Südafrika und seine Sprachverwirrung

  • Blog: Nachrichten aus Pretoria - 03.03.2016

Vergangene Woche sendete mir meine Freundin und ehemalige Mitbewohnerin ein Video aus Pretoria zu, das mich zutiefst schockierte. Besagtes Filmmaterial zeigt eine größere Menschenansammlung, bestehend aus Studierenden der University of Pretoria, die aggressiv auf das Sicherheitspersonal und weitere Angestellte losgehen. Die Auseinandersetzung eskaliert schließlich, als ein schwarzer Student rücklings einen der weißen Mitarbeiter anspringt und ihm mit geballter Faust ins Gesicht schlägt. Kommentiert wird diese Gewaltausschreitung durch das hämische Lachen eines Mädchens aus dem Hintergrund (selbst nicht im Video zu sehen), das schadenfroh applaudiert. 

Die Proteste um die Abschaffung von Afrikaans als Unterrichtssprache führten an der University of Pretoria zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Mehrere Menschen wurden dabei verletzt.

Perdeby

Für mich sind diese Szenen unbegreiflich und beängstigend zugleich. Sofort nehme ich Kontakt zu meinen ehemaligen Kommilitonen und Freunden, aber auch zu meinen Professoren auf und erkundige mich nach deren Wohlergehen. Zum Glück wurde niemand aus meinem Bekanntenkreis während der Ausschreitungen auf dem Campusgelände verletzt. Doch was ist vorgefallen, was ist der Auslöser für diesen derartigen Ausnahmezustand, der noch immer herrscht? Ich sprach in den letzten Tagen mit vielen verschiedenen Studierenden, sowohl weißen als auch schwarzen Südafrikanern. Dabei wurde ich mit vielen, zum Teil sehr unterschiedlichen Meinungen konfrontiert. Eines scheinen sie jedoch alle gemeinsam auszudrücken: ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Worum geht es?

Der 22-jährige Jurastudent Vuyisile Malinga, selbst schwarzer Südafrikaner, hilft mir dabei, einen ersten Überblick über die Ausgangslage des Geschehens zu gewinnen: „In den vergangenen Wochen ist eine Protestbewegung aus Studierenden gewachsen, die sich dafür einsetzt, Afrikaans als die Sprache der weißen Südafrikaner und neben Englisch die derzeitige Unterrichtssprache an der Universität aufzugeben. Als sich letzte Woche jedoch das Managementpersonal der Universität mit den studentischen Vertretern traf, um die derzeitige Sprachenpolitik (Language Policy) zu besprechen, eskalierten die Demonstrationen auf dem Campus.“

Wer steht hinter der Protestbewegung?

Als ich nachfrage, wie diese studentische Initiative entstanden ist, erklärt mir Vuyisile weiter: „Es handelt sich hierbei um eine Anschlussbewegung an die „Fees-Must-Fall-Kampagne“ („Studiengebühren müssen fallen“), die Ende des letzten Jahres durch die sogenannte „UPrising“-Gruppierung gegründet wurde. Diese bestand damals ebenfalls aus Studierenden der University of Pretoria, die sich gegen eine Erhöhung der Studiengebühren stark gemacht hatte. Eine weitere Forderung vieler Studierender ist es nun, dass Afrikaans als Unterrichtssprache abgeschafft wird.“

Anders als bei der „Fees-Must-Fall-Kampagne“, so erläutert der evangelische Pfarrer Jacob Corzine, selbst Amerikaner, aber in Pretoria lebend, gibt es für die jetzige Protestbewegung keinen konkreten Auslöser. Auch sei zu beachten, „dass es keine einheitliche Bewegung der schwarzen Studierenden“ sei. Ihn persönlich enttäuscht es zu sehen, dass sich viele Studierende von einer Minderheit vertreten lassen, die „den Gebrauch von Gewalt für ein berechtigtes Mittel hält und auch bereit ist, diese anzuwenden“.

Polizeiaufgebot an der University of Pretoria: Nach einer zeitweisen Schließung des Uni-Geländes wurde der Lehrbetrieb in dieser Woche unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen wieder aufgenommen.

