Die Erinnerung bewahren helfen

  • Reisetagebuch - 07.05.2014

Der Schrecken wird in säurefreien Kartons gelagert. In langen Gängen, sauber aufeinandergestapelt. 80 Millionen Dokumente liegen hier, im historischen Nationalen Polizeiarchiv (AHPN) Guatemalas. Beginnend mit den ersten Polizeiakten von 1882 bis zum Friedensschluss 1996, der den 36 Jahre andauernden Bürgerkrieg beendete. Alberto Fuentes, leitender Mitarbeiter des Archivs, berichtet, dass ein Hauptteil der Akten aus der Zeit des Bürgerkriegs stamme, der 1992 endete: „25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung wurden in dieser Zeit durch die Polizei kontrolliert. Was wir hier vorliegen haben, ist ein oftmals minutiöses Abbild des Mordens.“

110 Mitarbeiter sortieren die Akten, ordnen sie zu und digitalisieren sie. 40.000 Dokumente in der Woche, 16 Millionen Dokumente wurden bereits elektronisch erfasst und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, es bleiben 64 Millionen zu bearbeiten. Dazu gehört beispielsweise eine Fotoliste der Gewerkschaftsmitglieder in einer Firma, die deren Direktion der Polizei zur Verfügung stellte. Verhaftungen und Befragungen zumeist unter Folter waren die Folge, kaum einer überlebte. Es finden sich Verhör- und Überwachungsprotokolle, Gefängniseinweisungen und immer wieder Fotos. Als Grund für die vielen willkürlichen Verhaftungen vor allem junger Menschen ist vielfach „Kommunist“ angegeben. 200.000 Menschen wurden im Bürgerkrieg getötet, 45.000 Frauen und Männer blieben „verschwunden“.

Suche nach „Verschwundenen“

„Wir haben die Aufgabe, die Akten zur Verfügung zu stellen. Wir sind weder die Ankläger noch die Verteidiger, wir sind keine NGO und erst recht nicht Teil der Regierung. Wir sind Archivare“, betont Alberto Fuentes. Seit der „Entdeckung“ des Archivs im Jahr 2005 suchten viele Familien in den Dokumenten Hinweise auf „verschwundene“ Angehörige. Oftmals mit Erfolg. Durch die Berichte aus dem Polizeiarchiv können Familien ihre toten Angehörigen finden, exhumieren und im Familiengrab beisetzen lassen. „Wir tragen zur Memoria, zur Erinnerung bei“, sagt Alberto Fuentes.

Die Masse der Akten und Dokumente erinnert an das deutsche Stasi-Archiv, doch die Brutalität, die sich hinter den bürokratischen Schreiben verbirgt, ist tiefgehender. Wer in die Fänge der Polizei geriet, konnte nicht sicher sein, zu überleben. Folter, Misshandlungen oder Vergewaltigungen führten dazu, dass Tausende Menschen bis heute traumatisiert sind.

„Wir tragen zur Memoria, zur Erinnerung bei.“

— Alberto Fuentes

Die Akten der Militärs sind nach Aussage von Alberto Fuentes zwar vorhanden, aber nicht zugänglich. Das Militär gewähre niemandem Zugang. Denn es ist klar, dass gerade das Militär für die massenhaften Morde an der indigenen Bevölkerung vor allem in der Region Quiché verantwortlich sind. Gerichte haben diese Verbrechen bereits als Völkermord eingestuft.

Dass die Akten des Polizeiarchivs überhaupt noch vorhanden seien, erklärt der Archiv-Mitarbeiter mit der nahezu selbstverständlichen Sicherheit der führenden Kräfte, dass man ihnen keinen Prozess machen werde. „Bisher herrschte stets das Prinzip der Straffreiheit. Doch das wurde in der jüngsten Zeit durchbrochen.“

„Nicht vergessen!“

Darauf verweist auch Nery Rodenas. Der Leiter des Menschenrechtsbüros der Erzdiözese Guatemala (ODHAG), direkt neben der Kathedrale der Hauptstadt gelegen, zitiert das Motto des Büros: „Nicht vergessen!“ Doch noch immer versuchten die Regierung und das Militär, die Aufarbeitung der Bürgerkriegszeit zu verhindern.

