Healing of Memories

  • Blog: Nachrichten aus Pretoria - 01.09.2015

Mitte Juli besuchte ich einen Wochenend-Workshop in Johannesburg, der unter dem Thema „Healing of Memories“ stand. Geleitet wurde dieser von Father Michael Lapsley, der gebürtig aus Neuseeland stammt. Father Michael gehört dem anglikanischen Orden der Society of the Secret Mission (MSS) an. Sein Orden sendete ihn 1973 nach Südafrika, wo er als Kaplan für die Studierenden an der Universität von Durban arbeitete.

Father Michael schloss sich schon sehr bald der Anti-Apartheid-Bewegung an und wurde in diesem Rahmen Mitglied der ANC-Partei (= African National Congress, führende Bewegung gegen die Apartheid). Während öffentlichen Veranstaltungen predigte er gegen das damalige Regime, geriet somit schnell in den Fokus der Apartheid-Unterstützer und wurde somit 1976 des Landes verwiesen. Zunächst lebte Father Michael in Lesotho. 1982 zog er nach Simbabwe, wo er weiterhin im Untergrund für den ANC arbeitete und diesen im Ausland vertrat.

Die Situation fand schließlich 1990 ihren tragischen Höhepunkt, als Father Michael Opfer eines Briefbombenattentats wurde, bei dem er sowohl beide Hände als auch sein rechtes Auge verlor. Auch sein Trommelfell ist seitdem stark geschädigt, sodass er nur sehr schlecht hören kann. Nach diesem schweren Schicksalsschlag und langsamer Genesung gründete Father Michael 1998 in Kapstadt das sogenannte Institute for Healing of Memories, welches den Opfern der Apartheid bei der psychologischen Aufarbeitung ihrer Traumata Unterstützung bietet (zwei weitere Institute wurden seitdem in Durban (Südafrika) und in den USA gegründet). Mittlerweile reist Father Michael jedoch auch um die ganze Welt und bietet Workshops für Menschen an, denen großes Leid und Schmerz widerfahren ist und hilft ihnen bei ihrer seelischen Heilung.

Father Michael hat seine Lebensgeschichte 2012 in dem Buch Mit den Narben der Apartheid – Vom Kampf für die Freiheit zum Heilen traumatischer Erinnerungen (Originaltitel: Redeeming the Past – My Journey from Freedom Fighter to Healer) veröffentlicht. Dieses hatte ich zur Vorbereitung auf mein Auslandsjahr in Südafrika gelesen, um mehr über die Geschichte Südafrikas zu erfahren. Als ich hörte, dass Father Michael einen Workshop in Johannesburg anbieten wird, stand für mich fest, dass ich diesen außergewöhnlichen Mann nun auch persönlich kennenlernen möchte.

Father Michael (Mitte) mit den Teilnehmenden des Workshops

Privat

Der „Blick von außen“

Beim Veranstaltungsort angekommen wurde schnell klar, dass ich mit Abstand die Jüngste und neben einer älteren Dame auch die einzige Weiße der insgesamt 25 Teilnehmer war. Ich fühlte mich anfangs noch wie eine Art Eindringling, da ich selbst noch nie derartige Schicksalsschläge erleiden musste wie sie mir von den anderen Teilnehmern berichtet wurden. Aufgrund meiner „unbefleckten“ Biografie, die keine echten Brüche aufwies, war ich unsicher darüber, wie ich echten Trost spenden kann. Ich hatte Angst, von den anderen Teilnehmern womöglich abgelehnt oder nicht ernst genommen zu werden, da ich, anders als sie, keinen Workshop brauchte, um persönliche Traumata zu verarbeiten. Zu meiner Beruhigung stellten sich alle diese Befürchtungen als unbegründet heraus und mein „Blick von außen“ sowie mein aufrichtiges Interesse an ihnen und ihrer Geschichte wurde sehr honoriert.

Während der dreitägigen Veranstaltung ging es darum, den Schmerz, den man in sich trägt, aber normalerweise zu verdrängen versucht, zu benennen und mit anderen zu teilen. In seiner Biografie schreibt Father Michael dazu: „In den Workshops schaffen Teilnehmer Vertrauen, indem sie sich einander mitteilen. Das heilt und verbindet und hilft wiederum, ein neues Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln und das Sozialgefüge wieder aufzubauen… Der Workshop ist eine psychologisch, emotional und spirituell eindringliche Erfahrung,… keine intellektuelle Übung, sondern eine Seelenreise (S.164).“

Am ersten Abend wurden wir mit einer Liste von Fragen zu Bett geschickt, über die wir uns als Vorbereitung auf den nächsten Tag Gedanken machen sollten:

  • Was waren die schönsten und schmerzhaftesten Erlebnisse Deines Lebens?
  • Wie hast Du überlebt? Wie hast Du die Energie dazu aufgebracht?
  • Wie sieht Dein Glaubensweg aus?
  • Wie hat Dich die Vergangenheit deines Landes beeinflusst? Wie hat Dich das Leben Deiner Eltern und Großeltern beeinflusst?

Und zu Schluss die drei wichtigsten Fragen, die sich durch den ganzen Workshop zogen:

  • Was hast Du getan?
  • Was wurde Dir angetan?
  • Was hast Du unterlassen (What did you fail to do)?

