„Der christlich-islamische Dialog auf Mindanao lebt“

  • Philippinen - 14.01.2016

Es sind widersprüchliche Gefühle, die unsere Missio-Philippinen-Delegation am Donnerstag in Zamboanga auf Mindanao verspüren. Die Millionenstadt wirkt angespannt. Politische muslimische Demonstrationen sind für den heutigen Freitag angekündigt. Der Hintergrund ist ein politischer.

Zamboanga wurde nämlich im September 2013 durch die Rebellengruppe Moro National Liberation Front (MNLF) angegriffen, die Muslime gründeten. Teile Mindanaos mit hoher muslimischer Bevölkerungsdichte beanspruchen sie als ihr historisches Erbe. Sie wollen mehr Autonomie. Zamboanga soll eine Art Hauptstadt werden. Das Militär führte damals harte Gegenschläge. Während des Kampfes sind auch zahlreiche Kircheneinrichtungen zerstört worden. Danach verhandelte die Regierung mit den Rebellen. Ein entsprechendes Abkommen hat aber noch nicht alle nationalen politischen Instanzen passiert.

Unter dieser verfahrenen, ungeklärten politischen Situation leiden die Beziehungen der Christen und Muslime. Die Anspannung bemerken wir selbst beim Besuch von Erzbischof Romulo Tolentino de la Cruz, der die Erzdiözese Zamboanga leitet. Zwar sagt er: „Haben Sie keine Angst, Zamboanga zu besuchen.“ Er scherzt sogar: „Der Chef der philippinischen Nationalpolizei ist mein Nachbar.“ Aber einer seiner Mitarbeiter glaubt hinter vorgehaltener Hand, dass terroristische Gruppen, die dem sogenannten „Islamischen Staat“ nahestehen, in der Stadt sind. „Das alles ist sehr gefährlich.“

Ein Ort des Dialogs und der Begegnung

Andererseits: Selbst wenn die Lage prekär ist, setzt sich die christlich-muslimische Silsilah-Bewegung mit ruhiger Hand weiter für Frieden und ein gemeinsames Leben der Angehörigen unterschiedlicher Religionen auf Mindanao ein. Missio Aachen unterstützt sie dabei. Im „Harmony Village“ treffen wir den Gründer, Pater Sebastiano D'Ambra. Auf etwa 40 Hektar leben rund zehn Familien zusammen – Christen und Muslime. Wie ein tropisches Resort wirkt der Ort. Ironie der Geschichte: Vor seinem Bau hatten Rebellen dort in den achtziger Jahren ein Hauptquartier aufgeschlagen. Es gibt im „Harmony Village“ einen muslimischen Gebetsraum und eine christliche Kapelle. Es gibt ein Hospital, eine Schule, ein Medienzentrum oder eine große Bibliothek. Sie spezialisiert sich auf Literatur zum Mindanao-Konflikt und zum interreligiösen Dialog. Die Gärten werden ökologisch bewirtschaftet. Kräuter für Tees sind der Renner.

Frank Kraus, Prälat Klaus Krämer und Michael Meyer (von rechts) beten in einer kleinen Kapelle in einer Begegnungsstätte der christlich-muslimischen Silsilah-Stiftung.

Seibel/Missio

In der gesamten Stadt betreibt die Bewegung Kindergärten und Dialoghäuser. Sie begleitet traumatisierte Erwachsene und Kinder. Und sie beteiligt sich an Siedlungsprogrammen, in denen durch Krieg und Terror auf Mindanao heimatlos gewordene Christen und Muslime ein neues Zuhause finden.

Beten für den Frieden

Pater Sebastiano fährt uns zu einem Anwesen der Bewegung, das beim Rebellenangriff im September 2013 vollständig niederbrannte. Eingestürzte Mauern, an denen sich Unkraut hoch rankt, sind noch zu sehen. Ein größerer Teil ist wiederaufgebaut. Pater Sebastiano führt uns in die Kapelle. Dort fährt er mit den Fingern kurz über ein kleines, angekokeltes Gebetbuch und eine zerbrochene Marienfigur – versehrte Überbleibsel der Katastrophe, aber auch Sinnbild: Der christlich-islamische Dialog auf Mindanao lebt. Wir von der Missio-Delegation bleiben in der Kapelle stehen. Still beten wir für den Frieden auf Mindanao. Dann geht es weiter zur Bürgermeisterin von Zamboanga. Sie ist Christin und Mitglied der Silsilah-Bewegung. Engagiert kämpft sie für das Miteinander von Christen und Muslimen.

Die Muslima Jirmalyna J-Maad unterrichtet christliche und muslimische Kinder gleichermaßen.

Seibel/Missio

Am meisten beeindruckt mich an diesem Tag jedoch Jirmalyno J-Maad. Die junge Muslima ist Vorschullehrerin im „Harmony Village“. Dort unterrichtet sie Vierjährige – christliche und muslimische Kinder gleichermaßen. „Die Versöhnung kann nur bei den Kindern beginnen“, sagt sie. Selbstverständlich trägt sie ein Kopftuch – in Blau. Oft werde sie von muslimischen Freunden und Freundinnen angegangen: „Du arbeitest in einer Vorschule, die ein katholischer Priester leitet. Das darfst Du nicht.“ Sie antwortet dann: „Im Gegenteil, durch den christlich-muslimischen Dialog wird mein Glaube gestärkt und geschärft, ich verstehe ihn besser.“ Und für Frieden zu arbeiten, das gehöre doch zum Kern ihrer Religion, führt sie weiter aus. Respekt.

Zamboanga wirkt heute angespannt. Aber mit solchen Menschen wie Jirmalyno J-Maad braucht die Stadt keine Angst vor der Zukunft zu haben. 

Von Johannes Seibel, Missio Aachen

© weltkirche.katholisch.de

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Johannes Seibel ist seit 2013 Pressesprecher des Internationalen Katholischen Missionswerks Missio in Aachen. Der gelernte Journalist verantwortet zudem die Kampagnen von Missio im Themenfeld Religionsfreiheit und Menschenrechte weltweit.

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