Grenzgänger zwischen zwei Welten

  • Blog: Nachrichten aus Pretoria - 04.01.2016

Hallo, ich hätte gerne einen Crêpe mit Nutella and banana, please“, sage ich zu der Crêpe-Verkäuferin auf dem Weihnachtsmarkt und ernte einen irritierten Blick. Erst dieser lässt mich meinen Sprachfehler bemerken. Es ist mein zweiter Tag in meinem „alten Leben“.

Eine dem sehr ähnliche Situation: Ich treffe einen der Hausmeister an meiner Hochschule in Frankfurt am Main. Er ist schwarzer Afrikaner und ohne nachzudenken begrüße ich ihn wie selbstverständlich mit den Worten „Hello Sir, how are you?“ – fühle ich mich doch direkt in mein südafrikanisches Leben zurückgeworfen. Auch er begegnet mir mit Überraschung und entgegnet, dass er Deutsch spräche.

Am 6.12. bin ich nach knapp einem Jahr Studium an der University of Pretoria aus Südafrika zurückgekehrt und lebe seitdem zwischen zwei Welten und deren Sprachen. Es war ein sehr intensives und vor allem prägendes Jahr.

Ein Raum der Begegnung

Auch im Nachhinein erachte ich es als ein Privileg, dass ich an der theologischen Fakultät der University of Pretoria studieren durfte.  Man trifft dort auf eine Lerngemeinschaft, in der jede und jeder respektiert und wertgeschätzt wird. Dies gilt sowohl auf menschlicher als auch auf akademischer Ebene. Diese außergewöhnliche Kultur der Offenheit und aufrichtigen Anteilnahme am Leben des Nächsten eröffnen einen neuartigen Raum zur Begegnung, eine Begegnung auf Augenhöhe aller Beteiligten. Getragen wird die soziale Gemeinschaft durch die Philosophie des Ubuntu („Ich bin, weil du bist“), die in Südafrika noch immer sehr stark den Umgang der Menschen untereinander definiert.   

Das Studium als solches zielt dabei nicht auf Uniformität sondern vielmehr auf Einheit in der Vielfalt ab. Dies spiegelt sich in der Verschiedenheit der Konfessionen wider, die an der Fakultät durch die Studierenden sowie Lehrenden repräsentiert werden. Die theologischen Unterschiede zwischen den Kirchen (die zwar benannt, aber nicht überbetont werden) ermöglichen vielmehr ein Voneinander-Lernen, als dass sie das gemeinsame Studieren behindern.

Den Professoren genügt es dabei nicht, dass die Studierenden lediglich im Unterricht anwesend sind. Es ist kaum möglich, unbeteiligt im Vorlesungssaal zu sitzen. Stattdessen erwarten die Lehrenden zu allen besprochenen Themen und theologischen Fragestellungen eine Einschätzung und persönliche Stellungnahme der Studierenden. Skripte auswendig zu lernen und die Meinung des Professors oder der Professorin wiederzugeben, ist somit nicht ausreichend. So sollte ich beispielweise in meiner Abschlussprüfung in Liturgie (Thema: „Predigen im Kontext der Armut“) methodisch und inhaltlich darlegen, wie ich in einer Gemeinde über das Phänomen der Teenagerschwangerschaften predigen würde, welches in Südafrika sehr verbreitet ist. Dabei sollte ich berücksichtigen, dass sich in besagter Gemeinde ebenfalls kürzlich eine Teenagerschwangerschaft ereignete und die junge unverheiratete Mutter nun von der Gemeinde ausgestoßen wird.

„Wir sind hier eine große Familie“

Wie eine große Familie: Marita zusammen mit ihren beiden Dozenten Willem Fourie und Tanya van Wyk und Kommilitonen beim Essen.

Privat

„Wir sind hier eine große Familie“, erklärt die Sekretärin des Dekans meiner Fakultät, als ich mich kurz vor Abreise von ihr verabschiedete. Diese Selbstbezeichnung verdeutlicht abermals die herzliche Atmosphäre sowie das große Vertrauen, das man einander entgegenbringt. Während meines ersten Monats an der Fakultät war ich sehr verunsichert über den privaten und persönlichen Umgang untereinander – auch mit den Lehrenden. Im späteren Verlauf lernte ich dies jedoch sehr zu schätzen. Zu wissen, dass man sich anderen Menschen derartig offenbaren konnte, ohne dass mit diesen intimen Informationen Missbrauch betrieben wurde oder diese an Dritte gelangten, machte das Studium um ein Vielfaches entspannter. Man wurde von der Gemeinschaft getragen, was den Leistungsdruck deutlich verminderte.