Perdeby

Grund für die Protestbewegung

Obwohl ich selbst vergangenes Jahr in Pretoria studiert habe und somit ein Bild von den zum Teil noch immer bestehenden gegenseitigen Vorurteilen und Vorwürfen der weißen und schwarzen Südafrikaner gewinnen konnte, frage ich Vuyisile nach dem genauen Grund, der sich hinter der Forderung der Protestierenden verbirgt: „Die ‚Afrikaans-Must-Fall-Bewegung‘ verfolgt das Ziel einer höheren Inklusivität und Integration an der Universität. Deshalb soll Afrikaans als ein Restbestandteil der Apartheid-Ära nicht mehr länger als Vorlesungssprache angeboten werden. Viele weiße Studierende, die demnach selbst afrikaanssprachig sind, glauben jedoch fälschlicherweise, es handele sich dabei um einen allgemeinen Angriff auf die Kultur und Identität der Afrikaaner, weshalb sie eine Gegenbewegung gegründet haben, die ‚AfrikaansSalBly‘ (Afrikaans soll bleiben). Es geht vielmehr darum, die Vormachtstellung der Afrikaans-Kultur an der hiesigen Universität aufzugeben, um eine gleichwertige und gerechte Repräsentation der verschiedenen afrikanischen Kulturen und Sprachen zu ermöglichen. Aus diesem Grund, so der Wunsch vieler Studierender, soll es in Zukunft nur noch ein einziges sprachliches Medium geben, durch das sich alle ausdrücken: Aus praktischen Gründen sollen alle Vorlesungen nur noch in Englisch angeboten werden. Zwar haben wir elf verschiedene Landessprachen, doch können diese unmöglich alle an der Universität vertreten werden.“

Rechtfertigung der Gewalt?

„Die Dekolonisierung in unserem Leben stellt das Leben eines jeden afrikanischen Kindes dar“, so Vuyisile im Fortgang unseres Interviews. „Wir müssen die institutionelle Exklusivität und den strukturellen Rassismus aufbrechen. Nur dann kann Versöhnung in unserem Land geschehen. Es ist eine Schande, dass ausgerechnet diejenigen, die am meisten unter diesen Ungerechtigkeiten leiden, nur dann gehört werden, wenn sie zu gewaltsamen Mitteln greifen.“

Auf Vuyisiles Aussage hin frage ich provokant zurück, ob seiner Meinung nach die Gewaltausschreitungen in diesem speziellen Falle somit gerechtfertigt seien. „Das ist keine einfache Frage. Ich kann nicht reinen Gewissens sagen, dass ich diese Gewalt dulde, aber ich kann die Unvermeidlichkeit verstehen, zu diesen Maßnahmen greifen zu müssen.“

„Wir müssen die institutionelle Exklusivität und den strukturellen Rassismus aufbrechen. Nur dann kann Versöhnung in unserem Land geschehen.“

— Vuyisile Malinga, Jurastudent

Konfrontation mit der Vergangenheit und die Angst um Identitätsverlust

Neben Vuyisile habe ich mich auch mit Nola Malan ausgetauscht. Sie studiert Theologie an der University of Pretoria und ist selbst weiße Südafrikanerin. Da ihre Muttersprache folglich Afrikaans ist, besucht sie auch die afrikaanssprachigen Vorlesungen. Anders als Vuyisile hat sie sehr wohl den Eindruck, dass durch die Protestbewegung nicht nur Afrikaans als Unterrichtssprache sondern die Kultur der weißen Südafrikaner insgesamt angegriffen wird. Auch wenn sie nachvollziehen kann, dass Afrikaans-Studierende, die stolz auf ihre Sprache und Kultur sind, eine Gegenbewegung gegründet haben, so betont sie ganz klar: „Beide Parteien müssen sich daran erinnern, was es bedeutet, respektvoll miteinander umzugehen. Respekt ist das Mindeste, was sich alle Beteiligten entgegenbringen müssen, auch wenn sie vielleicht nicht die Standpunkte des jeweils anderen verstehen bzw. akzeptieren können.“

Gestützt wird ihre Aussage ebenfalls durch Jacob Corzine, der eine „Verschiebung des Gegenstands der Debatte“ beobachtet: „Als ich das Thema an einem Abend intensiver mit meinen Studenten besprach (übrigens eine ethnisch sehr gut gemischte Gruppe), haben sie sich einigen können, dass es nicht um Sprache, sondern um Rassismus [...] geht.“ Im Zentrum der Proteste stehe seiner Meinung nach also vielmehr die empfundene Benachteiligung der Schwarzen seit der Apartheid.