Nery Rodenas (Mitte) ist Leiter des Menschenrechtsbüros der Erzdiözese Guatemala. Escher/Adveniat

Weihbischof Juan Gerardi, der aufgrund des Bürgerkriegs und der Morddrohungen gegen ihn für zwei Jahre Guatemala verlassen musste, hatte im April 1998 ein vierbändiges Werk der Öffentlichkeit vorgestellt, das unter dem Titel „Nunca más!“ viele Gräueltaten des Bürgerkriegs dokumentiert. Es offenbart im Detail grausame Taten, die zu fast 90 Prozent auf das Konto staatlicher Akteure wie Armee und Polizei gingen. Kirchliche Mitarbeiter in den Gemeinden, viele von ihnen Katecheten, dokumentierten über 6.000 Zeugenaussagen über Folter, Verschleppung und Mord – insgesamt mehr als 55.000 Fälle von Menschenrechtsverletzungen.

Leidtragende des Bürgerkriegs waren vor allem indigene Bauern und ihre Familien im Hochland. Die Opfer sichtbar zu machen, ihre Geschichten zu dokumentieren und Augenzeugen zu befragen, das hatte Bischof Juan José Gerardi Conedera sich zum Ziel gesetzt. Gerardi war der verantwortliche Leiter des Projektes zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung (Recuperatión de la Memoria Histórica), das den Menschenrechtsbericht nach dreijähriger Untersuchung vorgelegt hatte. Nur zwei Tage nach der Veröffentlichung wurde der Weihbischof ermordet.

Menschenrechtler unter Beobachtung

Das Menschenrechtsbüro ODHAG sieht sich heute in der Nachfolge Weihbischof Gerardis. Friedenskultur zu lehren, Menschenrechte zu fördern, juristischen Beistand zu geben und die Lage in den Gefängnissen zu untersuchen seien die Hauptaufgaben, berichtet Carlos Alarcón, Mitarbeiter des ODHAG. Und der Schutz derjenigen, die sich für die Menschenrechte engagieren, gehört ebenfalls dazu.

„Wir machen uns Sorgen, weil wir hören, dass in Guatemala Menschenrechtsorganisationen kriminalisiert werden“, sagte Thomas Wieland, Abteilungsleiter Projekte bei Adveniat während des Besuchs bei ODHAG. Seit vielen Jahren fördert das Lateinamerika-Hilfswerk die Arbeit von ODHAG. Ja, bestätigt Nery Rodenas, wer sich für die Menschenrechte einsetze, begebe sich in Guatemala in Gefahr. Und der Leiter des Menschenrechtsbüros der Erzdiözese berichtet von Gruppen, die in Santa Rosa de Lima einen friedlichen Protestmarsch gegen die Umweltzerstörungen durch den Bergbau durchgeführt hatten. 27 Gemeindeleiter seien daraufhin verhaftet, 17 von ihnen erst nach neun Monaten Untersuchungshaft wieder freigelassen worden – man hatte ihnen kein gesetzwidriges Handeln nachweisen können. „Wichtiger aber war der Regierung das Zeichen, das von diesen Verhaftungen ausging: Wer sich für seine Rechte einsetzt und den großen Interessen in die Quere kommt, läuft Gefahr, verhaftet zu werden“, sagt Nery Rodenas. „Früher hat man uns als Kommunisten beschimpft. Heute nennt man uns Terroristen oder Personen, die den Staat destabilisieren wollen.“

Von Christian Frevel

© Adveniat

Adveniat-Blog

Gemeinsam mit Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck und Weihbischof Otto Georgens (Speyer) ist derzeit eine Gruppe von Mitgliedern und Beratern der Bischöflichen Lateinamerika-Kommission in El Salvador und Guatemala unterwegs. Alle Blog-Beiträge zur Reise finden Sie im Überblick auf:

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