Zukunft Familie

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  • Blog: Nachrichten aus Pretoria - 23.10.2015

Wir brauchen eine Kirche, die den Familien unabhängig von ihrer konzeptionellen Zusammensetzung dabei hilft, im Alltagsleben als ein Team zu agieren. Wie kann die Einheit und der enge Zusammenhalt in der Familie aufrechterhalten werden trotz der Herausforderungen, die heutzutage an junge Familien gestellt werden? Und wie kann Spiritualität überhaupt noch in einem schnelllebigen und streng getakteten Alltag praktiziert werden?“ Für Han Janse van Rensburg, Dozentin für Missionstheologie, sind dies die kritischen Rückfragen, die sich an die pastorale Seelsorge stellen.

Nachdem ich in meinem vorherigen Artikel die verschiedenen Formen des Familienlebens in Südafrika skizziert habe, möchte ich nun gerne die von meinen südafrikanischen Professoren und Dozenten vorgeschlagenen Lösungsansätze präsentieren. In diesem Kontext stellen sich zwei zentrale Fragen:

  • Wie kann Kirche ganz konkret auf die Bedürfnisse moderner Familien eingehen?
  • Wie können moderne Familien in den heutigen Verkündigungsdienst der Kirche integriert werden?

Welche Hilfestellungen kann die Kirche modernen Familien bieten?

Rückzugsorte bieten

„Die Kirche sollte jungen Familien praktische Lösungen anbieten, um das Familienleben mit dem kirchlichen Leben in Einklang bringen zu können. Familien brauchen einen Rückzugsort, an dem sie zur Ruhe sowie Besinnung kommen und somit Abstand von ihrem hektischen Alltagsleben finden können“, sagt van Rensburg.

Wichtig sei dabei aber auch, dass ein derartiger Raum die Bedürfnisse aller Gemeindemitglieder befriedige, so Cas Wepener, Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt auf Liturgie: „In der Afrikaans-Gemeinde (= weiße Südafrikaner) werden noch sehr viele Familiengottesdienste angeboten, was grundsätzlich sehr erfreulich ist, da jedes Mal rund 30 bis 40 Familien zusammenkommen, um die Heilige Messe zu feiern. Diese besonders intime Atmosphäre führt allerdings zugleich dazu, dass sich andere Mitglieder vom Gottesdienst ausgeschlossen fühlen. Meine geschiedene Schwester beispielsweise besucht aus diesem Grund die Familiengottesdienste nicht mehr. Es muss folglich ein inklusiver Ansatz gefunden werden, der alle Gläubigen anspricht.“ Ergänzend fügt Prof. Wepener hinzu, dass die Form des Familiengottesdienstes nur in den Afrikaans-Gemeinden, nicht jedoch in den afrikanischen Kirchengemeinden (= schwarze Südafrikaner) angeboten werde.

Han Janse van Rensburg unterrichtet im Department für Science of Religion and Missiology.

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Kinder- und Jugendkatechese

Des Weiteren nennt Dr. Willem Fourie, Dozent für Dogmatik und Christliche Ethik, die sogenannte Sunday School, welche jeden Sonntag vor oder nach dem Gottesdienst für Kinder und Jugendliche von sieben bis 16 Jahren angeboten wird und der Kinder- und Jugendkatechese entspricht. Oftmals würden die Eltern jedoch ihre Kinder lediglich für die Sunday School an der Kirche absetzen, ohne selbst am Gottesdienst teilzunehmen. Dr. Fourie beobachtet diesen Trend äußerst kritisch und mahnt deshalb an, dass die Kirche wieder verstärkt die Eltern als Adressaten ansprechen und attraktiver für diese werden müsse.  

Unterstützung bei der Erziehung

Neben diesem liturgischen Angebot, so die Dogmatik-Doktorandin Dr. Tanya van Wyk, müsse die Kirche den Eltern Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder zukommen lassen. Dies könne zum einen durch die Einrichtung von Kindertagesstätten geschehen. Zum anderen sei es aber vor allem mit Fokus auf Südafrika unabdingbar, Kinder und Jugendliche über die Folgen von ungeschütztem Sex aufzuklären. Damit einher geht die Unterrichtung über den Umgang der Geschlechter miteinander und deren gegenseitigen Respekt voreinander.

Inwiefern können Familien in den Verkündigungsdienst der Kirche mit eingebunden werden?

Das Evangelium leben

„Taten sprechen lauter als Worte. Die frohe Botschaft des Evangeliums ist Gottes Liebe für alle Menschen unabhängig von Rasse, sozialer Klasse, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Der beste Weg für Familien, am Verkündigungsdienst teilzuhaben, ist, das Evangelium zu leben. Dies impliziert, dass Eltern und Großeltern ihren Kindern beibringen, was es heißt, allen Menschen mit dem gleichen Respekt zu begegnen und ihren Nächsten mit Würde zu behandeln“, beantwortet Dr. van Wyk die gestellte Frage.   

Und Han Janse van Rensburg merkt außerdem an, dass es weniger um die Frage ginge, wie Familien in gänzlich neue Aufgaben mit eingebunden werden können. Vielmehr müsse man ihnen vor Augen führen, wo sie im Leben stehen und in welchen Bereichen sie bereits integriert sind. Nach dieser Analyse müsse man gemeinsam überlegen, wie die Familien die Botschaft des Evangeliums in ihren spezifischen Lebenskontext einbinden können.

Angebote für unterschiedliche Familienkonzepte

Da es in Südafrika nicht mehr nur den einen traditionellen Entwurf von „Familie“ gibt, muss die Kirche individuell auf die unterschiedlichen Familienkonzepte eingehen – darin sind sich die Professoren einig. Aber wie kann das gelingen?