Diese Eigenschaft führte letztlich zu einer Ausgewogenheit zwischen akademischem Studium und „angewandter Theologie“, die sich im gelebten Glauben ausdrückte, sodass eine Symbiose aus Theorie und Praxis stattfand. „Wir sind nicht nur Akademiker und Wissenschaftler, wir sind in erster Linie vor allem Seelsorger“, erklärte mir einer der Professoren, als ich ihn auf meine ersten Beobachtungen an der Fakultät ansprach. Er plädierte auch dafür, dass wir keine Theologie im „Elfenbeinturm“ betreiben dürften, sondern stattdessen gemäß des Taufbefehls in Matthäus 28 hinaus in die Welt gehen und dem Leben zugewandt sein müssten. „Eine Theologie, die nicht für und mit den Menschen betrieben wird, bleibt inhaltsleer und damit bedeutungslos.“

In diesem Sinne kann man nur das enorme Engagement der Professorinnen und Professoren anerkennend hervorheben. Über Facebook, den Nachrichtendienst „Whats App“ oder auch die private Handy- sowie Festnetznummer sind sie selbst nach offiziellem Dienstschluss für Fragen zur Vorlesung, Hausarbeit, Prüfung oder auch bei persönlichen Problemen ansprechbar und bestärken ihre Schützlinge sogar darin, Gebrauch von dieser Hilfestellung zu machen.

„Eine Theologie, die nicht für und mit den Menschen betrieben wird, bleibt inhaltsleer und damit bedeutungslos.“

— Prof. Ernest van Eck, Department of New Testament Studies

Neben meiner akademischen Weiterbildung hat das Auslandsjahr auch meine persönliche Entwicklung entscheidend beeinflusst. Ich habe auf neue Weise gelernt, das Fremde und Andersartige (Kultur, Mentalität, Glaube etc.) als Bereicherung wertzuschätzen. Fremd oder anders bedeutet nicht automatisch minderwertig oder unterentwickelt, so wie Afrika nicht gleich Afrika ist. Ich habe demnach meine Scheu vor dem Unbekannten und meine Berührungsängste abgelegt, bin nach diesem Jahr ausgeglichener, offener, lebendiger und aktiver geworden.

Licht- und Schattenseiten

Für mich als Geisteswissenschaftlerin war es ein wichtiger Ausgleich und ein Gegengewicht zu meinem bisherigen Studium. Ich bin mit dem südafrikanischen Leben und seinen alltäglichen Herausforderungen in Berührung gekommen. Dabei habe ich beeindruckende Persönlichkeiten wie Father Michael Lapsley, Freiheits- und Friedenskämpfer zur Zeit der Apartheid, kennenlernen und mit ihm arbeiten dürfen. Heute therapiert er Opfer der Apartheid, die schreckliche Traumata aus dieser Zeit davongetragen haben.

Bewegende Begegnung: Auf einem Workshop unter dem Motto „Healing of Memories“ lernte Marita den Freiheitskämpfer Father Michael Lapsley (links) kennen.

Father Michael Lapsley

Im Rahmen einer Vorlesung bin ich auch näher mit einer Frau aus Burundi in Kontakt getreten und konnte von ihr lernen. Vor acht Jahren musste sie mit ihren vier Kindern nach Südafrika fliehen, da in ihrer eigenen Heimat Krieg herrschte. Während diesem musste sie mit ansehen, wie ihre gesamte Familie von Soldaten ermordet wurde. Ihr Mann, der vor ihr nach Südafrika geflohen war, hatte bei ihrer Ankunft bereits eine neue, südafrikanische Frau geheiratet, sodass sie die gemeinsamen Kinder nun alleine großziehen muss. Da sie nicht in Südafrika sondern Burundi studiert hat, wird ihre Ausbildung nicht anerkannt, sodass sie keine Festanstellung finden kann. Und ohne diese erhält sie keine legale Aufenthaltsgenehmigung.

