Make Today Matter

  • Blog: Nachrichten aus Pretoria - 01.09.2015

Make today matter“– Dies ist die Leitvision der University of Pretoria, einer der führenden Universitäten in Südafrika, die 1908 gegründet wurde. Seit 1996 ist sie offiziell die Forschungseinrichtung mit dem größten wissenschaftlichen „Output“. Das eigentliche Ziel wird dabei klar benannt: man möchte zu den führenden Universitäten in Afrika gehören, die akademisch herausragende Leistungen und einen hohen Standard verkörpern. „Make the future a better place“, mit diesen Worten begrüßte die Direktorin der Universität, Cheryl de la Rey, die Erstsemesterstudenten Anfang diesen Jahres und lud sie dazu ein, ein Teil dieser intellektuellen Gemeinschaft zu werden. Die Institution beheimatet derzeit über 50.000 Studenten, die 113 verschiedenen Ländern entstammen, wodurch sich eine große internationale Vielfalt ergibt.

Zu den insgesamt neun verschiedenen Fakultäten gehört unter anderem die Faculty of Theology, die 1917 gegründet wurde und an der ich noch bis Dezember studieren werde. Diese ist die älteste und größte theologische Fakultät (nicht Seminar!) Südafrikas. Das besondere an ihr, und dies ist der Grund, warum ich mich für sie entschieden habe, ist die Tatsache, dass hier Studenten unterschiedlicher Konfessionen gemeinsam studieren und in Dialog miteinander treten. Die Fakultät hat ein gut ausgebautes Netzwerk. Neben der katholischen Kirche kooperiert sie auch mit der anglikanischen, presbyterianischen, lutherischen und reformierten Kirche und beteiligt sich sehr aktiv an diversen sozial-gesellschaftlichen und kirchlichen Projekten.

Dr. Attie van Niekerk, Dozent für Missionstheologie

Faculty of Theology/University of Pretoria

An der Fakultät beeindruckt mich, dass sie sehr breit aufgestellt ist. Die Professoren verstehen es, das akademische Studium mit der Praxis in Einklang zu bringen. Sie zeigen deutlich auf, wie die jeweilige Vorlesung in den größeren theologischen Kontext einzuordnen ist und wozu deren Inhalt die Studenten am Ende befähigen soll bzw. wie sie ihr neu gewonnenes Wissen in der Kirche und lokalen Gemeinde anwenden können. Man bleibt somit nicht bei der reinen wissenschaftlich-theoretischen Forschung stehen. Dies sei, so Dr. Attie van Niekerk, Dozent für Missionstheologie, eine Stärke der südlichen Theologie gegenüber der nördlichen. Während der Norden versuche, die Theologie in erster Linie mithilfe der Wissenschaft zu begründen, liege der Fokus im Süden darauf, Theologie als eine Möglichkeit zu begreifen, Menschen zu inspirieren und sie zu Vertretern der göttlichen Schöpfung zu machen. Auch meine neuen Studienfreunde bescheinigen mir im Gespräch, dass sich viele der Studenten unabhängig von ihrem Studium, und damit auf freiwilliger Basis, äußerst aktiv in Sozial- und Hilfsprojekten der jeweiligen Kirchen engagieren würden.

Durch ihren Vorlesungsstil regen die Professoren ihre Studenten ebenfalls zur Eigeninitiative an. Im Gegensatz zu dem uns bekannten Frontalunterricht gestalten sich die meisten Vorlesungsstunden hier in Form von Diskussionen. „Die Professoren möchten wissen, was die Studenten denken, sie sind wirklich interessiert an deren Meinung“, erklärt mir einer meiner Kommilitonen. „Sie wollen die Studenten zu einem selbstständigen und reflektierten Denken herausfordern.“ Damit bestätigt er meinen bisherigen Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Professoren und Studenten ein sehr persönliches und menschliches ist. Immer wieder wird uns die Frage gestellt: „Was denkt ihr über die Meinung des Autors? Teilt ihr seine Ansicht?“ Anfangs war ich es nicht gewohnt so direkt nach meiner persönlichen Einschätzung gefragt zu werden, aber da die meisten Professoren ihre Studenten mit Namen kennen, sprechen sie uns auch ganz gezielt an. Folglich wird jeder Student dazu aufgefordert, sich in den Unterricht mit einzubringen und seine Meinung zu vertreten. Es reicht nicht aus unbeteiligt in der Vorlesung zu sitzen und ein vorgefertigtes Konzept des Professors mitzuschreiben. Mehrmals konnte ich bereits erleben, dass Studenten auch ehrlich sagen, wenn sie mit der Ansicht des Professors nicht übereinstimmen und ihm deshalb entschieden widersprechen. In dieser Hinsicht denke ich, dass es gerade im Hinblick auf die südafrikanische Geschichte rund um das Thema Apartheid sehr wichtig ist, junge Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigene Meinung zu entwickeln und sie zu einem verantwortungsbewussten Handeln zu erziehen.

