Gedanken über Ruanda, Teil 1

Freitag, 22.11.2013

Nach einer Zwischenlandung und mehrstündigem Aufenthalt in Addis Ababa (Äthiopien) landen wir mit einer Stunde Verspätung in Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Der Bischof unseres Partnerbistums Cyangugu, Jean-Damascene Bimenyimana, der Vorsitzende von Kolping Ruanda, Pater Festus, der Sekretär der ruandischen Bischofskonferenz sowie der Schulleiter der „technischen Schule“ in Mibilizi holen uns am Flughafen ab. Sie bringen uns direkt ins Büro der Partnerschaft „Rheinland-Pfalz – Ruanda“. Wir sprechen unter anderem über mögliche Kooperationen bei der Betreuung von jungen Erwachsenen, die wir vom Bistum Speyer eventuell schon ab kommenden Sommer für ein „freiwilliges soziales Jahr im Ausland“ in unsere Partnerdiözese Cyangugu entsenden wollen.

Nicht zuletzt leiht mir der Leiter des Partnerschaftsbüros, Uwe Mayer, sein Mountainbike, damit ich in den kommenden Tagen durch Ruanda in unsere Partnerdiözese radeln kann.

Nachdem wir viel Geld in einer kleinen Bank in ruandische Francs gewechselt haben, beziehen wir unser erstes Quartier bei den Pallottinern, das etwas westlich des Zentrums in Kigali liegt. Uns begeistert deren Gastfreundschaft. Wir sind die ersten Besucher im gerade fertig gestellten neuen Bildungszentrum. Abends zieht es uns früh ins Bett.

Von Christoph Fuhrbach

Samstag, 23.11.2013

Ich werde nach tiefem Schlaf von lang anhaltendem Gesang vieler Menschen geweckt. Kurz danach erfahre ich, dass dies der Gesang von Gefangenen ist, die sich mit den Liedern gegenseitig und miteinander „moralisch stärken“ wollen. Deren „Verbrechen“ sind oft gering beziehungsweise grundsätzlich sehr fragwürdig: darunter sind zum Beispiel viele Kinder, die die neuen Vorschriften der Regierung – unter anderem ein Verbot des Verkaufs von Waren auf der Straße, das bei meinem letzten Besuch in Ruanda 2007 noch das Straßenbild des Landes mit geprägt hat – nicht eingehalten haben. Vor dem Gottesdienst in der Hauskapelle ein Gespräch über die gesellschaftliche und politische Situation im Land, bei dem deutlich wird, wie groß der Druck von der Regierung auf die Menschen hier ist. Nur mit gut Vertrauten wagen die Leute deutlich zu sprechen. Der Präsident gibt die Richtung vor, alle anderen haben zu folgen.

Vormittags fahren wir in das „Kigali Memorial Centre“. Ausgangspunkt ist der Genozid 1994, bei dem im ganzen Land von den 7 Millionen Einwohnern rund eine Million Menschen getötet wurden. Wir sind sehr berührt von diesem Museum. Wir haben den Eindruck, dass hier sachlich dieses unfassbare Kapitel der Menschheit erzählt wird. Besonders die Hintergründe, die zu dieser Katastrophe geführt haben, berühren uns zutiefst: deutsche und belgische Kolonialherren haben mit der Lehre von der Einteilung der Menschen in drei Gruppen (Hutu, Tutsi, Twa) die Grundlage für den Rassenhass gelegt. Mich persönlich berühren besonders die Fotos und Geschichten von (Klein-)Kindern, die sehr früh dem Genozid zum Opfer fielen. Dabei denke ich an meine eigenen Kinder...

Auch andere Genozide werden kurz dargestellt: Armenien, Namibia, Juden im NS-Reich, Kambodscha, Balkan. Die unglaublich dunkle Seite des Menschen wird sehr deutlich.

Durchaus moralisch werden alle Besucher des Museums dazu aufgefordert zu überlegen, wie jeder Einzelne dazu beitragen kann, dass es nirgendwo auf dieser Erde noch einmal einen Genozid gibt. Dies gelingt vor allem durch die im Freien gestalteten Gartenanlagen, die dieses schwere Thema sehr grundsätzlich und philosophisch aufbereiten.

Am Nachmittag teste ich das mir geliehene Mountainbike. In den abgelegenen Stadtvierteln falle ich doch ziemlich auf und werde oft „Muzungu“ („Weißer“) gerufen. An stark befahrenen Straßen, an deren Ränder ich auch etliche – zum Teil in Flip-Flops – in bestem Laufstil joggende Menschen sehe, scheine ich hingegen kaum aufzufallen.

Als ich zurückkomme gibt es Abendessen. Es ist wie alle Mahlzeiten von hoher Qualität: Jannvier („Januar“) zaubert aus den heimischen Früchten und Gemüsen jeweils hervorragend mundende 3-Gänge-Menues: oft Kartoffel- und Gemüsesuppe, Kartoffeln, Reis und Nudeln, dazu Gemüse (Karotten, Bohnen, Erbsen, Linsen, Mangold) und zum Nachtisch Obst (Ananas, Bananen, Melonen, Papaya, Mangos). Abends sind wir noch in die Kommunität der Pallottiner eingeladen.

Von Christoph Fuhrbach

© Bistum Speyer