Gleicher Zugang zu Bildung für alle?

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  • Blog: Nachrichten aus Pretoria - 29.10.2015

Jesus stands for justice“, schrieb mein Kommilitone Kabelo Motlhakane vergangenen Freitag auf ein Plakat und setzte sich damit zusammen mit mir und anderen Studierenden der Universität von Pretoria für einen fairen und gleichen Zugang aller jungen Südafrikaner zu Bildung ein.

Viel hat sich in der vergangenen Woche an den südafrikanischen Universitäten ereignet, darunter auch an der University of Pretoria. So wurde bekannt gegeben, dass aufgrund der Einschränkung staatlicher Fördergelder die Registrierungsgebühren für das neue Studienjahr 2016 für südafrikanische Studierende um 50 Prozent angehoben werden sollen. Für Studierende der direkten Nachbarländer war ein Anstieg um 300 Prozent und für internationale Studierende wie mich sogar um 700 Prozent vorgesehen. Auch die Studiengebühren selbst sollten um 10 Prozent steigen.

Auch Marita Wagner (Mitte) und ihre Kommilitonen beteiligten sich an den Protesten.

Privat

Konkret bedeutet dies, dass Südafrikaner zukünftig umgerechnet 501 statt 335 Euro Registrierungsgebühr entrichten müssten. Für Studierende der Nachbarländer wären es nach dem Anstieg 1.331 Euro und für internationale Studierende satte 2.662 Euro.

Als mich ein Kommilitone über diese geplante Neuerung informierte kam mir sehr schnell der bedrückende Gedanke: Wäre ich nur ein Jahr später nach Südafrika gegangen, hätte auch ich mir das Auslandsstudium hier nicht mehr finanzieren können. Da kein Austauschprogramm zwischen meiner Hochschule in Frankfurt und der University of Pretoria besteht, muss ich die Registrierungs- und Studiengebühren selbst zahlen.

Große Sorge unter den Studenten

Die Beunruhigung in der Studierendenschaft war folglich groß. Als Reaktion darauf gründeten diese die Organisation „UPrising“ (UP = University of Pretoria,Uprising = Erhebung/Aufstand), die die Stimme der Studierenden repräsentierte und dabei mit dem „Student Representative Council“, der Studierendenvertretung, kooperierte.

Als Folge dieser Entwicklung verstärkte die Universität ihr Wach- und Sicherheitspersonal und Helikopter flogen seit Montag letzter Woche über das Universitätsgelände. Von Mittwoch an wurde der Betrieb an der Universität schließlich ganz eingestellt, da „UPrising“ für diesen Tag einen Protestmarsch ankündigte. Die Organisation hatte eine Liste mit Forderungen zu den geplanten Erhöhungen erstellt und überreichte diese am Ende der Demonstration der Direktorin der Universität, Cheryl de la Ray.

Am Tag darauf versammelten sich die Studierenden erneut auf dem Universitätsgelände und marschierten in einem friedlichen Demonstrationslauf durch Hatfield, wo sich der Hauptcampus befindet.

Höhepunkt der Proteste

Die Protestbewegung fand am Freitag, den 23. Oktober 2015 ihren Höhepunkt. Rund 15.000 Studenten versammelten sich und liefen geschlossen zu den Union Buildings, dem Sitz der südafrikanischen Regierung. Gemeinsam mit einigen meiner Kommilitonen nahm auch ich an dem Demonstrationslauf teil, der die ganze Zeit über friedlich verlief. „Fees must fall“ (= die Gebühren müssen fallen) war der Leitspruch und die Parole, die immer wiederholt und auf den Plakaten der Demonstranten zu lesen war. Meine Studienfreunde waren sich einig, dass dieser Protest die größte Bewegung seit dem sogenannten „Soweto Uprising“ von 1976 gewesen sei. Anders als damals, so mein Kommilitone Justin Strydom, hatte diese Demonstration jedoch nichts mit der Frage nach der Rassen- oder Kulturzugehörigkeit zu tun. Stattdessen sagt er: „Wir standen zusammen gegen ein politisches System ein, das versucht, uns an den Rand der Gesellschaft zu drängen.“

