter anderem bei der Synode. Franziskus brauche im Moment den Rückhalt aus dem Kirchenvolk. Das sei auch ein Grund für ihn gewesen, das Jahr der Barmherzigkeit auszurufen. Und er betone zurzeit wie noch beim Angelus am vergangenen Sonntag vehementer denn je, dass er es mit den Reformen und deren Umsetzung sehr ernst meine.

Auf die Frage, ob Franziskus die Anliegen des Katakombenpaktes aufgreife, antwortete Norbert Arntz, es gäbe darüber kein Protokoll, dass er ihn zu seinem Programm gemacht habe. Aber in Äußerungen und bei Entscheidungen fänden sich Hinweise, dass er ihn für eine veränderte Situation und Zeit von heute wieder aufgreife. Der Katakombenpakt fordere auf, zu den Wurzeln zurück zu gehen, und das wolle auch der Papst. Er ziele auf eine pastorale Umkehr sowohl kirchenamtlich als auch strukturell und in kirchlichen Handlungsweisen. Marco Politi weist in diesem Zusammenhang abschließend darauf hin, dass der Papst wisse, wovon er spräche. Er käme aus einer Millionenstadt und sei regelmäßig wöchentlich in die Niederungen dieser Stadt hinabgestiegen. Er kenne die Armen und deren Lebenssituation.

Von Franz-Thomas Sonka, Bistum Münster  

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Katakombenpakt erinnern und erneuern!

Weitere Informationen und das Programm der Veranstaltung „Katakombenpakt erinnern und erneuern!“ finden Sie auf der Website von „Pro Konzil“.

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