Zu Gast bei den Maya im Quiché

  • Reisetagebuch - 11.05.2014

Tzanimacabaj, das Dorf mit dem schwer auszusprechenden Namen liegt ganz im Süden des Quiché, eine gute halbe Stunde mit dem Wagen von Chichicastenango entfernt. Knapp 300 Familien leben hier. Es gibt eine Schule, ein paar kleine Läden und am höchsten Punkt des Dorfes eine Kapelle. Dahin machen wir uns gemeinsam mit den Menschen aus dem Dorf auf den Weg, zu Fuß in einer Prozession, begleitet von lauten Böllerschüssen.

Mit Feuerwerk, Musik und Tänzen haben uns die Einwohner von Tzanimacabaj begrüßt. Der Regen, der uns noch eine Stunde zuvor die Sicht nahm, hat aufgehört. Für die Menschen hier war er ein Segen; denn das Wasser ist dringend notwendig für die ausgesetzte Saat. Die Cofradia, die Bruderschaft, begrüßt uns mit einem Tanz: Monotone Musik einer Flöte und eine Trommel begleiten die wilden Bewegungen der Männer in der typisch-roten Tracht des Quiché. Alle Frauen tragen die selbst gewebten Trachten: Jedes Dorf hat andere Farben und Webmuster, an denen man die Herkunft erkennen kann.

Bindeglied der Gemeinden

Zur Bruderschaft gehören (wie der Name schon sagt) nur Männer. Sie ist das Bindeglied zwischen der indigenen Gemeinschaft und der katholischen Gemeinde. In der Bruderschaft leben die Männer aus dem Volk der Maya eine Mischung aus traditionellen Bräuchen und katholischem Ritus. Schon in Chichicastenango hatten wir Bruderschaften getroffen: Die eine gehört zur Kirche Santo Tomás und begleitete den Bischof beim Einzug in den Gottesdienst. Einer Eucharistischen Ehrengarde gleich, standen zwei Männer in schwarz-roten Trachten vor dem Altar, in der Hand ein silberner Zeremonialstab, der einst den Mayafürsten vorangetragen wurde.

Die Kirche auf dem Kalvarienberg von Chichicastenango wird von einer Cofradia betreut. Escher/Adveniat

Zum anderen sorgt sich eine zweite Bruderschaft um die Kirche auf dem Kalvarienberg in Chichicastenango. Hier brennen täglich Hunderte Menschen Kerzen ab, auf einer bodentiefen Platte, die aus den Mayazeremonien stammt. In der Mitte, am zentralen Punkt, wo sonst der Altar steht, liegt in einem Glassarg ein Abbild Jesu mit den Wundmalen und der Dornenkrone. Überall in Lateinamerika trifft man auf die Verehrung des Leidens Christi, und in der Semana Santa, der Karwoche, tragen die Bruderschaften in vielen Orten vor allem Mexikos, Zentralamerikas und des Andenraums, riesige Altäre mit Darstellungen der Passion durch die Straßen der Städte.

Zwei Welten treffen aufeinander

Im Quiché mischt sich die Tradition der Maya mit dem katholischen Glauben. Sonntags gehe man in die Kirche, in der Woche komme man zum Maya-Priester oder zum Schamanen, erzählt uns ein Mann, der in Chichicastenango ein kleines Museum betreibt, in dem Masken, Trommeln, Statuen und sogar die Darstellung eines „Maximón“ zu sehen ist: Eine Figur, gekleidet in einen schwarzen Anzug mit Hut, der man Schnaps, Tabak und Geld opfert.

Es gibt Synkretismus, und es gibt daneben das Bestreben, dass die indigenen Religionen und Traditionen den katholischen Glauben bereichern können. Denn es sind zwei Welten, die aufeinandertreffen. „Die Maya werden sich ihrer Tradition und Religion seit einigen Jahren bereits wieder stärker bewusst“, sagt Ernestina López Bac von der nationalen Indigenen-Pastoral Guatemalas. „Die Wurzeln waren aber nur verdeckt, nie abgestorben.“ In den Gemeinden den Quiché werden daher seit längerem Symbole und Bräuche aus der Maya-Kultur aufgegriffen.

Als wir mit unserer Prozession die Kapelle von Tzanimacabaj erreichen, beginnt erneut ein Tanz der Cofradia mit Feuerwerk. Anschließend, nach der Begrüßung im Gotteshaus, führt die Jugend der Gemeinde einen Maya-Tanz auf. Wir bekommen Atól de Maís, einen Maissaft zu trinken, der in vielen Mayazeremonien verwendet wird.