Am nächsten Morgen (Samstag) forderte uns Father Michael dazu auf, mit Bezug auf die gestellten Fragen unsere Lebensgeschichte auf einem großen Papierbogen aufzumalen. Anschließend wurden wir in Kleingruppen, bestehend aus fünf bis sechs Leuten sowie einem Seminarleiter als Moderator (Mitarbeiter/in in Father Michaels Team) eingeteilt. Nacheinander erzählten wir uns unsere Biografie und verwiesen dabei auf unsere gemalten Bilder, die in der Mitte des Stuhlkreises auf dem Boden lagen. Endete eine Person mit ihrem Bericht, so waren danach Beiträge und Rückfragen aus der Gruppe willkommen, durch die man dem Sprecher Mut und Trost zusprach.

„Als Opfer sind wir passiv. Durch das Heilen werden wir aktiv und handlungsfähig.“

— Father Michael Lapsley

Emotionale Momente

Während der einzelnen Schilderungen liefen viele Tränen, einige Teilnehmer sprachen zum ersten Mal laut aus, was ihnen in ihrer Vergangenheit angetan wurde. Es war emotional sehr herausfordernd diese grausamen Geschichten anvertraut zu bekommen, die allesamt von sexuellen Vergewaltigungen, Ermordungen, Anschlägen, Diskriminierungen und Vertreibungen handelten. Und trotzdem empfand ich es auch als ein großes Privileg, Teil dieses Workshops sein zu dürfen. Diese persönlichen Eindrücke haben in mir noch einmal ein tiefergehendes Verständnis und eine Einsicht geweckt, die mir sicherlich im zukünftigen Umgang mit meinen südafrikanischen Freunden helfen werden. Dieses neu gewonnene Hintergrundwissen wird mich hoffentlich dazu befähigen, noch besser auf die Bedürfnisse der Menschen hier einzugehen.

Am letzten Tag des Workshops wurden Lieder, Gedichte und Rollenspiele vorgetragen.

Father Michael Lapsley

Nachdem wir den ganzen Samstag damit verbrachten, uns gegenseitig aus unserem Leben zu erzählen, kamen wir abends wieder in der großen Gruppe zusammen und schilderten uns unsere momentane Gefühlslage. Im Verlauf dieser Reflektion des Tages kamen Grundsatzfragen auf wie „Wie vergibt man?“ oder „Ist es möglich, die Vergangenheit zu vergessen?“.

Der letzte Tag bestand in einer ausgelassenen Feier, die durch die einzelnen Kleingruppen künstlerisch gestaltet wurde. Es wurden Lieder, Gedichte und kleine Rollenspiele vorgetragen, die allesamt unter dem Thema „Heilung und Versöhnung“ standen. In diesem Rahmen formten wir außerdem unser ganz persönliches Friedenssymbol aus Ton, welches wir in die Zeremonie einbrachten. Zum Abschluss erhielten wir alle ein kleines Blatt Papier, auf welches wir schreiben sollten, welche Last oder destruktives Gefühl wir in Zukunft hinter uns lassen wollen. Der Inhalt des Blattes blieb unser Geheimnis. In einem liturgischen Festzug gingen wir nach draußen, wo wir unsere beschriebenen Zettel in ein entzündetes Feuer warfen. Die Liturgie endete mit einer gemeinsamen Schweigeminute am Feuer. Der Wochenend-Workshop wurde schließlich durch ein gemeinsames Mittagessen beendet.

Ein Workshop, der Spuren hinterlässt

Der Workshop hat einen nachhaltigen Eindruck auf mich hinterlassen. Besonders beeindruckt haben mich Father Michael und seine eindringliche Aura. Er ist ein Mensch, bei dem alle aufsehen, wenn er den Raum betritt. Er strahlt eine große Zuversicht und ein Selbstbewusstsein aus, was ich bei alledem, was er schon durchleben musste, wirklich bemerkenswert finde. Father Michael kann sich, verständlicherweise, sehr gut in die Lage der Südafrikaner hineinversetzen und findet somit die passenden Worte. Er hat während des Workshops immer wieder betont, dass Vergeltung niemals der Schlüssel zu Heilung sein kann, die seines Erachtens als ein langwieriger Prozess zu verstehen sei. Er selbst weiß bis heute nicht, wer ihm vor 25 Jahren die Briefbombe geschickt und seinen Namen auf den Briefumschlag geschrieben hatte. Aus diesem Grund sei es ihm bislang noch nicht möglich zu vergeben, da ihm dazu das Gegenüber fehle.

Statt zwei Händen hat Father Michael nun zwei Prothesen mit Greifzangen an seinen beiden Armstümpfen, die er sehr geschickt einsetzen kann. Dass er, obwohl er selbst so stark verwundet und gezeichnet wurde, Menschen auf der ganzen Welt dabei hilft, zu vergeben und zu heilen, zollt mir großen Respekt. Er ist in jedem Falle ein außerordentlicher Zeitzeuge mit einer besonderen Persönlichkeit.

Von Marita Wagner

© weltkirche.katholisch.de

Father Michael Lapsley in Deutschland

Father Michael wird sein Buch "Mit den Narben der Apartheid" im November 2015 in Deutschland vorstellen. Die Termine können Sie der Website des Budrich-Verlags entnehmen:

www.budrich-academic.de

Blog

Für zwei Auslandssemester hat es die 23-jährige Theologie-Studentin Marita Wagner an die University of Pretoria verschlagen. In einem Blog für das Internetportal Weltkirche berichtet sie vom Lernen und Leben in Südafrika.

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