Rainbow nation – rainbow families

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  • Blog: Nachrichten aus Pretoria - 14.10.2015

Wie schätzen die südafrikanischen Theologen das heutige Familienleben ein? Welche Familienkonzepte existieren in Südafrika? Vor welchen Herausforderungen stehen Familien in Südafrika? Anlässlich der Weltbischofssynode zum Thema Ehe und Familie, die aktuell in Rom tagt, habe ich eine Umfrage innerhalb des hiesigen Professorenkollegiums an der theologischen Fakultät in Pretoria durchgeführt, die aufschlussreiche Ergebnisse zutage gebracht hat.

Alle Themenkomplexe, die die einzelnen Professoren ansprachen, können an dieser Stelle selbstverständlich nur oberflächlich dargestellt werden, um einen ersten Einblick in das südafrikanische Familienleben in heutiger Zeit zu vermitteln. Nur mit diesem Hintergrundwissen lässt sich später nachvollziehen, welche Herausforderungen sich dadurch an die pastorale Seelsorge stellen und wie die Kirche angemessen auf die Bedürfnisse heutiger religiöser Familien reagieren kann.

Worin bestehen die Herausforderungen an das heutige Familienleben?

Alleinerziehende Eltern und Aids-Waisen

„Wir müssen lernen zu verstehen, dass sich das traditionell-klassische Familienkonzept verändert hat und immer noch weiter verändert“, sagt Han Janse van Rensburg, Dozentin im Fachbereich „Science of Religion and Missiology“. Auch Dr. Tanya van Wyk, Doktorin für „Dogmatic and Christian Ethics“, merkt weiterführend an: „Familien bestehen nicht mehr länger nur aus Vater, Mutter und deren beiden Kindern. Ich selbst wurde von einer alleinerziehenden und geschiedenen Mutter sowie meiner Großmutter großgezogen. Die Kirche muss sich diesem Phänomen bewusst werden und dementsprechend Hilfe für verschiedene Typen von Familien bereitstellen.“

Diese Ansicht teilt auch der Leiter des Fachbereichs „Practical Theology“, Prof. Cas Wepener. Gerade in Südafrika gelte es, zwischen verschiedenen sozialen Kontexten zu unterscheiden, die das Familienleben prägen. Besonders sensible Themen seien dabei AIDS-Waisen und damit einhergehend die sogenannten „child-headed families“, in denen ein Kind die Rolle des Familienoberhauptes sowie die Verantwortlichkeit für den Haushalt übernimmt. Dieses Problem stelle sich vor allem in den afrikanischen (schwarzen) Kirchengemeinden. Dr. Willem Fourie, Doktor für „Dogmatic and Christian Ethics“, merkt in diesem Zusammenhang an, dass sich die Kirche mehr im Bereich „Gesundheit“ engagieren müsse, um diese Familien zu stärken. Dies geschehe bislang vor allem durch die katholische und anglikanische Kirche. Aber auch die Bedeutung der Aufklärungsarbeit, dürfe dabei nicht unterschätzt werden. Daher gibt es an der Fakultät in Pretoria ein Modul zum Thema „Sexualethik und Genderfragen“, welches die jungen Theologen auf die HIV/Aids-Problematik hinweisen und sie dazu befähigen soll, ihr Wissen später weiterzuvermitteln.

Gleichstellung von Mann und Frau und der Umgang mit Patchwork-Familien

Für Dr. Tanya von Wyk ist es höchste Zeit, die sozial-gesellschaftlich zugewiesenen Rollen von Mann und Frau in Südafrika zu überdenken.

Privat

Mit Bezug auf das Thema Gender erachtet Dr. Tanya von Wyk einen weiteren Wandel als notwendig: die sozial-gesellschaftlich zugewiesenen Rollen, in denen sich Mann (Oberhaupt des Hauses) und Frau (Hausfrau) wiederfinden. In vielen Kulturen, auch in der Afrikaans-Kultur, zu der Dr. van Wyk gehört, werden Frauen noch immer als Eigentum des Ehemannes oder Vaters betrachtet. Aus diesem Grund sieht die Ethikerin die größte Herausforderung an das heutige Familienleben darin, Frauen stärker zu würdigen und sie als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen.

In den Afrikaans-Gemeinden müsse man zudem, so fügt Prof. Wepener an, das Phänomen der „hersaamgestelde families“, sprich der Patchwork-Familien, ernsthafter in den Blick nehmen.

Ein weiteres Problem an der Basis sei zudem das mangelhafte Ausbildungs- und Trainingsprogramm der Priester und Bischöfe, von denen viele nur die 10. Schulklasse abgeschlossen haben. Oft könne man beobachten, dass die Besagten lediglich ihre sonntägliche Predigt halten, jedoch keinen persönlichen Kontakt zur Gemeinde pflegen. Aufgrund ihrer schlechten Ausbildung wüssten sie schlichtweg nicht, wie sie mit den Herausforderungen in ihrer lokalen Gemeinde umzugehen haben. Abermals lege die Fakultät hier deshalb großen Wert auf ihre „Leadership-Programs“, die sie den Studenten während des Studiums anbietet.  