Und meine Freundin Meegan Lombard fügt hinzu: „Die UPrising-Bewegung verfolgt zwei Ziele: Zum einen spricht sie sich gegen eine Erhöhung der Registrierungsgebühren aus und zum anderen für ein gebührenfreies Studium im Allgemeinen. Dies ist für ein Land wie Südafrika, in dem die Mehrheit der Bewohner benachteiligt wird und nicht in der Lage ist, eine universitäre Ausbildung zu finanzieren, von größter Bedeutung.“

Die Situation eskaliert

Angekommen an den Union Buildings warteten die Studierenden auf die Ankunft des Präsidenten, Jacob Zuma, der um 12 Uhr mittags hätte zur Masse sprechen sollen. Als sein Erscheinen jedoch ausblieb, verursachte eine politische Untergruppierung Unruhen und randalierte. Dabei wurden Autoreifen sowie eine Dixi-Toilette angezündet. Sie rissen einen Teil des Zauns nieder, der die Demonstranten von den stationierten Polizisten trennte. Dabei wurden die Sicherheitsmänner mit Wasserflaschen und Steinen beworfen.

Mit Beginn dieser plötzlich gewaltsamen Ausschreitungen entschlossen sich meine Kommilitonen und ich, das Gelände aus Sicherheitsgründen zu verlassen. Zudem wollten wir nicht mit diesem aggressiven Verhalten in Verbindung gebracht werden. Aus der Ferne konnten wir beobachten, wie die Polizei Tränengas und Wasserkanonen einsetzte, um die aufgebrachte Menge unter Kontrolle zu bringen. Zusätzlich machte sie aber auch Gebrauch von Blendgranaten, die das Seh- und Hörvermögen stark beeinträchtigen.

Präsident Zuma gibt nach

Nach dem harten Eingreifen der Polizei beruhigte sich die Lage wieder und gegen 15 Uhr verkündete Präsident Zuma schließlich in einer privaten Pressekonferenz, anstatt direkt an die Studierenden gewandt, dass es im neuen Studienjahr 2016 keine Erhöhung der Registrierungs- und Studiengebühren geben werde. Er hatte sich am gleichen Tag mit den Direktoren und Direktorinnen der Universitäten des Landes getroffen und war dabei zu dieser finalen Entscheidung gelangt.

Im weiteren Verlauf des Wochenendes bestätigte Cheryl de la Ray diese Information. Sie hatte als Direktorin der University of Pretoria an besagtem Treffen mit Zuma teilgenommen,. Darüber hinaus wird die Universität im kommenden Jahr 20 Millionen Rand (rund 1,3 Millionen Euro) an zusätzlichen Fördergeldern für bedürftige Studenten zur Verfügung stellen. Dieses Geld wird in die „National Student Financial Aid Scheme“ einfließen (NSFAS), eine Organisation, die Stipendien an junge Menschen aus armen und benachteiligten Familien vergibt, um ihnen so das Studium zu finanzieren.

Darüber hinaus verkündete Cheryl de la Rey, dass das Semester aufgrund des Vorlesungsausfalls um zwei Wochen verlängert würde, da viele Termine für Tests und Prüfungen verschoben werden mussten.

Geteilte Reaktionen der Studierenden

„Ein wichtiger Wendepunkt“

Die Meinungen der Studierenden zum Ausgang der Proteste fallen überwiegend positiv aus. So erklärt mein Kommilitone Kabelo Motlhakane: „Man muss ganz klar sagen, dass die Proteste friedlich verliefen. Es war lediglich eine kleine Gruppe von Individuen, die politische Ziele verfolgten und deshalb zu aggressiveren Maßnahmen griffen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieser Protest ein bedeutungsvolles Symbol der Einheit war, die unter den Studierenden herrschte. Diese Einheit unter den Studierenden kann wiederum einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Dass die Registrierungs- und Studiengebühren 2016 nicht erhöht werden ist ein positiver Anfang, da sich die Regierung endlich eingestehen muss, dass ein gleicher Zugang zu Bildung zu gewährleisten ist. Es sollte aber auch darauf geachtet werden, dass finanzielle Fördermittel effektiver und nachhaltiger eingesetzt werden. So sollten diese in erster Linie an Studierende vergeben werden, die leistungsstark und lernbereit, aber sozial benachteiligt sind.

