Leben und Prostitution

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  • Mexiko-City - 26.08.2014

Unser Weg führt uns weiter zum nächsten „Markt“. Über die Hauptstraße und schon befinden wir uns direkt am Straßenstrich von Mexiko-City. In kleinen Abständen stehen die Mädchen und Frauen und warten auf die Freier. Es ist elf Uhr. Unser Ziel ist das „Centro Madre Antonia“ – eine Einrichtung der Oblatenschwestern der Heiligen Erlösung. Hier finden die Prostituierten Unterstützung und vor allem einen Ort, der sich um ihre Kinder kümmert.

Insgesamt arbeiten acht Personen im Innenteam und nochmals drei Schwestern plus vier Ehrenamtliche im Außenteam. Darin nehmen die Schwestern und die Ehrenamtlichen Kontakt zu den Prostituierten auf, informieren über die Einrichtung und die Angebote oder halten einfach ein „Schwätzchen“ darüber, wie es so geht. Alle Möglichkeiten der Kontaktaufnahme werden genutzt. Die Schwestern verteilen auch Visitenkarten und hoffen, dass die eine oder andere den Weg ins Centrum findet.

Das Centrum wurde bereits 1864 von Schwester Antonia de la Misericordia (1822–1898) und dem spanischen Bischof José Maria Benito gegründet und ist heute als eingetragener Verein organisiert. Seit 150 Jahren helfen die Schwestern den Prostituierten. Im ganzen Viertel sind Hunderttausende davon betroffen.

Ein Markt, der weit über die Grenzen Mexiko-Citys hinausgeht

Schwester Carmen betont, dass ihre Einrichtung keine Rettungsstation ist. Vielmehr wollen sie die Frauen auf ihrem Weg in und aus der Prostitution begleiten – ohne Vorurteile und ohne Verachtung. Die Frauen finden hier Unterstützung – egal, wie ihr Weg aussehen mag.

Schwester Carmen von den Oblatenschwestern der Heiligen Erlösung führte durch das Centro. Markus Waggershauser

Dort wird dann das Innenteam aktiv. Ziel der Schwestern ist es, das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken, einen besseren Umgang miteinander zu fördern und die Frauen beim „Mutter-Sein“ zu unterstützen. Die Schwestern und Mitarbeiter der Centrums – im Übrigen alle in ziviler Kleidung, um keine Distanz aufzubauen – bieten zum einen rechtliche Beratung zu den Arbeitsverhältnissen/ Arbeitsverträgen, zum anderen psychologische in allen Lebenslagen. Immer wieder wird betont, dass die Frauen ihren eigenen Weg gehen und die Schwestern sie hierbei lediglich unterstützen, begleiten und je nach Entscheidung Hilfestellungen geben.

Hierfür gibt es im Centrum ein vielfältiges Angebot:

  • Die Schule (Grund-, Haupt-, Real- oder auch Oberstufe) kann nachgeholt werden.
  • Im eigenen Friseursalon können die Frauen nach Wunsch eine Ausbildung machen.
  • Es werden Computerkurse angeboten.
  • Workshops zu folgenden Themen werden veranstaltet: Schönheitspflege, Schreibwerkstadt „Die Geschichte deines Lebens“, Gesundheitsfürsorge, „Wie kann ich in eine legale Beschäftigung kommen?“, Selbstverteidigung – „Wie kann ich mich gegen Übergriffe wehren?“ usw.

Die Angebote der Erwachsenenbildung werden von staatlicher Seite angeboten und von den Schwestern vermittelt. Die Kurse finden dann im Centrum statt – auch hier um die Hemmschwelle möglichst niedrig zu halten.

Ca. 500 Frauen werden von den Schwestern auf der Straße betreut und ca. 170 dieser Frauen nehmen aktiv an den Angeboten des Centrums teil. Das Centrum hat einen zweigruppigen Kindergarten mit 30 Kindern zwischen 1/2 Jahr und 6 Jahren. Ab dem Schulalter gehen die Kinder in die staatlichen Schulen. Derzeit kümmern sich die Schwestern um 18 Kinder.

Ehrenamtliche und die Mütter selbst helfen bei der Betreuung

Für die Betreuung haben sie unter ihren Mitarbeiterinnen eine Erzieherin. Zudem helfen Ehrenamtliche oder zum Teil auch die Mütter im Kindergarten mit. Die Öffnungszeiten sind von 9.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Es kommt jedoch nicht selten vor, dass die Schwestern bis 19.30 Uhr oder länger warten bis die letzte Mutter ihr Kind abgeholt hat.

Finanziell wird die Einrichtung hauptsächlich durch drei mexikanische Stiftungen unterstützt. Ebenso erhalten die Schwestern Spenden aus dem Ausland, z. B. von Adveniat und der spanischen Caritas. Diese Fördermittel sind jedoch meist befristet. Daher werden dringend Spenden benötigt. Derzeit leidet die Einrichtung unter finanziellen Schwierigkeiten, da sie aufgrund einer Änderung der Steuergesetzgebung, momentan keine Genehmigung zur Ausstellung von Spendenbescheinigungen haben. Alle Kosten werden daher zurzeit vom Orden übernommen. Es ist wieder einmal sehr beeindruckend, wie sich die Menschen hier für ihre Mitmenschen einsetzen.

Kerstin Engelhardt, Referentin beim Institut für Fort- und Weiterbildung der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Reisetagebuch

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