„Wir möchten lernen“

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  • Bad Boll - 20.01.2015

Mut zur Transparenz“ ist der Titel einer Tagung , bei der sich ab Mittwoch in Bad Boll Vertreter kirchlicher Werke mit Korruptionsbekämpfung in der Entwicklungshilfe befassen. Im Interview erklärt Michael Hippler, worum es bei dem Treffen geht. Der Finanzexperte ist beim Bischöflichen Hilfswerk Misereor für den Umgang mit den Geldern aus dem Bundeshaushalt verantwortlich.

Frage: Herr Hippler, kirchliche Entwicklungshilfe hat insgesamt einen sehr guten Ruf. Wie kommt es, dass sich die großen evangelischen und katholischen Werke mit Korruptionsbekämpfung befassen müssen?

Hippler: Weil wir unseren guten Ruf behalten wollen. Korruption ist in zwei Richtungen möglich: Zum einen bei uns und zum anderen bei den Partnern vor Ort. Angestoßen hat den ganzen Prozess vor einigen Jahren Transparency International Deutschland . Die Organisation steht für das Gefühl, dass Transparenz nicht nur in der Politik, sondern auch in der Zivilgesellschaft notwendig ist. Das Beispiel Limburg mit den verschleierten Millionenkosten für den Bischofssitz zeigt, welche Folgen fehlende Transparenz haben kann.

Frage: Gibt es Länder, Weltregionen oder Projektarten, die als besonders korruptionsanfällig gelten?

Hippler: Indizien über die Situation in den einzelnen Ländern liefert der Weltkorruptionsindex . Aber ich warne vor Verallgemeinerungen. Es kann überall gut laufen, und es kann überall schlecht laufen. Besonders anfällig für Korruption und Vetternwirtschaft sind die Beschaffung von Materialien, Baumaßnahmen und das Personalwesen.

Frage: Wie hoch schätzen Sie den Schaden ein, der bei Misereor durch Korruption entsteht?

Hippler: Die Störfälle betreffen bei uns weit weniger als ein Prozent der Summe, die wir zur Verfügung haben.

Frage: Wie versucht Misereor Missbrauch zu verhindern?

Hippler: Wir haben seit Jahren klare Richtlinien , die in vielen Sprachen online bei uns abrufbar sind. Wir prüfen bei Anträgen immer Professionalität und Seriosität. Haben Partner interne Schutzmechanismen? Auch in unserer Zentrale in Aachen gilt das Mehr-Augen-Prinzip. Zudem arbeiten wir mit externen Sachverständigen zusammen. Geld gibt es nie auf einen Schlag, sondern immer nur in Raten. Wir fordern auch Berichte über Fortschritte.

Bei Beschaffungen sind ab einer Höhe von 500 Euro Ausschreibungen und Vergleichsangebote vorgeschrieben. Wir bieten den Partner Hilfe an, um Angebote zu prüfen. Der Billigste ist nicht immer der Günstigste, es kommt wesentlich auf die Qualität von Arbeiten an. Im Personalwesen verlangen wir öffentliche Ausschreibungen, damit nicht gute Kontakte zum Geschäftsführer oder zur Personalabteilung entscheiden. Ab einer Projektsumme von 100.000 Euro verlangen wir eine externe Buchprüfung. Auch für Verdachtsfälle haben wir ein abgestuftes Verfahren. Wenn es Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gibt, stellen wir sofort alle Zahlungen ein.

Frage: Wie kommen solche Vorgaben bei den Partnern an?

Hippler: Zunächst nicht immer gut. Es kann das Gefühl entstehen, dass wir dauernd kontrollieren. Wir erklären dann: Misereor und die Partner können nicht politisch gutes Regierungshandeln einfordern, ohne es selbst zu praktizieren.

Frage: Die Tagung in Bad Boll verspricht Informationen über innovative Ansätze zur Korruptionsvermeidung. Wie können die aussehen?

Hippler: Auch wenn wir schon lange Leitlinien haben: Wir wollen uns qualitativ weiterentwickeln. So könnte in den Nehmerländern eine Ombudsstelle geschaffen werden, an die sich jeder wenden kann, der das Gefühl hat, etwas läuft schief. Wir möchten von anderen Institutionen lernen: Was hat geklappt, was nicht, was ist überflüssig? Für verbesserungsfähig halte ich auch die Frage, wie wir als Hilfswerk eine 360 Grad-Perspektive bekommen, also alle einbeziehen. Wie beteiligen wir stärker die Armen als Letztbegünstigte unserer Hilfe?

Frage: Korruption ist kein Tabuthema. Aber wie passt es zusammen, eine Tagung unter die Überschrift ‚Mut zur Transparenz‘ zu setzen und dann die Medien auszuschließen?

Hippler: Die Frage ist mehr als berechtigt. Aber die Veranstaltung hat einen Werkstattcharakter. Dort ist es möglich, in einem geschützten Raum zu sprechen. Die Ergebnisse werden aber veröffentlicht. Es geht uns nicht darum, die Öffentlichkeit auszuschließen.

Das Interview führte Michael Jacquemain (KNA).

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Hör-Tipp

Misereor-Geschäftsführer Thomas Antkowiak spricht im Interview mit dem WDR über die Bekämpfung von Korruption in der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit. Siehe auf der WDR-Webseite die Sendung „Aus der Welt der Religionen“ vom 4.1.:

www.wdr.de