Kirche und Kultur eng verbunden

Geht man nach dieser ersten Analyse zu einer weiterreichenden Betrachtung über, so ist festzustellen, dass Kirche und Kultur in Südafrika in enger Verbindung miteinander stehen, was jedoch vermehrt zu Spannungen zwischen den verschiedenen konfessionellen Kirchen führt. So erläutert Dr. Willem Fourie, selbst Mitglied der Dutch Reformed Church (protestantisch): „Die Dutch Reformed Church zum Beispiel repräsentiert die soziale Mittelklasse und besteht fast ausschließlich aus weißen Südafrikanern. Demnach werden die Gottesdienste nur in Afrikaans gefeiert. Die Kirchenmitglieder weigern sich, ihren Gottesdienst in englischer Sprache zu zelebrieren, um ihre Sprache zu schützen. Für sie ist die Kirche noch einer der wenigen Orte, an dem man ‚ungestört’ Afrikaans sprechen kann. Die Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur ist somit groß. Die enge Verbindung zwischen Kirche und Kultur hat zudem Auswirkungen auf die Demographie: Es gibt Gebiete, in denen nur schwarze Südafrikaner leben und solche, in denen nur Weiße leben. Diese räumliche Trennung führt somit automatisch auch zu einer kulturellen Trennung zwischen Schwarz und Weiß.“ 

Dr. Willem Fourie: Die Sexuallehre der Kirche und der Lebensstill junger Gläubiger sind nicht mehr länger miteinander zu vereinbaren.

Privat

Eine weitere kulturelle Hürde, so Dr. Fourie, stelle das Phänomen der Polygamie dar. Dieses sei besonders in afrikanischen Gemeinden, zum Beispiel innerhalb der Kultur der Zulus, noch immer sehr verbreitet. Problematisch ist der Umgang mit Polygamie aber auch deshalb, da keine einheitliche Meinung hinsichtlich dieses Themas vertreten wird. Einige Kirchen akzeptieren Polygamie, andere lehnen sie ab. Die afrikanischen Studentinnen an der hiesigen Fakultät seien überwiegend jedoch gegen  die Polygamie. Es seien wenn eher die männlichen Studenten, die diesen Lebensstil als zulässig erachten, da sie selbst noch aus sehr traditionell afrikanischen Familien stammen, die eng mit ihrer Kultur verwurzelt sind. Zu beachten ist außerdem, dass Polygamie immer nur innerhalb des eigenen Kulturkreises erlaubt ist (ähnlich des indischen Kastendenkens). Folglich darf ein Mann aus dem Stamm der Zulus auch nur Zulu-Frauen heiraten. Geht er jedoch eine Ehe mit einer Frau aus einem anderen Kulturkreis ein, so muss er sich von allen seinen anderen Frauen scheiden lassen. Problematisch an diesem Lebensstil ist auch, dass nur Männer polygam leben dürfen, Frauen jedoch nicht. Von einer Gleichheit der Geschlechter kann hier nicht die Rede sein

Verständnis von Sexualität und Umgang mit Homosexualität

Mit Blick auf den Umgang mit und das Verständnis von Sexualität vertritt Dr. Fourie die Auffassung, dass die Sexuallehre der Kirche und der Lebensstill junger Gläubiger nicht mehr länger miteinander zu vereinbaren sind. Sie entfernten sich vielmehr immer weiter voneinander. Auffällig sei auch, dass sobald in der Kirche über das Thema Sexualität diskutiert werde, dies immer nur mit Hinblick auf homosexuelle Paare geschehe (same-sex couples). Man spräche allerdings nicht über die Bedeutung sowie Bedürfnisse der heterosexuellen Paare und wie diese in den Verkündigungsdienst integriert werden könnten.  Insgesamt, so Dr. Fourie, sei die Dutch Reformed Church liberaler im Umgang mit Homosexualität als andere Kirchen Südafrikas. Demnach dürfen Homosexuelle Pfarrer werden und sogar heiraten. Allerdings obliegt es immer noch der jeweiligen Ortskirche, ob sie homosexuelle Pfarrer einstellt oder nicht. Auch homosexuelle Gläubige werden in der Gemeinde akzeptiert. Ebenso werden ihre Ehen offiziell anerkannt. All diese Beschlüsse wurden erst kürzlich bei der Synode der Dutch Reformed Church Anfang Oktober verabschiedet. Es bleibt abzuwarten, wie die Ortskirchen mit diesen neuen Regelungen umgehen.

Auch wenn die oben genannten Problemstellungen alle etwas losgelöst voneinander scheinen, spannen sie doch ein weites Feld auf und eröffnen so den Raum für Diskussion und Dialog. Speziell in Bezug auf das Familienleben in Südafrika gilt es, die sozialen und gesellschaftlichen Unterschiede anzuerkennen, die in den verschiedenen sozialen Gruppierungen vorherrschen. „Südafrika ist wahrhaftig ein Regenbogenvolk (rainbow nation), weil wir so viele verschiedene sozial und kulturell geprägte Ideen haben, was es heißt, eine Familie zu sein“, fasst Han Janse van Rensburg zusammen. Auch Papst Franziskus ist es ein klares Anliegen, dass sich die Kirche näher an der Wirklichkeit der Familien orientiert. Nicht nur mit Blick auf das Familienleben in Südafrika bleibt zu hoffen, dass sich die Teilnehmer der Familiensynode dies zu Herzen nehmen.

Von Marita Wagner

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Für zwei Auslandssemester hat es die 23-jährige Theologie-Studentin Marita Wagner an die University of Pretoria verschlagen. In einem Blog für das Internetportal Weltkirche berichtet sie vom Lernen und Leben in Südafrika.

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Wie kann Kirche ganz konkret auf die Bedürfnisse moderner Familien in Südafrika eingehen? Im zweiten Teil ihrer Umfrage beschreibt Marita Wagner die Zukunftsvisionen und Lösungansätze der Professoren.

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