Die Vision einer partizipativen Kirche

  • Manila - 26.03.2014

Heute hatte ich das Glück, einen Tag bei der German Group in Bukal verbringen zu können. Denn ich besuche derzeit meinen Sohn in Manila, der hier ein Jahr Internationalen Bundesfreiwilligendienst verbringt. Ich konnte ihn begeistern, heute einen Tag hierhin zu kommen.

Und ich denke, die in diesem Metropolenverkehr lebensgefährliche, zweistündige Taxi-Schaukelei quer durch Manila heute Morgen hat sich sehr gelohnt. Schon sehr lange wollte ich hier einmal hin, denn natürlich hat man bereits viel über diesen Ansatz hier gelesen, und natürlich ahnt man, dass Partizipation auch für unsere Kirche in Deutschland ein unumgängliche Dimension sein muss.

Heute haben wir die fünf Stadien hin zu einer partizipativen Weise, Kirche zu sein, kennengelernt. Ohne hier alles im Detail wiedergeben zu können, habe ich insgesamt Folgendes gelernt:

  • Es geht bei dem Vorschlag nicht um eine bestimmte Sozialform wie Kleine Christliche Gemeinschaften, Bibelkreise oder andere. Dies sind eigentlich nur Tools – und damit natürlich sehr wertvoll. Wichtiger aber ist das Ziel: Kirche als Aneignungsstruktur von Biografie zu etablieren, die meine Individualität, meinen Kontext und meine Geschichte ausartikulieren und gestalten kann. Das klingt jetzt (ungewollt :-) ) komplizierter, als es gemeint ist: Es geht darum, ob man Kirche als eine Form anbieten kann, die mich und meinen Kontext ausdrückt, realisiert und inspiriert. In welcher verfassten Form Kirche mir da entgegenkommt – ob als Verband, Verein, Gruppe, KCG, Event oder wie auch immer – ist sekundär.
  • Eine partizipative Weise, Kirche zu bilden, ist nicht primär eine Frage der Methodik, der Didaktik, des Programms – sondern der ekklesiologischen Einstellung. Als wen sehe (und behandele) ich einen Priester, einen Laien, einen Hauptamtlichen? Partizipativ kann nur heißen, dass man ‚nachher‘ gegenüber einem ‚vorher‘ verändert wurde. Wo nur Leute in etwas Vorhandenes integriert wurden – und sei es noch so raffiniert, suggestiv oder demokratisch – kann von Partizipation nicht die Rede sein.
  • Jeder Anfang hat eine Geschichte. Kirchenentwicklung fängt nie vom Ziel her an und wird auch nicht am grünen Tisch der Pastoralplanung oder der Pastoraltheologie gemacht. Kirchenentwicklung geht aus von dem, was da ist. Es gibt also nicht das endgültig positive erreichte Ziel von Kirchenentwicklung. Es gibt immer nur den jetzigen Zustand. Dieser aber braucht eine Drift nach vorne: nach immer mehr Überraschung, Partizipation, Problemlösung, Kontextbezug, Lebensglück.
  • Jedes gegenwärtige Stadium von Kirchenentwicklung hat seinen Wert. Ich war sehr erfreut heute, dass Estela und Marc keine negativen Blaupausen benötigten, um ihr Modell stark zu machen. Zwar haben sie bestimmte Ekklesiologien deutlich hinterfragt, aber immer mit Achtung und mit dem Hinweis, welches Potenzial jeweils verborgen ist.
  • Ich sehe starke Chancen darin, die Logiken der fünf Stadien und des Aufbaus von Gemeinschaft mal gesellschaftstheoretisch zu rekonstruieren. Denn natürlich ist das generelle Bedürfnis nach Partizipation ein Megatrend moderner Vergesellschaftung. In den fünf Stadien kann man durchaus eine (auch bundesrepublikanische) Werteentwicklung von Autoritätsdenken, Emanzipation, pragmatischer Stagnation und postmodernem Fragmentstreben wiedererkennen. Was könnte der Ansatz der KCG’s von solchen soziologischen Reflexionen lernen? Und wie kann man den ganzen Ansatz nicht von Kirche, sondern von Gesellschaft her entwickeln (für die er ja da sein will)? Das wäre reizvoll, da weiter nachzudenken.
  • Zuletzt: Ich würde mir wünschen, dass wir unter den deutschsprachigen Pastoraltheologen stärker reflektieren und sowohl den Prozessen nach- wie möglichen Optionen vordenken. Es wäre sehr lohnend, mal einen partizipativen Stil von pastoraltheologischer Produktion auszuprobieren.

In Vielem könnte man von den hiesigen Erfahrungen profitieren. Vielen Dank an die Gruppe, dass der Besuch heute möglich war! Let’s go forth!

Von Matthias Sellmann

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