Rio bereitet sich auf die Jugend der Welt vor

Der Countdown für den Weltjugendtag in Rio de Janeiro läuft. Mit Spannung erwartet man in Brasilien das erste große öffentliche Auftreten des neuen Papstes im Ausland, von dem man sich ein Aufbruchssignal für die Kirche im „größten katholischen Land der Erde“ erwartet. Sicher ist bereits, dass die Umwälzungen im Vatikan das Interesse an dem Groß-Event zusätzlich angeheizt haben.

„Die Vorbereitungen laufen weiter wie geplant.“ Dieses knappe Statement war vom lokalen Organisationskomitee des Weltjugendtags (WJT) in Rio nach der Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt XVI. zu hören gewesen. Wenig später relativierte der Erzbischof von Rio de Janeiro, Orani João Tempesta, diese Aussage. Man rechne nun mit mehr als den ursprünglich angepeilten 2,5 Millionen Teilnehmern, so Orani.

Von Rio de Janeiro könnte demnach ein Signal des Aufbruchs ausgehen. Das wünschen sich zumindest die Brasilianer. Zwar gilt das Land nach wie vor als „das katholischste Land der Welt“, zumindest was die offiziellen Zahlen bekennender Gläubiger betrifft. Aber in den letzten Jahrzehnten hatte die katholische Kirche auch in Brasilien an Zuspruch verloren, während gleichzeitig evangelikale Gemeinschaften stärker wurden.

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Besonders unter Jugendlichen wollen die Organisatoren des WJT Interesse am Glauben und kirchlichen Engagement wecken. „Dieser WJT wird viel Positives für Brasilien bringen, denn derart intensive Momente hinterlassen stets ein wichtiges Erbe“, glaubt Padre Ionaldo Pereira da Silva, der einer Gemeinde im Zentrum der Acht-Millionen-Stadt vorsteht. „Unsere Hoffnung ist es, dass durch das jugendliche Antlitz, das wir Jesus geben werden, viele Jugendliche zu Gott finden, besonders aus den sozialen Brennpunkten hier in Rio.“

„Dieser WJT wird viel Positives für Brasilien bringen, denn derart intensive Momente hinterlassen stets ein wichtiges Erbe.“

— Padre Ionaldo Pereira da Silva

60.000 Freiwillige im Einsatz

Das scheint zu gelingen – die 60.000 benötigten freiwilligen Helfer waren schnell gefunden. Zudem mobilisiert die dezentrale Organisation des WJT die Gemeinden der Diözese von Rio de Janeiro. Um nicht dem chaotischen Verkehr in der Stadt ausgeliefert zu sein, finden die Katecheseveranstaltungen sowie das kulturelle Rahmenprogramm nämlich nicht an zentralen Orten, sondern in den einzelnen Gemeinden statt. Die nach Rio kommenden Pilger werden in Sprachgruppen zusammengefasst und dann einer Gemeinde mit einem entsprechenden Angebot an Unterkünften zugewiesen.

„Unser Anliegen ist es, die großen Pendlerbewegungen innerhalb der Stadt zu den Veranstaltungen an der Copacabana und zum Messegelände in Guaratiba zu begrenzen“, sagt Monsenhor Joel Portella Amado, Generalsekretär des lokalen Organisationskomitees. So sind an dem weltberühmten Strand zwei Großveranstaltungen mit Beteiligung des Papstes geplant. Dieser soll nach bisherigem Planungsstand die Jugendlichen dort am 25. Juli begrüßen. Am nächsten Tag wird er an gleicher Stelle an der Kreuzwegandacht teilnehmen.

Walmyr Junior ist ehrenamtlicher Mitarbeiter im Organisationskomitee des WJTs in Rio de Janeiro. Escher/Adveniat

Abschlussmesse mit Papst Franziskus

Lange hatte das Organisationskomitee nach einem geeigneten Ort für die große Abschlussmesse Ausschau gehalten. Da mehr als zwei Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet werden, musste man auf eine entsprechend große Freifläche im äußersten Westen der Stadt ausweichen. Die Anfahrt zu dem im Stadtteil Guaratiba gelegenen 3,5 Millionen Quadratmeter großen Gelände wird problematisch werden, dessen ist sich das Organisationskomitee bewusst. Immerhin verbessert die Stadtverwaltung derzeit die Zufahrtswege und die Infrastruktur auf dem Gelände. Hier findet am Vorabend der Messe auch eine abendliche Gebetsveranstaltung statt, zu der auch der Papst erwartet wird.

