Ubuntu – „Ich bin, weil ihr seid“

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  • Blog: Nachrichten aus Pretoria - 21.09.2015

I am because we are and since we are therefore I am“. Dieser Aphorismus beschreibt die Leitvision der südafrikanischen Philosophie des Ubuntu, die von Philosophen wie Augustine Shutte als der „verborgene Schatz“ Südafrikas anerkannt wird.

Ubuntu bedeutet übersetzt „Menschlichkeit“ (Humanity) und verkörpert damit das Verständnis, was es heißt, ein Mensch zu sein, und was das Leben als solches wertvoll und erstrebenswert macht. Zudem drückt der Begriff insofern eine Dynamik aus, als dass er sich auf das Leben bezieht, welches auf Entfaltung gerichtet ist.

Die philosophische Idee des Ubuntu wird in der Sprache der Zulus als „umuntu ngumuntu ngabantu“ beschrieben und bedeutet „Menschen sind abhängig von Menschen, um Mensch zu sein“. Der südafrikanische Philosoph Mogobe B. Ramose erklärt dieses Phänomen wie folgt: „Ein Mensch zu sein heißt, sein Menschsein zu bestätigen durch die Anerkennung des Menschseins anderer Menschen, und auf dieser Grundlage menschliche Beziehungen mit ihnen zu unterhalten.“ Andere afrikanische Philosophen definieren Ubuntu auch als „existing in each other“ oder „caring for each other“.

Wie sich aus all diesen Definitionen erschließen lässt, zielt Ubuntu auf ein ethisch verantwortbares Leben in Gemeinschaft, das sich durch Respekt und Mitgefühl gegenüber dem Nächsten ausdrückt. Der Mensch bedarf persönlicher Beziehungen, um sich als Person weiterentwickeln und seine Fähigkeiten ausschöpfen zu können. Am Beginn des Lebens ist er deshalb nur ‚potentiell’ Mensch. Erst im Verlauf seines Lebens entwickelt er sich durch Interaktion mit seinen Mitmenschen kontinuierlich weiter als Mensch und wird somit ‚mehr Mensch’. ‚Gemeinschaft’ wird aus diesem Grund auch verstanden als ein interpersonales Netzwerk an Beziehungen. In jeder Beziehung, die der Mensch zu anderen Menschen unterhält, lernt er eine andere Facette seiner selbst kennen. Die soziale Gemeinschaft wird in diesem Falle jedoch nicht bloß als eine lose Sammlung von Individuen verstanden, sondern vielmehr als ein zusammenhängender Organismus.

Einheit in Vielfalt

Diese humanistische Ideologie hat besonders für das Südafrika der Post-Apartheid noch einmal an Bedeutung gewonnen, da sie unterstreicht, was das Land in Zukunft auszeichnen und wie es regiert werden sollte. Die menschlichen und moralischen Werte, die Ubuntu beinhaltet, gelten als richtungsweisend für politische Entscheidungen und sind somit fester Bestandteil und Fundament der Gesetzesbücher.

„Ubuntu ist etwas, das in allen Menschen angelegt ist.“

— Johann Broodryk, Sozialwissenschaftler

Ubuntu drückt ein Ideal aus, nach dem es sich insofern zu streben lohnt, als dass es das Allgemeinwohl aller Menschen und deren „Einheit in Vielfalt“ zum Ziel hat. In Gegenüberstellung zu Descartes Ausspruch ‚Ich denke, also bin ich’ konstatiert der Sozialwissenschaftler Johann Broodryk aus Pretoria mit Hinblick auf Ubuntu: „’Ich fühle, ich bin in Beziehung, also bin ich.’ Es ist ganz bestimmt eine spirituelle Praxis, genauso aber eine Art Religion und ohne Frage auch eine Philosophie. Ich sage am liebsten eine Weltanschauung: ... Die Art wie ich denke, die Art, wie ich spreche, die Art, wie ich mich verhalte. ... Ubuntu ist etwas, das in allen Menschen angelegt ist.“

Man muss jedoch auch ehrlich eingestehen, dass Südafrika noch immer großen gesellschaftlichen Unterschieden und somit sozialen Spannungen unterlegen ist. Die Schere zwischen Arm und Reich ist nach wie vor immens. Auch Kriminalität und Korruption sind bislang ungelöste Probleme.

