Gedanken über Ruanda, Teil 3

Dienstag, 26.11.2013

Heute Morgen denke ich besonders an meine Familie. Ich würde sie gerne treffen, um ihnen von dem, was ich erlebe, zu berichten. Ich würde gerne hören, was sie denn machen, wie es ihnen geht. Aber wir haben hier kein W-LAN, so dass die Smartphones der Kolleginnen und Kollegen nicht ins Internet können. Heute geht es nach Nkanka, nur 11 Kilometer nördlich von Cyangugu – allerdings weitgehend auf holpriger Piste. Auf der ganzen Fahrt über diese Piste begegnen wir zwar sehr vielen Menschen, aber niemand ist wie wir mit dem Auto unterwegs. Ein komisches Gefühl für mich, so privilegiert unterwegs zu sein ...

Um 8:30 Uhr treffen wir eine „kleine christliche Gemeinde“. Sie empfangen uns mit Gesängen. Wir gehen mit ihnen in eine eigene kleine Kapelle, die sich zunehmend füllt, bis sie letztlich sogar mit rund 100 Personen überfüllt ist. Es gibt ein kleines Komitee, das die Versammlung moderiert. Es wird berichtet, was seit dem letzten Treffen alles gemacht wurde. Es werden Gebete gesprochen und das Tagesevangelium (Lk 21) vorgelesen und anschließend darüber gesprochen, was dieser Text für die Leute in ihrem Viertel bedeutet. Die Palette reicht von „Kranke besuchen“ bis zum „Einsatz für Gefangene“. Dabei gibt es auch unterschiedliche Auffassungen – zum Beispiel über den Umgang mit jungen Leuten, die sich kaum noch in der Kirche engagierten –, über die sich heftig auseinandergesetzt wird. Interessant ist, dass sich sowohl der Pfarrer als auch der Bischof bei dem Streit komplett zurückhalten und die Leute ohne jede Beeinflussung selbst entscheiden lassen.

Zentrum für Menschen mit Behinderung

Anschließend besuchen wir ganz in der Nähe ein Behindertenzentrum, das seit sieben Jahren von einer Italienerin geleitet wird. 170 Kinder und Jugendliche kommen tagsüber hierher, immer gruppenweise. Heute sind 33 Taubstumme da. An anderen Tagen kommen Blinde, geistig Behinderte oder Epileptiker her. Manchmal wird in einer Schreinerei gearbeitet. Andere Tätigkeiten sind Gartenarbeit, Alphabetisierung, Nähen und Tiere füttern. Die Kinder und Jugendlichen kommen meist zu Fuß und teilweise von weit. Sie bekommen ein Frühstück sowie ein Mittagessen.

Zwei Freiwillige aus unserer Diözese wären in der Einrichtung willkommen. Die Leiterin sowie der Ortspfarrer wären gerne bereit, die beiden Freiwilligen zu begleiten. Auch die anderen Rahmendaten (Übernachtung etc.) scheinen uns gut. So wollen wir versuchen alle notwendigen Voraussetzungen recht bald zu schaffen, damit bereits im kommenden Sommer zwei Jugendliche zu ihrem ersten Einsatz herkommen können.

Besuch der Kolpingfamilie in Nkanka

Nach einem Mittagessen treffen wir uns mit der einzigen Kolpingfamilie im hiesigen Bistum. Zunächst besichtigen wir ihr „Kuhprojekt“. Immer wenn es junge „neue“ Kälber gibt, bekommt eine materiell arme Familie ein solches Kalb – zur Ernährungssicherung und als Erwerbsquelle. Die Kolpingfamilie in Nkanka wurde vor drei Jahren gegründet und ist in dieser Zeit von 23 auf 36 Mitglieder angewachsen.

Auf einer Kaffeeplantage

Auf dem Rückweg nach Cyangugu machen wir einen Abstecher zu einer Kaffeeplantage. Sie ist eine von etlichen Plantagen, über die wir die Bohnen für unseren Partnerschaftskaffee „Cyangugu-Speyer“ beziehen. Ein Kaffeebauer erklärt uns, dass die Bohnen seit September und noch bis März grün heranreifen. Ab dann werden sie rot und können geerntet werden. Leider müssen wir schon recht schnell weiter. Sehr gerne hätte ich den Bauer noch gefragt, wie es sich auf ihn und seine Familie auswirkt, dass unser Partnerschaftskaffee fair gehandelt wird, er also einen höheren Lohn erhält als bei konventionellem Kaffee.

Am Abend feiern wir mit Bischof Bimenyimana und Pfarrer Andreas Sturm einen Gottesdienst in der Kapelle des Diözesanzentrums. Anschließend lassen wir den Tag wie üblich gemeinsam ausklingen, in dem wir uns gegenseitig unsere Eindrücke vom Tag schildern. Zwölf Augen sehen deutlich mehr als zwei, daher vervollständigt sich unser Blick durch diese gegenseitige Bereicherung immer in sehr guter Weise.

Von Christoph Fuhrbach

© Bistum Speyer