Noch sind weitere Einzelheiten über zusätzliche Programmpunkte der päpstlichen Agenda unbekannt. Erst im April wird eine Delegation des Vatikans in Rio erwartet, die die Agenda des neuen Papstes während des WJT festlegen soll, erklärte Erzbischof Tempesta. Aufgrund der angeschlagenen Gesundheit von Papst Benedikt XVI. war ein Besuch der weltberühmten Cristo-Erlöserstatue auf dem Corcovado-Berg zuvor aus dem Programm gestrichen worden. Nun dürfte dem Besuch eines der wichtigsten Symbole der christlichen Welt wohl nichts mehr im Wege stehen.

Rio wird die Pilger begeistern

Während des Weltjugendtags wird der Zugang zur Cristo-Statue rund um die Uhr freigegeben sein, hatte das Organisationskomitee bereits vor Wochen erklärt. Geplant sind in 710 Meter Höhe Andachten und Gebetswachen unter freiem Himmel. Überhaupt bietet die Stadt ein perfektes Szenario für die größte Veranstaltung der katholischen Welt. Traumstrände und von Urwald bedeckte Berge, dazu selbst im dann herrschenden tropischen Winter angenehme Temperaturen. Rio wird die Pilger aus aller Welt begeistern, sind sich die „Cariocas“, die Bewohner Rio de Janeiros, sicher.

„Man sieht sehr viel Armut, einen großen Kontrast zwischen Arm und Reich, und dem müssen wir uns stellen.“

— Markus Hartmann, Arbeitsstelle Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz
Luxusapartments und Favelas - die sozialen Gegensätze sind in Rio de Janeiro offensichtlich. Escher/Adveniat

Aber sie werden auch mit den erschreckenden sozialen Gegensätzen der Stadt konfrontiert werden. „Für mich persönlich wird dieser WJT eine Herausforderung werden, weil diese Feier des Glaubens angesichts der sozialen Situation hier in der Stadt nach Antworten verlangt“, so Markus Hartmann von der Arbeitsstelle Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir unseren Glauben nicht nur feiern, sondern auch leben, und diese Stadt gibt ein Bild ab, das mich tief betroffen macht. Man sieht sehr viel Armut, einen großen Kontrast zwischen Arm und Reich, und dem müssen wir uns stellen.“ Zwar könne man nicht über Nacht eine Lösung finden, aber „jeder Einzelne muss sagen, was er tun möchte“.

Die Hütten auf den Hügeln

Gut 1.000 „Favelas“, wie die Armenviertel in Rio genannt werden, durchziehen das Stadtbild. Wer auf die Luxuswohnhäuser an der Copacabana blickt, sieht dahinter die Hütten auf den Hügeln. Zwar hat die Polizei in den letzten fünf Jahren 30 der gewalttätigsten Favelas der Stadt besetzt und die dort einst herrschenden Drogenbanden vertrieben. Trotzdem haftet der Stadt immer noch das Makel der Gewalt an. Das hat laut Markus Hartmann auch dazu geführt, dass dieses Mal „nur“ 2.500 Pilger aus Deutschland kommen werden. Besonders minderjährige Jugendliche hätten angesichts der vermeintlich unsicheren Lage auf die Anreise verzichtet. Immerhin reisten 2008 gut 6.000 Deutsche zum WJT im australischen Sydney, gut 16.000 waren 2011 im spanischen Madrid mit dabei. Viele Jugendliche werden aber in Deutschland bei Veranstaltungen unter dem Leitwort „Weltjugendtag Zuhause“ das Großereignis verfolgen und auf ihre Weise „mit dabei“ sein.

Die Sicherheitskräfte in Rio haben bereits fertige Einsatzpläne für den WJT in der Schublade. So wurden während des Karnevals bereits mit Überwachungskameras bestückte Zeppeline getestet, die in 30 Meter Höhe über den Stadtvierteln schweben. Ob derartige Maßnahmen überhaupt nötig sind, ist umstritten. Traditionell laufen Großereignisse in Rio de Janeiro vollkommen friedlich ab. „Viele schauen voll Zweifel und Sorge auf uns“, hatte Erzbischof Tempesta bereits vor Wochen erklärt. „Aber wir alle werden überrascht sein zu sehen, dass der Herrgott mit seiner Gnade all das übertrifft, was wir planen und voraussehen können.“

Von Thomas Milz

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