Die jungen Südafrikaner werden allzu oft als die ‚lost generation‘ (= verlorene Generation) bezeichnet, doch diese Woche haben wir unsere Stimme gegen ein ungerechtes System erhoben, das Gier und die Marginalisierung der schwachen und benachteiligten Menschen dieses Landes begünstigt. Ja, es gab einige unglückliche Vorkommnisse, doch die „Fees must fall campaign“ hatte ein übergeordnetes Ziel, welches mir sehr am Herzen liegt: eine realistische Möglichkeit hinsichtlich des Zugangs zu Bildung.“

Auch Meegan Lombard unterstützt diese Ansicht: „Es ist ein wichtiger Sieg für die Studierenden dieser Generation. Unsere Universität bietet eine sehr gute Ausbildung und wir haben viele intelligente junge Menschen, die begierig sind zu lernen und ihren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Doch die außerordentlich hohen Gebühren, die für ein universitäres Studium in Südafrika anfallen, begrenzen diese leistungsbereiten Menschen in ihren Möglichkeiten, eine höhere Bildung zu erhalten. Die Proteste stellen meines Erachtens einen wichtigen Wendepunkt dar: Junge Menschen übernehmen die Verantwortung für ihre Zukunft und machen auf die Missstände des aktuellen politischen Systems aufmerksam.“

„Der Zugang zu höherer Bildung ist kein Recht, sondern ein Privileg“

Neben diesen optimistischen Stimmen äußern sich einige Studierende jedoch auch kritisch zu den Forderungen der Protestbewegung. In einem Gespräch erklärt mir Wilbri Vorster, ein weiterer Studienfreund: „Die Möglichkeit zu studieren ist in keinem Fall ein Recht, es ist ein Privileg! Studierenden, die hart an sich arbeiten und deren Familien bereits hart gearbeitet haben, sollte das Privileg eingeräumt werden, an weltweit anerkannten und akademisch herausragenden Universitäten wie der University of Pretoria studieren zu dürfen. Die Regierung, die für ihre Korruption bekannt ist, sollte mehr Gelder für Studierende zur Verfügung stellen, die akademisch hohe Leistungen erbringen, sich jedoch nicht in der Lage sehen, ihr Studium selbst zu finanzieren. Doch leider herrscht eine ‚Kultur des Kommunismus‘ unter vielen schwarzen südafrikanischen Jugendlichen. Sie denken, dass weil eine Person die Möglichkeit erhält zu studieren, alle anderen dieselbe Chance erhalten sollten – ungeachtet ihrer akademischen Leistungen. Doch dies ist keine Option. Man müsse den Standard der Universitäten herabsetzen, damit sich jeder einschreiben und seine Module bestehen kann, doch dies wird das akademische Niveau sowie die internationale Wettbewerbsfähigkeiten der Absolventen erheblich verschlechtern. Dies ist der eigentliche Grund, warum die südafrikanischen Universitäten so teuer sind: um einen exzellenten und herausragenden Standard sicherzustellen, der sich durch neueste Ausstattungen und Technologien auszeichnet. Doch die Fördermittel der Regierung reichen dazu nicht aus.“

Auch am Montag (26.10.2015) gingen die Proteste an der Universität weiter, da nach Ansicht radikal eingestellter Studenten noch nicht alle Forderungen erfüllt wurden. Aus diesem Grund mussten die Vorlesungen abgebrochen und die Fakultäten erneut geschlossen werden. Am Nachmittag fand ein Treffen zwischen der Direktorin Cheryl de la Ray und den Verantwortlichen der „UPrising“-Kampagne statt, bei dem ein Memorandum ausgearbeitet wurde. In diesem wurde nun festgehalten, dass auch die Mietpreise für die Studentenwohnungen nicht weiter angehoben werden. Die Essenspreise auf dem Campus sollen zudem reduziert werden, da diese über dem Marktpreis liegen. Die Universität verpflichtet sich außerdem, weitere Stipendien und finanzielle Unterstützung für benachteiligte Studenten zur Verfügung zu stellen. So wird sie für das kommende Studienjahr zusätzliche 20 Millionen Rand in das NFSAS-Programm einfließen lassen.

Von Marita Wagner

© weltkirche.katholisch.de

Blog

Für zwei Auslandssemester hat es die 23-jährige Theologie-Studentin Marita Wagner an die University of Pretoria verschlagen. In einem Blog für das Internetportal Weltkirche berichtet sie vom Lernen und Leben in Südafrika.

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