Inhaltlich wird die Theologie in einem sehr viel größeren Kontext bzw. auf mehreren Ebenen betrachtet. In einem ersten Schritt wird die Theologie Südafrikas untersucht, anschließend die des afrikanischen Kontinents und zum Schluss erfolgt eine globale Betrachtung (vom Mikro- zum Makrokosmos). Dabei kommt es oft zu Vergleichen zwischen dem theologischen Verständnis in den nördlichen Industriestaaten und den südlichen developing countries. Wie bereits angesprochen dreht es sich dabei nicht ausschließlich um die katholische Theologie sondern vielmehr um die Zusammenarbeit der einzelnen Kirchen, zwischen denen die Trennung weniger strickt erscheint. Dies liegt wohl vor allem daran, dass Südafrika aus so vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen besteht, die nach der Apartheid einen neuen gemeinsamen Lebensweg finden müssen. Bestes Beispiel ist der South African Council of Churches (SACC), der als Dachorganisation fast alle christlichen Kirchen Südafrikas repräsentiert und sich in der Vergangenheit gegen das Apartheid-Regime gestellt hat.

Insgesamt ist außerdem festzustellen, dass die südafrikanische Theologie in einem viel engeren Verhältnis zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft steht als dies in Deutschland der Fall ist. Grund hierfür ist ein nicht realisiertes demokratisches System gepaart mit einer Wirtschaft, die nicht auf Nachhaltigkeit basiert. Die Schere zwischen Arm und Reich wird folglich eher größer als kleiner. Aus diesem Grund sieht sich die Kirche dazu genötigt einzugreifen und gegen diese Missstände vorzugehen.

Prof. Johan Buitendag, Rektor der theologischen Fakultät an der University of Pretoria.

Faculty of Theology/University of Pretoria

Prof. Johan Buitendag, Rektor der theologischen Fakultät, stellt mir in diesem Rahmen das aktuelle Forschungsprogramm der Fakultät vor, welches auf die genannten Probleme zu reagieren versucht. So wurde ein Faculty Research Theme (FRT) ausgearbeitet, welches den Projektnamen Ecodomy – Life in ist fulness trägt (abgeleitet vom griechischen Wort oikodomé). Dabei werden sozialgesellschaftliche Themen einer ethischen Hinterfragung unterzogen. Prof. Buitendag fasst die Intention des Vorhaben wie folgt zusammen: „Ecodomy will look at religious world views and norms, but will have a strong interdisciplinary research focus on aspects of global justice, human dignity, reconciliation, moral formation and responsible citizenship. Ecodomy’s central message of a holistic approach to life looks at the interrelations of the economy, ecology, theology, religion, life and poverty to the self and society.” In meiner Vorlesung Mission in Practice, die Dr. van Niekerk leitet, nähern wir uns dieser Thematik auf praktische Weise, indem wir über die Bedeutung von sustainable communities sprechen. Wir nehmen dabei eine Gesellschaftsanalyse vor und diskutieren die derzeitigen sozialen Probleme wie Arbeitslosigkeit, HIV/AIDS und Armut sowie mögliche Lösungskonzepte. Die zentrale Frage dabei ist: Welche Rolle nimmt die Kirche in diesem Konflikt ein? Wie muss sie reagieren? Kann die Kirche überhaupt mit politischen Gruppierungen oder der Industrie zusammenarbeiten, die für Korruption bekannt sind, ohne ihre moralischen Werte aufzugeben?

Im Interview benennt Dr. van Niekerk deshalb die aktuellen Herausforderungen für die südafrikanische Theologie: „The faith should find expression in sustainable, humane and just ways of life among both rich and poor. It is important that theology can engage with the issues of everyday life: poverty and inequality, violence and crime, family breakdown and HIV/AIDS, the destruction of creation as well as the loss of hope and vision“