Hilflosigkeit und offene Fragen

„Die Universität von Pretoria sollte ein Ort sein, an dem ich mich sicher fühle. Doch das ist momentan nicht der Fall“, gibt Nola zu bedenken. „Zu diesem Zeitpunkt habe ich nur Fragen, jedoch keine Antworten. Einige Studenten sagen, Afrikaans sei die Sprache der weißen Unterdrücker und der Fremdherrschaft, und das war sie auch: vor 22 Jahren. Ich werde somit für die Sünden meiner Vorgänger bestraft, obwohl weder ich noch die restlichen Menschen meines Alters etwas mit der Apartheid zu tun hatten und haben. Ich bin ganz ausdrücklich gegen die Apartheid und die damit verbundenen geschichtlichen Ereignisse. Natürlich ist es wichtig, unsere Geschichte in Erinnerung zu behalten, aber zugleich müssen wir diese grausame Vergangenheit hinter uns lassen und unseren Weg weitergehen. Wir als ein Land müssen vereint zusammenstehen.“

„Einige Studenten sagen, Afrikaans sei die Sprache der weißen Unterdrücker und der Fremdherrschaft, und das war sie auch: vor 22 Jahren. Ich werde somit für die Sünden meiner Vorgänger bestraft, obwohl weder ich noch die restlichen Menschen meines Alters etwas mit der Apartheid zu tun hatten und haben.“

— Nola Malan, Theologiestudentin

Kritik aus den eigenen Reihen

Ein weiteres Statement hat vergangene Woche Josua Loots, weißer Südafrikaner und Mitarbeiter des Zentrums für Menschenrechte der University of Pretoria, veröffentlicht. Darin stellt er die kritische Frage, ob einige Gruppierungen wirklich noch im besten Wissen und Interesse der Afrikaans-Sprachigen handeln würden. Kämpfen sie wirklich für das Überleben der Afrikaans-Kultur? Oder geht es ihnen nicht doch eher um eine dauerhafte Implementierung einer Unterrichtssprache, die eine kleine weiße Minderheit bevorzugt? Nach Loots versuche man vielmehr ein ungerechtfertigtes Privileg und eine weiße Überlegenheit zu erhalten, was einer Chancengleichheit und Gleichberechtigung aller Studierenden im Wege stehe. Ihm zufolge sei es nur konsequent, alle Vorlesungen in Englisch anzubieten, auch wenn dies für keinen Afrikaner die Muttersprache sei, da der weltweite Arbeitsmarkt nun einmal in Englisch operiere. Zudem sei Englisch im südafrikanischen Kontext diejenige Sprache, die am wenigsten durch historische und soziale Geschehnisse negativ geprägt und belastet wurde. Damit Afrikaans als Kultur auch weiterhin eine Zukunft in Südafrika hat, müssten die Afrikaaner einen Stand gegen radikale Gruppierungen einnehmen und sich konstruktiv, durch eigene Introspektion, in die Debatte mit einbringen.

