Klimabeziehungen

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Die neue „Umwelt-, Sozial- und Klimaenzyklika“ von Papst Franziskus ist im zivilgesellschaftlichen Bereich, insbesondere bei den Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, des Klima- und Umweltschutzes und den KapitalismuskritikerInnen sehr positiv aufgenommen worden. Dieser Beitrag möchte das Augenmerk vor allem auf die soziologischen und pastoralen Aspekte der Enzyklika richten und danach fragen, was wir als Einzelne beim Lesen dieses Textes erfahren können.

„Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle.“

— Laudato Si 23

Die Analyse der Beziehungsfähigkeit des Menschen ist der rote Faden dieser Enzyklika. Die Enzyklika „Laudato Si – Über die Sorge um das gemeinsame Haus“ richtet sich deshalb „an alle Menschen, die guten Willens sind“.

Der Autor des Textes, Christian Griebenow, ist Geschäftsführer der Klima-Kollekte, einem CO2-Kompensationsfonds christlicher Kirchen in Deutschland.

Christian Griebenow

Dieser Adressatenkreis ist insofern konsequent, als dass es keine „innerkatholische Lösung“ für die Herausforderungen des Klimawandels geben kann, sondern nur durch das Zusammenwirken aller Menschen. Gleichwohl kann es aber auf globale Fragen genuin christliche Antworten geben.

„Laudato Si“ ist ein Text, der zur Reflexion anregt, dabei hilft, die eigenen Positionen zu hinterfragen, und der viele Anregungen enthält, das eigene Handeln als Mensch und Gesellschaft zu reflektieren und zu verändern.

Die Umwelt beschreibt Papst Franziskus in Kapitel vier der Enzyklika als das Produkt der Beziehung zwischen der Natur und der Gesellschaft. „Die Sorge um das gemeinsame Haus“ drückt sich vor allem in der Besorgnis um die Dreiecksbeziehung Gott, Mensch und Natur aus. Er sieht deshalb auch keine Trennung der sozio-ökonomischen und der ökologischen Krise, sondern beschreibt diese als Eins, welche nur durch ganzheitliche Lösungsansätze bearbeitet und vielleicht auch gelöst werden können. Er zitiert in diesem Zusammenhang seinen Vorgänger Benedikt XVI:

„Jede Verletzung der bürgerlichen Solidarität und Freundschaft ruft Umweltschäden hervor.“

— Laudato Si 142

Jede bewusste oder unbewusste Störung der Beziehung zwischen den Menschen, zwischen Gott und den Menschen und der Natur mit den Menschen schadet damit unserer Umwelt. Daraus kann man im Umkehrschluss ableiten: tun wir etwas für die Umwelt und den Klimaschutz, so tun wir „nicht nur“ etwas für unsere Umwelt, sondern stärken auch unsere Beziehung zu Gott, den Mitmenschen und der Natur.

Die geistliche Erneuerung findet gemäß diesem Prinzip nicht rein intellektuell statt, sondern vollzieht sich in praktischen Werken. Durch diese Werke werden wir nicht gerecht, wir leisten aber einen Beitrag zur Klimagerechtigkeit, zum Frieden im Inneren wie im Äußeren und zur Bewahrung der Schöpfung. Wer mit Gott, sich, den Nächsten und der Welt im Reinen ist, lebt bewusst und nähert sich einer mentalen und ökologischen Balance.

Handlungsanleitung zur Liebe

Papst Franziskus wählt nicht den Begründungsansatz der Rationalität („schaut her wie schlecht es um unsere Umwelt bestellt ist“), sondern erläutert eine Handlungsanleitung zur Liebe: der Liebe des Menschen zu Gott und der Natur. Ein Ansatz, der den Menschen einlädt, eine Beziehung zu dem, was sie/ihn umgibt, einzugehen, und so letztendlich gelenkt durch die Bande dieser Beziehungen und der Zuneigung zur Umwelt zu leben und Entscheidungen zu treffen. Durch diesen Prozess verspricht sich Franziskus eine globale und radikale Veränderung, die das Klima vielleicht noch retten könnte.

Der Papst fordert deshalb eine „echte menschliche Entwicklung“, die nachhaltig ist und die Beziehungen der Menschen zu Gott und der Natur fest im Blick hat. Er stellt fest, dass

„die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind.“

— Laudato Si 10

Die Enzyklika "Laudato Si" ist das erste päpstliche Lehrschreiben, das ökologische Fragen in den Mittelpunkt stellt.

KNA

Lebendige Klimabeziehung

Nur wer in Beziehung zur Natur und Gesellschaft – im Bewusstsein der Gerechtigkeit gegenüber jenen, die Mangel leiden, – lebt, kann einen inneren Frieden erreichen. Dieser Prozess schließt die Sorge um das Klima und die aus dieser Fürsorglichkeit erwachsende Beziehungen mit ein. Insofern ist der Versuch inneren Frieden zu erreichen auch der Versuch, sich in eine Klimabeziehung zu begeben. Diese Klimabeziehung sollte, wenn sie lebendig sein soll, sowohl im eigenen Leben als auch im politischen Engagement sichtbar werden. Das bedeutet z. B. beim Einkaufen, beim Reisen und bei der Auswahl des Stromanbieters klimafreundliche Entscheidungen zu treffen. Auch im politischen Engagement kann jede/r Einzelne durch Beteiligung an Unterschriftenaktion und bei Wahlen dazu beitragen, dass z. B. die Energiewende gelingt und der eigene Staat im Sinne des Klimas verhandelt, wenn im Dezember in Paris über ein neues globales Klimaabkommen entschieden wird.

Wenn 1,2 Milliarden Katholiken diese Klimabeziehung eingehen und somit die in „Laudato Si“ postulierten Grundsätze und Handlungsempfehlungen beherzt anwenden, wäre dem Klima sicherlich ein gutes Stück geholfen. Die Chance, dass durch solch ein Zeichen auch alle anderen Christen und Nichtchristen diesem Aufruf folgen, wäre dann sicher erheblich größer. Die Aufforderungen des Papstes sind aber nicht als Plan B zu verstehen („sollte die COP 21 in Paris scheitern“), sondern vielmehr als ein den politischen Prozess ergänzendes Moment – wenn man genau hinschaut vielleicht sogar dessen Antriebskraft.

Insofern wünsche ich uns allen mit Blick auf die Weltklimaverhandlungen in Paris und die Jahre danach gute Klimabeziehungen! Lassen Sie sich drauf ein – Sie sind in bester Gesellschaft.

Von Christian Griebenow

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Zum Autor

Christian Griebenow studierte Politikwissenschaft, Jura und Geschichte und arbeitet seit zehn Jahren im Arbeitsfeld Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Seit April 2014 ist er Geschäftsführer der Klima-Kollekte. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Fraktionsreferent im Deutschen Bundestag und als Geschäftsführer der Konferenz für Friedensarbeit im Raum der EKD tätig.

Klima-Kollekte

Wer für Emissionen, die sich nicht vermeiden lassen, freiwillig einen Ausgleich leisten will, kann das mit der Klima-Kollekte, dem CO2-Kompensationsfonds christlicher Kirchen in Deutschland, tun. Mit dem Geld aus dem Kompensationsfonds werden Klimaschutzprojekte in den Ländern des globalen Südens unterstützt.

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Klimapilgern

Am Sonntag, 13. September, startet in Flensburg der Ökumenische Pilgerweg für Klimagerechtigkeit. Mehr Informationen zu der Aktion finden Sie in unserem Dossier.

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