Glaubwürdigkeit und ein langer Atem

Wie viele andere Organisationen verfügt das Evangelische Missionswerk in Deutschland (EMW) über einen Verhaltenskodex zur Förderung von Transparenz und Vermeidung von Korruption. Soweit zur Theorie. Wie aber sieht die praktische Seite aus, wenn es in partnerschaftlichen Beziehungen zu einem Korruptionsverdacht kommt?

Grundsätzlich muss dann gelten, dass einem solchen Verdacht nachgegangen wird, egal, aus welcher Quelle er stammt. Dies ist der Glaubwürdigkeit der Partnerschaft geschuldet. Überdies verpflichten die eigenen Kodizes zu eben diesem selbstkritischen Umgang mit einem zunächst noch potenziellen Korruptionsvorfall.

Viele Augen und Ohren nehmen mehr wahr: Dies ist eine klar positive Erfahrung, die lehrt, alle Akteure und weiteren Partner frühzeitig zu vernetzen und einen gemeinsamen Kenntnisstand zu ermöglichen. Besonders sinnvoll ist es aus Sicht des EMW dann, eine Vereinbarung darüber herbeizuführen, wer aus dem Spektrum von Partnern die Federführung für Recherchen und das Vorantreiben der Aufklärung übernimmt – und dann regelmäßig berichtspflichtig ist. Außerdem wirkt der Grundsatz „one face to the partner“ in solchen Fällen klarstellend.

Korruptionsfragen sind Leitungsfragen

Die operative, meist im unmittelbaren Austausch stehende Ebene darf mit der Problematik nicht allein gelassen werden. Die eigene Nähe zum Projekt oder Partner würde sonst schnell zur Überforderung führen. Eine „neutralere“ Instanz einzuschalten verdeutlicht dem Partner, dass die Angelegenheit von besonderer Bedeutung, häufig auch Dringlichkeit ist. Wenn aber die Leitungsverantwortung im Umgang mit einem Korruptionsverdacht hier bejaht wird, muss sie sich beim Partner widerspiegeln. An- bzw. Nachfragen sind deshalb auch die Leitungsebene des vermutet korrupten Partners zu richten. Ein Hinweis auf die „Handlungsvollmacht“ auch für Dritte kann dabei den Aufarbeitungsdruck erhöhen. Dass dabei auf eine klare, aber auch faire Fristsetzung zur Reaktion bzw. Mitteilung über beabsichtigte oder erfolgte Aufklärungsschritte geachtet wird, sollte selbstverständlich sein.

Olaf Rehren ist seit 1995 Geschäftsführer des Evangelischen Missionswerks in Deutschland (EMW). EMW

Einen langen Atem bewahren

Bis zu diesem Punkt ähneln sich die positiven Erfahrungen des EMW in unterschiedlichen Sachverhalten. Dann ist zu differenzieren: Die Aufklärung eines strafrechtlichen Vorfalls, z. B. Unterschlagung oder Betrug, mag – so die Erfahrung des EMW – leichter sein, weil Ermittlungsbehörden einen Teil der objektiven Aufklärung übernehmen. Bei Verdachtsmomenten, in denen die Ausgangslage und die Verursachung eines Korruptionsfalls unklar sind, etwa wechselseitige Vorwürfe erhoben, ggf. wechselseitige Gerichtsverfahren angestrebt werden, erscheint dies mühsamer. Nimmt man die Rolle von Aufsichtsgremien in den Satzungen der jeweiligen Partner ernst, muss man Anfragen an eben diese Ebene richten, sie erforderlichenfalls drängen, ihrer Aufsichtsrolle gerecht zu werden. Die Mühsamkeit solcher Vorhaben (einschließlich der Recherche, wer dann überhaupt der richtige Ansprechpartner ist) nimmt mit der mangelnden Beweisbarkeit von Vorwürfen exponentiell zu. Hier heißt es einen längeren Atem bewahren.

„Glaubwürdigkeit ist auch eine Frage des Durchhaltevermögens!“

— Olaf Rehren

Allen Phasen der Aufklärung sollte nach Erfahrungen des EMW eigen sein, dass Mittel zunächst eingefroren werden, um die Recherchen nicht zu konterkarieren. Bei Verdachtsmomenten, die sich durch die Einschaltung von externen Experten, etwa im Finanzbereich, leichter und neutraler überprüfen lassen, sollte dieser Weg gegangen werden. Ein Wissensaustausch zwischen den nachforschenden Partnern bzw. Akteuren über geeignete Personen erleichtert dies. Kosten sollten dabei nicht abschrecken: Eine solche Investition erweist sich im Verhältnis zum Schaden bei Nichtaufklärung häufig als gut vertretbar, zumal die Kosten ggf. geteilt werden können. Eine lückenlose Dokumentation erleichtert dabei nicht nur die Klärung des konkreten Vorfalls, sondern trägt zur Qualifizierung für den künftigen Umgang bei.

Erfreulich ist, so die Erfahrung des EMW, wenn Einigkeit darüber besteht, Angelegenheiten nicht auszusitzen (etwa wegen des nahen Ruhestandes eines Verdächtigen, Neuwahlen etc.). Glaubwürdigkeit ist auch eine Frage des Durchhaltevermögens!

Wenn solche Erfahrungen, Investitionen in den Kapazitätsaufbau für Transparenz vor Ort und eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit dem erhöhten „Nervpotenzial“ von Korruptionsfällen für alle Beteiligten zusammenkommen, kann es gelingen, positive Entwicklungen auch auf der praktischen Seite zu erreichen und damit Verhaltenskodizes erleb- und umsetzbar werden zu lassen.

Von Olaf Rehren,
Geschäftsführer des Evangelischen Missionswerks in Deutschland (EMW)

© weltkirche.katholisch.de