Prof. Cas Wepener ist Leiter des Departments für Practical Theology an der University of Pretoria.

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„Wir sollten uns darüber bewusst werden, was unseren christlichen Glauben in erster Linie prägt – die erlösende und transformative Liebe Gottes. Machen wir dies zu unserem Fokus, so ist es gleichgültig wie eine spezifische Familie zusammengesetzt ist“, plädiert van Rensburg.  Dieser Ansicht schließt sich auch Prof. Wepener an. Für ihn müsse die Vorstellung vom traditionellen Familienkonzept als dem alleinigen überwunden werden. Nur so könne Kirche an Attraktivität für andere Familien gewinnen und ein neuer Raum der Gastfreundlichkeit entstehen. Ein derartiger Wandel könne jedoch nur realisiert werden, so Prof. Wepener, wenn die Kirchengemeinde mit Blick auf diese Prozesse eine neue Kultur der Offenheit entwickele. Als Beispiel verweist er dabei auf die südafrikanische Initiative „The South African Partnership for Missional Churches“, die sich für eine Kirche einsetzt, die missionarisch agiert und die Herausforderungen ihrer Zeit ernst nimmt.

Kultur der Offenheit

Eine neue Offenheit fordert van Rensburg auch beim Thema Ehe und Sexualität. „Ich denke, dass die römisch-katholische Kirche die Möglichkeit ungenutzt lässt, die Themen Ehe und Sexualität klar zu benennen, besonders hinsichtlich junger Paare, die den Bund der Ehe eingehen möchten. Dies hat zur Konsequenz, dass die Kirche vor allem die Bedürfnisse junger Erwachsener unberücksichtigt lässt. Durch die vielen strengen Regeln bleibt wenig Raum für ein offenes Gespräch“, so der Missionstheologe weiter.

Diese Diskussion und die immer lauter werdenden Forderungen nach mehr Offenheit beim Thema Ehe und Partnerschaft kommen mir aus meiner Kirche in Deutschland mehr als bekannt vor. Trotzdem gibt es wesentliche Unterschiede, durch die sich das Familienverständnis in Südafrika von dem in meinem Heimatland unterscheidet, wie mir van Rensburg erklärt.

„Wir als Südafrikaner sind uns der Bedeutung der Familie noch deutlicher bewusst, vor allem auch der Großfamilie“, erläutert  er. In Europa dagegen sei der Begriff „Familie“ zu einem wesentlich kleineren Konzept zusammengeschrumpft, da er zumeist nur die direkten Familienangehörigen umfasse (zum Teil nicht einmal mehr die Großeltern).

Auch Dr. Tanya van Wyk ergänzt: „Das Familienleben in Afrika wird sehr stark betont. Du bist an erster Stelle Mensch, wenn du Teil einer Familie und Gemeinschaft bist. Es ist nicht einfach ‚Cogito ergo sum‘(‚Ich denke, also bin ich‘), sondern vielmehr ‘Ich bin Teil einer Familie und Gemeinschaft, und deshalb bin ich‘. Diese Vorstellung entstammt dem philosophischen Konzept des Ubuntu und ist heute nach wie vor sehr verbreitet.“

Erwartungen an die Familiensynode

Bezogen auf die Bischofssynode in Rom mahnt van Wyk, bei den spirituell-theologischen Diskussionen über Ehe und Familie nicht die Wissenschaft aus dem Blick zu verlieren. „Als südafrikanische Protestantin würde ich gerne sehen, dass die Kirche Notiz nimmt von wissenschaftlichen Forschungen und Studien in den Feldern der Biologie, Anthropologie sowie Ökologie. Die Kirche vergisst allzu oft, dass unser Menschsein nicht nur eine spirituelle sondern auch eine biologische Dimension beinhaltet. Diese Einsicht ist vor allem wichtig, wenn wir über Sexualität, Sex und den Zölibat diskutieren. Doch auch hinsichtlich der Familienplanung sind diese Erkenntnisse unabdingbar, da uns die Wissenschaft aufzeigt, dass unser Planet unter der Last einer immer größer werdenden Bevölkerung leidet.“

„Ich wünsche mir, dass sich die Kirche nicht mehr länger hinter Regeln versteckt, sondern sich auf die Gnade Gottes besinnt, die die Möglichkeit zum Dialog eröffnet und so Wachstum und Wandel bewirkt.“

— Han Janse van Rensburg, Department Science of Religion and Missiology

Han Janse van Rensburg findet die folgenden abschließenden Worte, die die Ansicht aller Befragten zusammenfassend widerspiegelt: „Ich wünsche mir, dass sich die Kirche nicht mehr länger hinter Regeln versteckt, sondern sich auf die Gnade Gottes besinnt, die die Möglichkeit zum Dialog eröffnet und so Wachstum und Wandel bewirkt. Ich erhoffe mir weniger Isolation und mehr ökumenische Arbeit.Wir sind alle durch denselben Christus erlöst. Je mehr wir zusammenarbeiten, desto tiefer wird unser Verständnis und die praktische Anwendung unseres Glaubens ausfallen.“

Von Marita Wagner

© weltkirche.katholisch.de

Blog

Für zwei Auslandssemester hat es die 23-jährige Theologie-Studentin Marita Wagner an die University of Pretoria verschlagen. In einem Blog für das Internetportal Weltkirche berichtet sie vom Lernen und Leben in Südafrika.

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Welche Familienkonzepte existieren in Südafrika? Vor welchen Herausforderungen stehen die Familien? Im ersten Teil ihrer Umfrage innerhalb des hiesigen Professorenkollegiums geht Marita Wagner dem Familienleben in Südafrika auf den Grund.

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