Jacob Corzine teilt die Meinung, dass man zu Englisch als der Hauptunterrichtssprache wechseln müsse: „Genügend Geschichten habe ich gehört von ‚Vorlesungen’, die tatsächlich darin bestehen, dass eine englische Übersetzung der afrikaansen Vorlesung oder gar Vorlesungsnotizen vorgelesen werden.“ Und auch in englischen Vorlesungen würden rücksichtslos Fragen in Afrikaans gestellt und beantwortet. Trotz allem spricht er sich gegen eine „Missachtung der Geschichte“ aus: „Die afrikaanse Sprache hat hier Platz, weil sie schon so lange Hauptsprache der Uni gewesen ist.“ Den Status quo sollte man seiner Meinung nach nicht einfach leichtfertig verwerfen. Zugleich merkt er aber auch an, dass die Debatte rund um den Sprachenwechsel nicht erst durch die Demonstrierenden initiiert wurde. Sollte durch die Protestbewegung dieser Wandel nun endgültig vollzogen werden, so kann man demnach nicht sagen, dass dieser erst durch das Aufbegehren der Studierenden herbeigeführt wurde.

Ein Zeichen der Versöhnung: gemeinsames Gebet der Studenten.

Perdeby

Zeichen der Hoffnung?

Neben den bereits geschilderten gewaltbereiten Konfrontationen finden sich allerdings auch alternative friedliche Ansätze. So schildert mir Nola: „Studierende beiderlei Hautfarbe haben eine Gebetgruppe ins Leben gerufen und treffen sich seit letzter Woche jeden Morgen zu einem „Prayer Walk“. Es ist unglaublich zu sehen, wie Christen aller Konfessionen zusammenkommen und gemeinsam über das Universitätsgelände marschieren. Wir beten gemeinsam zu Gott und bitten ihn um Beistand in Zeiten dieser Not. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, über den Campus zu laufen und zu wissen, dass Gott unsere Gebete hört und, zu Seiner Zeit, eine Antwort geben wird. Wir glauben an die Einheit in Gott und dass wir zu seinem Volk werden können, indem wir all diesen Hass überwinden und stattdessen die Liebe zu unserem Nächsten sprechen lassen.“

Wie die University of Pretoria selbst verkündete, haben weitere Studierende eine Kampagne unter dem Namen „#ColourBlind“ (farbenblind) gestartet, die sich gegen rassistisch motivierte Gewalt richtet. Die Kampagne fordert alle Menschen dazu auf, ein Bild von sich selbst zusammen mit Freunden einer anderen Rasse zu machen und dieses auf der „#ColourBlind“-Facebookseite hochzuladen.

„Wir glauben an die Einheit in Gott und dass wir zu seinem Volk werden können, indem wir all diesen Hass überwinden und stattdessen die Liebe zu unserem Nächsten sprechen lassen.“

— Nola Malan, Theologiestudentin

War die Universität die ganze letzte Woche aufgrund der Demonstrationen und Ausschreitungen geschlossen, so wurde der Lehrbetrieb bei gleichzeitig erhöhtem Sicherheitspersonal zu Beginn dieser Woche wieder aufgenommen. Die verlorene Studienwoche soll durch das Kürzen der Semesterferien wieder eingeholt werden.

Zudem fand vergangenes Wochenende ein Gespräch zwischen der Kanzlerin der Universität, Frau Cheryl de la Rey, und den studentischen Vertretern beider Parteien statt, in dem die Beteiligten ihre Anliegen und Standpunkte zur Sprache brachten. An dieser Stammtischdebatte nahm auch der Minister für Higher Education and Training, Dr. Blade Nzimande, teil.  Er betonte dabei die Wichtigkeit, in eine fundierte Ausbildung der Jugend zu investieren, damit diese ihre Fähigkeiten dazu gebrauchen, an dem Aufbau und der Stärkung der nationalen Wirtschaft mitzuwirken. Die Studierenden forderte er deshalb dazu auf, mit dem Management der Universität zu kooperieren und in friedlichen Diskussionen nach neuen Lösungen zu streben. Die Gespräche zwischen der Universitätsleitung und den studentischen Gruppierungen werden somit fortgeführt.

Von Marita Wagner

© weltkirche.katholisch.de

Nachrichten aus Pretoria

Zwei Semester lang studierte Marita Wagner an der University of Pretoria in Südafrika. Seit Anfang Dezember ist die 23-jährige Theologie-Studentin zurück in Deutschland. In einem Blog für das Internetportal Weltkirche berichtet sie vom Lernen und Leben in Südafrika.

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