Zu Gast bei Lucia Mejia Equilar

Die Nacht verbringen wir in Gastfamilien. Ich bin im Haus von Lucia Mejia Equilar untergebracht. Sie hat drei Kinder, die sie allein großzieht, seitdem ihr Mann sie verlassen hat, um „in der Stadt mit einer anderen Frau zu leben“, wie Doña Lucia berichtet. 25 Minuten Fußweg sind es hinab in ein Seitental zu den einfachen Häusern, die die Familie bewohnt: Lucia ist mit ihren Kindern bei ihrem Bruder untergekommen. Im Haus wohnt auch noch die Großmutter, die nicht mehr richtig hört, aber das sei auch egal, da sie mich ohnehin nicht verstehen könne, sagt Lucia. Die avuela spricht nur K’iché.

Zu Gast in der Familie von Lucia Mejia Equilar (2. v. rechts) Escher/Adveniat

Doña Lucia hat den gestampften Erdboden des Schlafraums mit Piniennadeln bedeckt. Im Nebenzimmer steht der Hausaltar, der dem Erzengel Michael gewidmet ist. Das Vaterunser vor dem Altar mündet in 15-minütige Bitten. Groß ist die Not, seitdem der Mann fort und Doña Lucia sich „Lucia Viuda“ (Witwe Lucia) nennt.

Am Morgen gibt es in der Küche, rund um den großen Herd, Tortillas, Bohnen und etwas Rührei. Warum ihre Tochter denn nicht mehr zur Schule gehe, frage ich. Sandra Silvia, inzwischen 16 Jahre alt, antwortet selbst und sagt, sie habe die Primarschule verlassen müssen, um der Mutter beim Weben zu helfen. Der Vater sei verschwunden, als ihre beiden Brüder noch sehr klein gewesen seien. „Ich ging gerne zur Schule, und ich träume davon, irgendwann einmal weiter lernen zu können.“ Das Weben ist die Haupteinnahmequelle der Familie. Doña Lucia sorgt sich, ob es ihr gelingen wird, ihre beiden Söhne Leandro Eudes und Elmer Ricardo weiter zu Schule schicken zu können. Ihr Traum wäre es, wenn Leandro, der zu den Begabtesten in seiner Klasse gehört, auf die fortführende Schule gehen könnte. Doch die ist in Chichicastenango, kostet Geld – und zusätzlich müsste der Junge irgendwo wohnen und dafür Kostgeld bezahlen.

„Ich ging gerne zur Schule, und ich träume davon, irgendwann einmal weiter lernen zu können.“

— Sandra Silvia

Traum von einem besseren Leben

Die Pfarrei in Chichicastenango hat durch Spenden aus Houston/USA und aus der Pfarrei Maria Himmelfahrt in Mülheim an der Ruhr die Möglichkeit, etwa 50 Kindern aus der Pfarrei ein Stipendium für die fortführende Schule zu geben. Doch angesichts der vielen Kinder allein in Tzanimacabaj scheint dies eher der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein zu sein.

Doña Lucia wird weiter weben, um ihre Kinder groß zu bekommen. Manchmal träumt sie davon, einen neuen Mann zu finden, vielleicht ein Kaufmann aus der Stadt, dann wäre sie alle Sorgen los. Schließlich ist sie noch keine 40 Jahre alt. Und sie weiß, welche Farben und Muster man braucht, um eine gute Tracht herzustellen, welche Farben und Muster die Touristen wünschen, die in Chichicastenango sonntags den Markt besuchen.

Die Farben der Maya

Das Farbspektrum der Maya orientiert sich an den Farben, die das „Kreuz der Maya“ bietet: Gelb, weiß, schwarz, rot, grün und blau. Jede Farbe hat ihre Bedeutung, denn bei diesem Kreuz geht es, so erklärt es Ernestina López Bac von der nationalen Indigenen-Pastoral, um die Begegnung von Gott und den Menschen. Gott komme mit der Sonne von Osten und gehe nach Westen, der Mensch wandere von Norden nach Süden. Dort, wo im Kreuz blaue und grüne Kerzen stehen, verbinden sich Himmel und Erde, kreuzen sich die Wege Gottes und der Menschen. Die gleichen Farben haben die Kerzen am Hausaltar von Doña Lucia und brennen vor der Statue des Erzengels Michael. Hier kreuzt sich der beschwerliche Weg Doña Lucias und ihrer Familie mit dem ihres Schöpfers.

Der Abschied naht, wir laufen den Weg aus dem Tal wieder hinauf zur Kirche, hinauf sind es fast 30 Minuten. Vor der Schule verabschieden sich die beiden Jungen. Dann, nach einem gemeinsamen Gebet in der Kapelle, steht Doña Lucia Mejia Equilar mit ihrer Tochter Sandra auf der Straße und winkt. „Kommt bald wieder“, sagt sie zum Abschied. Doch das geht beinahe in den Böllerschüssen unter, die die Cofradia anzündet, als wir abfahren.

Von Christian Frevel

© Adveniat

Adveniat-Blog

Gemeinsam mit Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck und Weihbischof Otto Georgens (Speyer) ist derzeit eine Gruppe von Mitgliedern und Beratern der Bischöflichen Lateinamerika-Kommission in El Salvador und Guatemala unterwegs. Alle Blog-Beiträge zur Reise finden Sie im Überblick auf:

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