Die Apartheid und Ubuntu

Trotz alledem wäre es falsch zu behaupten, dass Ubuntu nicht existent sei. Bestes Beispiel hierfür ist der relativ gewaltfreie Übergang hin zu einer Demokratie. Als die Apartheid 1994 ihr Ende fand, fürchtete die Welt ein Blutbad der Rache, welches jedoch ausblieb. Stattdessen war die schwarze Bevölkerung, welche jahrelang unterdrückt und diskriminiert wurde, bereit zur Vergebung und reichte der weißen Minderheit die Hand. Viele sehen in dieser Bereitschaft zur friedlichen Koexistenz ein authentisches Zeugnis für die ethische Haltung gemäß des Ubuntu.

Auch mit Blick auf mein Studium an der hiesigen theologischen Fakultät kann ich bestätigen, dass ich die beschriebenen Wertvorstellungen des Ubuntu in den verschiedenartigen Begegnungen mit meinen Kommilitonen und Professoren wiederentdecken kann. Der kollektive Zusammenhalt sowie die Fürsorge füreinander stechen deutlich hervor im Vergleich zu unserem doch eher individualistisch geprägten europäischen Lebensstil. Als ich vor einiger Zeit meinen Professor für Afrikanische Theologie auf die Vorstellungen von Ubuntu ansprach erklärte er mir: „Ubuntu ist mehr als nur Anteilnahme am Leben meines Nächsten. Vielmehr identifiziere ich mich mit meinem Gegenüber. Dein Schmerz wird zu meinem Schmerz und deine Freude wird zu meiner Freude. Ich leide mit dir mit und ich lache mit dir mit.“

Ein einfaches, aber dennoch eindrucksvolles Beispiel für das ethische Selbstverständnis der Südafrikaner zeigte sich mir eines morgens, als ein mir unbekannter Student vor der Fakultät mit seinem Motorrad wegrutschte und stürzte. Er fuhr nur Schrittgeschwindigkeit und schlug somit nicht hart auf. Und dennoch kamen sofort ein Dutzend Studenten aus allen Richtungen angerannt um sicherzustellen, dass es ihm gut ging. Diesen beherzten und direkten Einsatz empfand ich als bemerkenswert, vor allem als ich sah, wie die jungen Leute zusammenarbeiteten. Eine Person half dem Jungen beim Aufstehen und Abnehmen seines Helmes, einige andere richteten gemeinsam das Motorrad wieder auf, wieder andere sammelten die Habseligkeiten des zu Boden Gegangenen auf und gaben sie ihm zurück. Wir standen schließlich in einem Kreis und unterhielten uns noch kurz mit dem Jungen, der sich sehr dankbar über diese Unterstützung zeigte und gingen anschließend wieder unseres Weges. Diese kleine Episode spiegelt meines Erachtens den solidarischen Umgang der Menschen hier sehr bildhaft wider.

„Lebt euer ganzes Potential und erkennt das Potential in jedem anderen und feiert das Wunder eurer Vielfalt.“

— Desmond Tutu, em. anglikanischer Erzbischof und Friedensnobelpreisträger

Abschließend sei gesagt, dass sich auch die Zukunftshoffnungen Südafrikas auf die Philosophie des Ubuntu stützen. So formuliert Desmond Tutu, emeritierter Erzbischof und Friedensnobelpreisträger: „Ich träume von einer neuen Welt und einer reifen Menschheit, die lebt, was Ubuntu meint. Wir sind alle eins. Ich möchte Euch zugleich erinnern an die Magie dessen, was jeder Einzelne ist. Lebt euer ganzes Potential und erkennt das Potential in jedem anderen und feiert das Wunder eurer Vielfalt. Und am allerwichtigsten: Geh, und sei, wer Du bist! Das ist unser gemeinsames Vermächtnis.“

Von Marita Wagner

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Nachrichten aus Pretoria

Für zwei Auslandssemester hat es die 23-jährige Theologie-Studentin Marita Wagner an die University of Pretoria verschlagen. In einem Blog für das Internetportal Weltkirche berichtet sie vom Lernen und Leben in Südafrika.

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