Vom Überleben einer Reifenfabrik

  • Guadalajara - 22.08.2014

Am Freitagmorgen finden wir uns wieder vor einem großen Werkstor im Industriegebiet von Guadalajara. Das Ziel ist, zu sehen, wie die Firma „Cóocsa“ in Mexiko Reifen für PKW, LKW und andere produziert – und zugleich die Geschichte einer spannenden Betriebsübernahme zu erfahren.

Vormals gehört dieses größte Reifenwerk Mexikos nämlich dem Hannoveraner Unternehmen „Continental“. Als es ohne triftige ökonomische Gründe geschlossen werden sollte, mobilisierte die Gewerkschaft „Tradoc“ die Belegschaft und blockierte die Fabrik. Mit dem Faustpfand des wertvollen Maschinenpools gingen sie in wohl einen der längsten Arbeitskämpfe Mexikos. Die Arbeiter waren fest entschlossen, einen Tag länger als Continental zu kämpfen – letztlich waren es 1.141 Tage.

Damals und heute: Gewerkschaftsführer Jesús Torres Nuno mit Betriebsseelsorger Wolfgang Hermann. Angelika Kamlage

Welche Motivation dazu gehört, eine solche Zeitspanne durchzustehen, kann man bei einem Rundgang durch die Fabrik noch spüren. Wir sehen Menschen, die unter schwierigen Bedingungen hart arbeiten und zugleich stolz auf die Fabrik, ihre Produkte und ihren Verdienst sind. Heute produzieren die 1.100 Mitarbeiter von „Cóocsa“ täglich 18.000 Reifen, die vor allem in den Export gehen. Ein Fließbandarbeiter verdient weit über durchschnittliche 2.000 Dollar im Monat – Ingenieure und das gewählte Leitungspersonal knapp das Doppelte. Auch die Krankenversicherung und die sehr gute Rente sind weit von Mexikos (Niedrig-)Standards entfernt.

Gelungener Neustart

Allerdings sah es im Jahr 2005, als ein mexikanisches Gericht den streikenden Arbeitern das Recht zusprach, kaum danach aus. Zwar konnten sie mit den Lohnnachzahlungen der letzten Jahre – gemeinsam mit einem großen Reifenhändler – das Werk aufkaufen. Aber die Bänder liefen drei Jahre nicht. Vieles war kaputt und die Rohstoffe unbrauchbar. Dennoch fingen sie an zu arbeiten, obwohl es unklar war, wann und ob sie überhaupt einen Lohn erhalten würden.

Letztlich gelang jedoch der Neustart – auch weil die Belegschaft durch den vorangegangenen Arbeitskampf gelernt hatte, was Solidarität bedeutet. Dennoch war die Umstellung nicht leicht. Aus abhängig Beschäftigten werden eben nicht über Nacht verantwortungsfähige Miteigentümer. Für ihren Kampf, der auch uns ein eindrückliches Beispiel an Hoffnung und Solidarität gab, erhielten sie im Jahr 2007 den Public-Eye-Award für alternatives Wirtschaften in Davos.

Von Wolf-Gero Reichert, Misso-Referent in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

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