Transparenz ja – aber bis zu welchem Grad?

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Auf Initiative von Transparency Deutschland ist 2009 die Fachtagungsreihe „Mut zur Transparenz“ begründet worden. Kirchliche Missions- und Entwicklungswerke arbeiten gemeinsam mit Transparency und der Evangelischen Akademie Bad Boll an konkreten Maßnahmen gegen Korruption. Dazu gehören Sensibilisierung der Mitarbeitenden, Kriterien bei der Partnerauswahl, Prävention und risikobasiertes Controlling sowie Transparenz. Im Rahmen der vierten Fachtagung im März wurde ein innovatives Gesamtkonzept für Korruptionsbekämpfung vorgestellt und gemeinsam weiterentwickelt.

Kaum sind die Türen zum Konferenzraum geöffnet, füllt sich der Saal schnell. Das Medieninteresse an der Pressekonferenz, zu der Segenswerk, eine kirchliche Nichtregierungsorganisation, kurzfristig eingeladen hat, ist groß. Auf dem Podium sitzen: der Geschäftsführer von Segenswerk, ein Compliance-Mitarbeiter und der Pressesprecher. Letzterer ist sichtlich nervös, als er mit seinen Ausführungen beginnt. Ein Routineaudit bei einem ausländischen Projektpartner von Segenswerk habe aufgedeckt: Gehälter seien mehrere Monate lang überhöht abgerechnet, ein Teil des Materials auf lokalen Märkten verkauft worden. Die Mitarbeiter der Partnerorganisation hätten die daraus resultierenden Einnahmen in die eigene Tasche gesteckt. Für einen Mitarbeiter aus dem Bereich Öffentlichkeitsarbeit ist dieses Szenario ein kommunikativer Super-GAU. Wie soll man das der Öffentlichkeit und vor allem den Spendern erklären? Wie kann das Vertrauen in die spendensammelnde Organisation jemals zurückgewonnen werden?

Zum Glück handelt es sich hier um ein fiktives Szenario. Zum Glück sitzen wir in einem kleinen Konferenzraum in der evangelischen Akademie in Bad Boll und nicht auf einer richtigen Pressekonferenz. Die Teilnehmer eines Seminars im Rahmen der Tagung „Mut zur Transparenz IV“ proben den Ernstfall. Gesucht wird nach der richtigen Kommunikationsstrategie im Korruptionsverdachtsfall. Eine fertige Strategie steht hinterher noch nicht, doch grundlegende Erkenntnisse sind gewonnen:

1. Spenderinnen und Spender schätzen die Wahrheit.

2. Ein transparenter Umgang mit Verdachtsfällen fördert das Vertrauen; das bereitwillige Ablegen von Rechenschaft macht den Lernprozess sichtbar, in dem sich Förderer und Projektpartner befinden.

3. Offene Kommunikation über das Thema Korruption zeichnet ein realistisches Bild der Herausforderungen und Risiken im Bereich der Projektarbeit.

So weit so gut. Interessant wird es jedoch, wenn es um die Frage des Transparenz-Grades geht: Wie offen kommunizieren wir als Hilfswerk über Verdachtsfälle von Korruption? Compliance-Vertreter von Brot für die Welt zeigen in einem weiteren Seminar anhand von Beispielen die komplette Spannbreite der Transparenz auf – vom Schweigen bis hin zur Veröffentlichung aller Verdachtsfälle mit Befunden auf der Internetseite.

In der Szene der kirchlichen Nichtregierungsorganisationen gibt es immer noch Vorbehalte gegenüber einer offenen und proaktiven Kommunikation über Korruption und einzelne Fälle. Zu groß ist die Angst vor einem Imageschaden und einem daraus resultierenden Einbruch der Spenden. Doch es geht voran. Die Tagung in Bad Boll hat uns vom Kindermissionswerk auf dem Weg hin zu einer offeneren Kommunikation bestärkt. Wir haben verschiedene Kommunikationsszenarien durchgespielt und arbeiten stetig an Verbesserungen. Der beste Fall ist natürlich, dass es keinen Fall gibt, aber für den Ernstfall fühlen wir uns nun noch mehr ermutigt und noch besser gerüstet.

Ich bin gespannt darauf, wie wir uns als kirchliche Nichtregierungsorganisation in diesem Themenfeld weiterentwickeln. Vielleicht wäre auch ein einheitlicher Grad an Transparenz hilfreich, auf den sich alle Werke zukünftig in ihrer Kommunikation einigen, um die Scheu vor der Kommunikation über das Thema Korruption abzulegen und es in der Öffentlichkeit gemeinsam nach vorne zu bringen. Einiges ist bereits angestoßen, viele weitere Schritte sind noch möglich. Dabei haben wir Rückenwind von ganz oben. Papst Franziskus hat in seinem Gebetsanliegen vom Februar 2018 treffend formuliert: Korruption kann nicht mit Schweigen bekämpft werden.

Lena Kretschmann ist Teamleiterin Online-Kommunikation beim Kindermissionswerk „Die Sternsinger“. Ihr Teilnehmerbericht erschien erstmals in der Juniausgabe des „Scheinwerfers – das Magazin gegen Korruption“.

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Seit Jahren wird in der Gesellschaft der Ruf nach Transparenz lauter. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Debatte um die Haushalte deutscher Bistümer. Ebenso wichtig sind Transparenz, Rechenschaft und Vertrauen auch in der weltkirchlichen Projekt- und Partnerschaftsarbeit.


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