Am Grab Oscar Romeros

  • Reisetagebuch - 06.05.2014

Für die Menschen in El Salvador, das ist schon nach wenigen Stunden im Land klar, ist Oscar Arnulfo Romero y Galdamez längst ein Heiliger. Überall prangen Wandbilder mit dem Konterfei des 1980 ermordeten Erzbischofs von San Salvador, stehen Büsten oder Statuen, erinnern Parolen an Teile seiner Predigten. Die offizielle Kirche tut sich schwerer. Seit den 1990er Jahren ist der Seligsprechungsprozess in Rom anhängig, mehrere Postulatoren haben bisher vergeblich versucht, den Prozess von San Salvador aus voranzubringen.

Doch seitdem ein Lateinamerikaner Papst ist, gehen die Uhren anders, und in der Causa Romero offensichtlich auch schneller: Die Ampeln für den Seligsprechungsprozess ständen auf Grün, sagte Erzbischof Gerhard Müller, Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation und inzwischen Kardinal, im vergangenen Jahr während des Weltjugendtages in Rio de Janeiro zu Adveniat-Vertretern. Und Erzbischof José Luis Escobar Alas von San Salvador ist in dieser Woche in Rom, um mit Papst Franziskus über die Causa Romero zu sprechen.

Gottesdienst mit Bischof Overbeck am Grab von Oscar Romero. Escher/Adveniat

Gebet am Grab des Märtyrer-Bischofs

Gemeinsam mit Weihbischof Rosa Chavez (als damaliger Rektor des Priesterseminars einer der engsten Vertrauten Romeros) feiern wir den Gottesdienst in der Krypta der Kathedrale von San Salvador. „Wir beten heute gemeinsam für die Heiligsprechung Romeros, weil wir überzeugt sind, dass er bereits unser Fürsprecher im Himmel ist“, sagt Adveniat-Bischof Franz Josef Overbeck in seiner Predigt. Unsere Reise durch zwei Länder Zentralamerikas beginnt mit dem Gebet am Grab des Märtyrer-Bischofs, der die Unterdrückung der Armen offen kritisierte.

„Wir beten heute gemeinsam für die Heiligsprechung Romeros, weil wir überzeugt sind, dass er bereits unser Fürsprecher im Himmel ist.“

— Franz-Josef Overbeck, Adveniat-Bischof

„Als prophetische Kirche können wir in einer derart ungerechten Welt nicht schweigen“, hieß es in der Predigt Romeros am 8. Juli 1979. „Die Kirche muss ihr Wort mitreden, auch wenn es bei jenen Anstoß erregt, die die Stimme ihres Königs mehr respektiert haben wollen als die Botschaft Gottes.“ Der Erzbischof klagte die unheilige Allianz der Großgrundbesitzer und korrupten Militärs an und forderte ein Ende der blutigen Unterdrückung der Landbevölkerung. Bischof Overbeck erinnerte im Gottesdienst an eine weitere Aussage Romeros: „Wer die Kirche liebt, der liebt die Armen“ und verwies auf den Papst: „Franziskus nennt dies ‚Liebe zum Volk‘“.

Nach der Messe machen wir uns auf den Weg zur Kapelle des Krankenhauses der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung, in der Oscar Romero am 24. März 1980 ermordet wurde. Die Erinnerung daran ist bei vielen Menschen noch sehr lebendig, und den Jüngeren wird der Tathergang in einem kleinen Museum geschildert, das die Erzdiözese im bescheiden-kleinen Wohnhaus Romeros direkt gegenüber der Kapelle eingerichtet hat. „Wenn sie mich töten, werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen“, hatte Romero gesagt, als ihm klar wurde, dass man ihn ermorden wollte. „Ein Bischof wird sterben, aber die Kirche, die das Volk ist, wird niemals untergehen.“

Die Adveniat-Reisegruppe vor einem Porträt von Oscar Romero. Escher/Adveniat

Ein Leben für sein Volk

In den drei Räumen des kleinen Wohnhauses ist das blutige Priestergewand ausgestellt, das Romero trug, als er während der Messfeier, bei der Gabenbereitung am Altar stehend, mit einem gezielten Schuss ins Herz ermordet wurde. „Ich bin mir sicher, dass er seinen Mörder gesehen hat“, sagt Weihbischof Rosa Chavez. „Und ihm muss klar gewesen sein, dass er jetzt sterben wird.“

Nein, für die Menschen in El Salvador ist es keine Frage, dass Romero ein Heiliger ist. Ein Bischof, der sein Leben für sein Volk gab, wie es in einem populären Lied heißt, das wir am Morgen im Gottesdienst sangen. Romero selbst hatte am 2. Februar 1980, bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Leuven in Belgien, gesagt: „Der größte Beweis des Glaubens an einen Gott des Lebens ist das Zeugnis dessen, der bereit ist, sein Leben einzusetzen. … Viele Salvadorianer sind bereit, ihr Leben zu opfern, damit die Armen leben können.“

Begegnung mit Jon Sobrino SJ

Am Abend besuchen wir die UCA, die von Jesuiten geleitete katholische Universität. Jon Sobrino SJ führt uns durch den „Erinnerungssaal“, der an die Märtyrer von El Salvador mahnt. Zu ihnen gehören auch jene sechs Jesuiten und zwei Frauen, die 1989 auf dem Gelände der Universität ermordet wurden – im Stile einer Hinrichtung. Zu diesem Zeitpunkt herrschte in El Salvador längst ein blutiger Bürgerkrieg, der erst 1992 endete. Er forderte nahezu 75.000 Opfer.

Die Folgen des Bürgerkriegs prägen bis heute das Land. Die Präsidentschaftswahlen im April 2014 entschied der ehemalige Guerilla-Kommandant Salvador Sanchez Ceren mit 50,11 Prozent der Stimmen für sich – sein Gegner aus dem konservativen Lager erhielt 49,89 Prozent der Stimmen. Der neue Präsident hatte bereits während des Wahlkampfs um Entschuldigung gebeten für den Anteil der Guerilla am Bürgerkrieg.

Während wir uns auf den Weg vom Stadtzentrum ins Landesinnere machen, protestieren auf der Straße Hunderte Kriegsveteranen und Versehrte für bessere Renten. Für sie ist der Konflikt noch lange nicht beendet.

Von Christian Frevel

© Adveniat

Adveniat-Blog

Gemeinsam mit Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck und Weihbischof Otto Georgens (Speyer) ist derzeit eine Gruppe von Mitgliedern und Beratern der Bischöflichen Lateinamerika-Kommission in El Salvador und Guatemala unterwegs. Alle Blog-Beiträge zur Reise finden Sie im Überblick auf:

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