Doch auch hier bleibt es nicht bei bloßen Feststellungen. In seiner Vorlesung erklärt Dr. van Niekerk: „You have to know what is going on outside. You have to know about the social problems families in the communities are suffering from. How can you otherwise preach them the gospel authentically?“ Aus diesem Grund besuchen wir im Rahmen der Vorlesung ein Mal pro Woche sozial benachteiligte Familien in verschiedenen Armenvierteln der Stadt. Jeder Kleingruppe, bestehend aus zwei Studenten, wurde eine feste Familie zugewiesen. Zusammen mit einem äthiopischen Kommilitonen begleite ich eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die vor acht Jahren von Burundi nach Südafrika geflohen ist. In ihrem Heimatland musste sie mit ansehen, wie Soldaten während des Kriegs ihre ganze Familie ermordet hatten. Als sie schließlich mit den Kindern in Südafrika ankam, stellte sich heraus, dass ihr Ehemann, der vor ihr nach Südafrika geflüchtet war, bereits eine neue, südafrikanische Lebensgefährtin hatte. Ihr Studium in Accounting wird nicht anerkannt, da sie es nicht in Südafrika absolviert hat. Trotz dieser schweren Schicksalsschläge ist sie fest in ihrem Glauben verwurzelt. Er gab ihr schließlich auch die Kraft, eine Vorschule für die Kinder im Armenviertel von Sunnyside zu gründen, um ihnen eine erste Erziehung und Ausbildung zu ermöglichen.

Es sind diese außerordentlichen menschlichen Begegnungen, die mich als angehende Theologin hier in Südafrika noch einmal besonders herausfordern und zum Nachdenken anregen. Wie können wir als Seelsorger für diese Menschen da sein, wie müssen wir zu ihnen sprechen? Ich bin dankbar dafür, einmal aus meinem wohlbehüteten Umfeld hinauszutreten und mich „dem echten Leben“ und seinen Schrecken stellen zu können/müssen. Anhand von Beispielen wie diesen wird mir wieder bewusst, in welch einer privilegierten Welt ich aufwachsen durfte und dass dies keineswegs selbstverständlich ist.

Interessant ist es auch zu sehen, wie sehr die traditionell afrikanische Religion in das Alltagsleben der Menschen integriert ist. Diesbezüglich erklärt mir Dr. van Niekerk in unserem Interview, dass die afrikanische Religion einen großen Einfluss darauf habe, inwiefern Menschen das Gesundheitssystem oder die modernen Technologien für sich nutzen. Ebenso große Auswirkungen habe sie auf menschliche Beziehungen, sowohl positive als auch negative. Positiv im Sinne der afrikanischen Ethik des Ubuntu, die man als „existing and caring for each other“ definieren kann, negativ insofern, als dass man befürchtet, durch Menschen in seinem näheren Umfeld verhext zu werden. So gestalten sich besonders die Beerdigungen von Familienmitgliedern als eine sehr kostenintensive Angelegenheit, da man darum bemüht ist, den Geist des Verstorbenen friedlich zu stimmen (ähnlich der Jenseitsvorstellungen im Zweistromland). Diese Schilderungen bestätigen sich in den Gesprächen, die ich mit der Frau aus Burundi geführt habe. Sie erzählte mir davon, dass sie vor drei Jahren an Lungenkrebs erkrankt sei, dieser aber nach einem Jahr von den Ärzten nicht mehr diagnostiziert werden konnte. In ihren Augen steht es außer Frage, dass es Gottes Gnade und Barmherzigkeit waren, die sie von ihrer Krankheit geheilt haben. In der afrikanischen Tradition werden folglich auch wundersame Heilungen nicht ausgeschlossen.

Doch wie lässt sich die traditionell afrikanische Religion mit der christlichen Theologie in Einklang bringen? Dr. van Niekerk entgegnet als Missionswissenschaftler: „Progress is not to move forward and leave something behind, progress is to make the circle (as the most telling symbol in African culture) bigger to include the new with the old.“

Abschließend bleibt zu sagen, dass Südafrika noch einen weiten Weg vor sich hat. Auch nach 20 Jahren sind die Folgen der Apartheid und der Schmerz, den diese Zeit bei vielen Menschen hinterlassen hat, noch deutlich zu beobachten. Die hiesige Theologie steht vor der Frage, wie sich eine neue Zukunft Südafrikas gestalten lässt. Dabei müssen neue moralisch-ethische Leitvisionen formuliert und in der Gesellschaft etabliert werden. Wichtig ist es dabei auch, dass die noch immer in den Köpfen vieler Menschen verankerten rassistischen Vorurteile – gegenüber Schwarzen und gegenüber Weißen! – abgebaut und ein Dialog zwischen den Bevölkerungsgruppen gefördert wird. Da die derzeitige  Regierung von Korruption durchzogen ist, obliegt es nun der Kirche, einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken und neue Hoffnung zu säen. Aus diesem Grund legen die Professoren so großen Wert darauf, ihre Studenten zu einem verantwortungsbewussten und reflektierten Handeln zu motivieren – „to make the future a better place“.

Von Marita Wagner

© weltkirche.katholisch.de

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Nachrichten aus Pretoria

Für zwei Auslandssemester hat es die 23-jährige Theologie-Studentin Marita Wagner an die University of Pretoria verschlagen. In einem Blog für das Internetportal Weltkirche berichtet sie vom Lernen und Leben in Südafrika.

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