Nicht zu vergessen sind aber auch die sogenannten Xenophobia Attacks (Xenophobie = Ausländerfeindlichkeit), die sich im April und Mai in Durban sowie Johannesburg ereigneten. Es fanden dabei gewaltsame Angriffe, ausgeübt von schwarzen Südafrikanern, auf Migranten aus anderen afrikanischen Ländern statt, die beschuldigt wurden, den Einheimischen die Arbeitsplätze wegzunehmen. Aus dem ehemaligen Kampf zwischen Weißen und Schwarzen wurde ein Kampf zwischen Schwarzen und Schwarzen. Bei diesen Übergriffen starb auch der Cousin meines äthiopischen Studienfreundes, wodurch die Gefahr und Tragik der Ereignisse plötzlich noch viel realer für mich wurde.

Besonders diese Extrembeispiele haben mich als angehende Theologin wachsen lassen, wurde ich doch dazu herausgefordert, neue Denkansätze und Antworten zu entwickeln, um letztlich Trost und Hoffnung spenden zu können. Ich habe auf praktische Weise erfahren, dass Theologie nur unter Berücksichtigung des Kontextes gelingen kann und folglich auf die individuelle Lebenslage und die Nöte der Menschen einzugehen hat, um für deren Leben von Bedeutung zu sein.

„In mir stellte sich ein tiefes Bewusstsein dafür ein, dass ich gerade genau dort bin, wo ich sein soll und wo Gott mich sehen möchte.“

— Marita Wagner

Ab der zweiten Hälfte meines Aufenthaltes konnte ich außerdem feststellen, dass ich mich dem südafrikanischen Leben, seiner Kultur und Mentalität bereits sehr verbunden fühlte. Es gelang mir, mich dem Unbekannten vollständig zu öffnen und mich darauf einzulassen. Und schließlich stellte sich in mir ein tiefes Bewusstsein dafür ein, dass ich gerade genau dort bin, wo ich sein soll und wo Gott mich sehen möchte.

Ich war schließlich nicht mehr nur ein „Gast“ oder „die Austauschstudentin aus Deutschland“, ich wurde Teil der theologischen Familie und somit ein vollwertiges Mitglied. Bei meiner Abschiedsfeier an der Fakultät meldeten mir meine Kommilitonen sowie die Lehrenden zurück, dass ich für sie eine Einheimische geworden sei.

Zurück in Deutschland

Dass ich dermaßen in das südafrikanische Leben eingetaucht bin, macht den Wiedereinstieg in Deutschland nun umso schwerer. Jeden Tag stehe ich mit meinen südafrikanischen Freunden und Professorinnen wie Professoren in Kontakt, die mich fragen, wann ich zurückkehren werde. In Deutschland hingegen kann niemand richtig verstehen und nachvollziehen, was ich während des Jahres erlebt habe und es gestaltet sich schwierig, diese emotionalen Gefühle Außenstehenden nahezubringen. Ich bewege mich parallel zwischen zwei sehr unterschiedlichen Welten und Kulturkreisen.

„Mach’s wie Gott, werde Mensch“. Dieser Ausspruch vom ehemaligen Limburger Bischof Franz Kamphaus kam mir während dieses Jahres immer wieder in den Sinn. Er symbolisiert das menschliche Miteinander sowie die gelebte Nächstenliebe, die die theologische Fakultät in Pretoria auszeichnen und in denen das menschgewordene Wort Gottes, Jesus Christus, für mich äußerst eindrucksvoll offenbar wurde. Mein eigenes Menschsein wurde stark verändert. In diesem Sinne erhielt das Weihnachtsfest als Fest der Menschwerdung Gottes und Abschluss dieses besonderen Jahres nochmals eine ganz neue Bedeutung für mich.

Von Marita Wagner

© weltkirche.katholisch.de

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Nachrichten aus Pretoria

Zwei Semester lang studierte Marita Wagner an der University of Pretoria in Südafrika. Seit Anfang Dezember ist die 23-jährige Theologie-Studentin zurück in Deutschland. In einem Blog für das Internetportal Weltkirche berichtete sie vom Lernen und Leben in Südafrika.

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