Gemeinsam gegen die Gewalt angehen

  • Reisetagebuch - 07.05.2014

San José las Flores ist ein kleiner Flecken nördlich der Hauptstadt San Salvador gelegen, kommunal gehört es zur Stadt Tomacatepeque. Zur Pfarrei gehören etwa 20.000 Menschen, berichtet Pfarrer Salomon Pérez. Berühmt-berüchtigt wurde San José las Flores durch den Umstand, das hier ein blutiger Bandenkrieg tobte. Zwei Banden der sogenannten „Maras“, die „Mara Salvatrucha“ und die „Mara 18“, kämpften um die Gebietshoheit. Und die „Mara Salvatrucha“ hatte sogar ihre Nationalleitung hierher verlegt. Dazu kamen gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei und dem ebenfalls hier stationierten Militär. „Wir zählten pro Monat zwölf Tote, zwölf Opfer der Gewalt“, berichtet Pfarrer Salomon Pérez.

Den Einwohnern war das zu viel. Vor allem der „Districto Italia“, einst mit Hilfe und finanzieller Unterstützung der italienischen Regierung für wohnungslose Opfer des Erdbebens von 1986 errichtet, hatte sich zu einem Brennpunkt der Gewalt entwickelt. „Hier wohnen inzwischen 20.000 Menschen, die meisten arm, und viele von ihnen in prekärer Situation“, sagt Salomon Pérez. „Für die Jugendlichen dort gab es nur zwei Möglichkeiten: Migration in die USA oder mitmachen in einer der Banden.“

Runder Tisch gegen Bandenkriminalität

Die Pfarrei lud angesichts dieser Situation verschiedene Gruppen der kleinen Stadt zu einem „Runden Tisch“ ein: Vertreter der Gemeindeverwaltung, der Polizei, der Caritas, der Pfarrei und der „Tutela Legal“, des Menschenrechtsbüros der Erzdiözese San Salvador. „Wir wollten erreichen, dass man als Jugendlicher hier leben kann, ohne einer Bande beitreten zu müssen“, sagt Rudy Menjivar, der sich mit anderen Jugendlichen für eine Erneuerung von San José las Flores einsetzt. „Es kann doch nicht sein, dass die Banden bereits in den Schulen die Kinder anwerben.“

„Für die Jugendlichen dort gab es nur zwei Möglichkeiten: Migration in die USA oder mitmachen in einer der Banden.“

— Pfarrer Salomon Pérez
Die Polizei in San José las Flores ging mit harter Hand gegen die Banden vor. Escher/Adveniat

Alte und junge Menschen treffen sich seitdem am „Runden Tisch“, um Alternativen zu besprechen. Schnell wurde klar: Ohne die Täter geht es nicht. Der Pfarrer traf sich mit Abordnungen der beiden „Maras“ und verhandelte über einen Waffenstillstand. Mit der Polizei wurde die Politik der „harten Hand“ besprochen und Alternativen dazu entworfen. „Vorher war es so, dass die Polizei regelrecht Jagd auf Jugendliche machte“, berichtet Rudy Menjivar. Einzig das Militär nahm die Einladungen zu den Treffen am „Runden Tisch“ nicht an. Noch immer nähmen die Jugendlichen Reißaus, wenn sie Militärs begegneten, sagt Rudy. Denn wer geschnappt würde, laufe Gefahr, misshandelt zu werden.

Gleichzeitig begann die katholische Pfarrei mit einer Verbesserung der Infrastruktur in „Districto Italia“. „Wir besuchten die Kranken und Alten und versorgten sie, bauten neue Türen in alte Häuser und besserten zerstörte Dächer aus“, berichtet Pfarrer Salomon Pérez. Zudem wurden die Freizeitmöglichkeiten verbessert, ein Fußballplatz wieder hergerichtet. „Dann haben wir ein Fußballturnier ausgerichtet, an dem auch Mitglieder der Maras teilnahmen“, berichtet der Pfarrer.

Prävention statt harter Hand

Es sei wichtig, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu bekämpfen, sondern präventive Maßnahmen zu ergreifen, meint Rosario Viera. Die Mitarbeiterin in der Sozialpastoral der Pfarrei setzt sich daher für bessere Bildungsmöglichkeiten für die Jugendlichen ein: „Die Schulen müssen funktionieren, es muss berufliche Ausbildungsangebote für die Jugend geben.“ Und nicht zuletzt müsse die Pfarrei dafür sorgen, dass die Werte der Familie stärker gelebt werden. In vielen Familien gebe es keinen Vater, und die Jugendlichen müssten früh mithelfen, die Familie zu ernähren, berichtet Rosario Viera. Da bleibe kein Freiraum für Weiterbildung.

Unterstützt wird das Projekt des „Runden Tisches“ von Caritas Norwegen und – über die „Tutela Legal“ – von Adveniat. Bernd Klaschka, Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks, zeigte sich beeindruckt von der Arbeit am „Runden Tisch“ in San José las Flores: „Sie haben sich hier über die Altersgrenzen und Interessen hinweg organisiert und gemeinsam Perspektiven aufgezeigt.“ Das zeigt sich übrigens auch in der Mordrate, die von 12 Toten pro Monat auf ein Mordopfer pro Monat sank. „Das ist immer noch zu viel, aber es zeigt, was man erreichen kann“, sagt Pfarrer Salomon Pérez.

Von Christian Frevel

© Adveniat

Adveniat-Blog

Gemeinsam mit Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck und Weihbischof Otto Georgens (Speyer) ist derzeit eine Gruppe von Mitgliedern und Beratern der Bischöflichen Lateinamerika-Kommission in El Salvador und Guatemala unterwegs. Alle Blog-Beiträge zur Reise finden Sie im Überblick auf:

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