Gedanken über Ruanda, Teil 2

Sonntag, 24.11.2013

Heute steht eine rund dreistündige Fahrt nach Butare, eine Stadt ganz im Süden Ruandas, an. Ich will die 130 Kilometer dorthin mit dem Rad fahren. Die Verkehrssituation ist überraschend gesittet. Es fahren außerhalb von Kigali nur wenig Autos – dafür etliche Kleinbusse, die Touristen und Einheimische transportieren, und noch mehr Motoräder. Am häufigsten aber fahren die Einheimischen mit Fahrrädern, auf denen sie viele – auch schwere – Lasten transportieren, wie Holz, Bananen und andere Früchte. Viele Menschen sind auch zu Fuß unterwegs – besonders am heutigen Sonntag auf dem Weg zur beziehungsweise von der Kirche.

Viele Menschen reagieren sichtbar auf mein Erscheinen: Manche rufen mir laut zu: von „good morning“ (tageszeitunabhängig) bis zu „bon courage“ (vor allem weit im Süden). Manche hätten gerne auch Geld vom vermutlich reichen Muzungu. Kinder laufen auf die Straße. Einige wollen ein paar Meter neben mir mitrennen, Erwachsene wollen ein Stück mitradeln. Oft winken wir uns gegenseitig, manchmal lächeln wir uns an. Manche kichern verschämt. Mein persönliches Bild des Tages: ein herzhaft lachender Mann mit nur noch drei Zähnen.

Die Landschaft gefällt mir: ein Hügel nach dem anderen, der Webeslogan „Land der 1000 Hügel“ scheint mir untertrieben. Überall grünt und blüht es. An vielen Stellen ist die Landwirtschaft sehr prägend: Es gibt unendlich viele kleine Parzellen, die von den Menschen meist in Subsistenzwirtschaft bearbeitet werden. Nach fünfeinhalb Stunden komme ich in Butare/Huye an.

Am späten Nachmittag treffen wir zwei uns wichtige Gesprächspartnerinnen, die uns einige Internas über die Situation im Land berichten. Wir versprechen ihnen, dass wir sowohl die Personen als auch die Inhalte für uns behalten.

Beim Abendessen berichten wir uns gegenseitig, wie es uns geht. Wir fühlen uns gut eingestimmt auf den morgen beginnenden Besuch in unserem Partnerbistum. Vor dem Schlafengehen merke ich, dass ich einen leichten Sonnenbrand an Armen, Beinen und im Gesicht habe, obwohl die Sonne fast nicht schien.

Von Christoph Fuhrbach

Montag, 25.11.2013

Ich werde vom Surren eines Moskitos geweckt. Gott sei Dank gibt es das Moskitonetz. Um sechs Uhr bekomme ich Frühstück und schon eine halbe Stunde später sitze ich wieder auf dem Rad. Unglaublich viele Menschen sind auf der Straße. Es sieht nach einer „Völkerwanderung“ aus. Die Meisten sind wohl auf dem Weg zur Arbeit, oft auf dem Feld. Viele haben entsprechende Werkzeuge – Macheten und lange Sägeblätter – in der Hand. Etliche Radfahrer transportieren nicht nur die üblichen Gegenstände, sondern oft auch noch ein bis zwei weitere Menschen. Ähnliches gilt für die Motorräder. Mir fällt auf, dass es hier wirklich fast nur dünne Menschen gibt, was sicher auch an den vielfältigen Bewegungsformen des Alltags liegt. Ein Fitnessstudio braucht hier jedenfalls niemand. Dennoch habe ich nie den Eindruck, dass die Menschen hier kurz vor dem Verhungern stünden. Es wächst und gedeiht so viel, dass die meisten sich offenbar gut von ihrem eigenen Feld ernähren können.

Ich passiere ein großes UN-Flüchtlingslager, anscheinend mit vielen Flüchtlingen aus dem nur noch knapp 100 Kilometer entfernten Kongo. Bald komme ich in den Naturpark „Foret de Nyungwe“. Plötzlich sind keine Menschen mehr auf der Straße, ich bin für mich ganz allein. Ich genieße diese Stille, die höchstens vom Gesang einiger Vögel oder von Affen-Geschrei unterbrochen wird. Schnell habe ich den höchsten Punkt auf rund zweieinhalbtausend Meter Höhe erreicht. Es ist ein bisschen frisch hier oben. Ganz in der Nähe befindet sich die Nilquelle, die sich von hier auf einen fast 7000 Kilometer langen Weg bis zur Mündung in Ägypten ins Mittelmeer macht.

Die Berg- und Talfahrt geht weiter. Plötzlich geht es auf einer wunderbaren Straße fast nur noch bergab. Die letzten Gegenanstiege meistere ich auch noch recht leicht und so komme ich nach sechseinhalb Stunden für hügelige bis bergige 145 Kilometer am Bischofshaus in Cyangugu/Ruzizi an.

Meine Kolleginnen und Kollegen sowie Bischof Bimenyimana sind bereits im diözesanen Pastoralzentrum. Der freundliche Kanzler des Bistums bringt mich auch dorthin. Nach einem guten Mittagessen fahren wir direkt weiter Richtung Burundi in die Stadt Rosayo, wo wir ein Kinder- und Waisenheim besuchen. Hier leben aktuell 195 Kinder im Alter von zwei bis siebzehn Jahren – viele davon sind Waisen, andere Straßenkinder. Das Haus wirkt streckenweise ziemlich dunkel. Die Verständigung mit den zwölf einheimischen Schwestern ist sprachlich anstrengend. Es scheint uns nicht einfach, Jugendliche aus Deutschland zu einem sozialen Dienst hierher zu senden. Auch wenn ein Dienst für diese Kinder sicher sehr sinnvoll wäre.

Von Christoph Fuhrbach

© Bistum Speyer