Iglesia bonita

  • Sayula - 18.08.2014

Nach einer erschöpfenden, mehr als 40-stündigen Anreise und einer ersten Nacht bei unseren Gastfamilien in Sayula treffen wir um 10.00 Uhr im Gemeindesaal der Kirchengemeinde ein. Erster Programmpunkt ist die Begegnung mit den Leitern der diözesanen Arbeitsgruppen wie

  • Basisgemeinden,
  • Katechese,
  • Jugendpastoral,
  • Sozialpastoral u.a.

Pünktlich geht es nicht los – die mexikanischen Teilnehmer haben teils eine weite Anfahrt – und mit der Pünktlichkeit nimmt man es sowieso nicht ganz so genau, „puntualidad mexicana“ eben.

Im Gemeindesaal herrscht ein reger Austausch in den Arbeitsgruppen. Angelika Kamlage

Mit einem kleinen Morgenimpuls und Liedern starten wir in die Austauschrunde. Max Himmel, Mitarbeiter in der Hauptabteilung Pastorale Konzeption in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, stellt unseren Gastgebern die Entwicklungsgeschichte unseres diözesanen Weges vor – ausgehend von den markanten Aussagen des II. Vatikanischen Konzils (Kirche als Volk Gottes) über die Übersetzung dieses Aufbruches in die Diözese in der Rottenburger Diözesansynode und den Pastoralen Perspektiven hin zu den aktuellen Herausforderungen und Umsetzung des Projekts „Kirche vor Ort“. Einzelne Mitglieder der Reisegruppe ergänzen diesen Input durch ihre Erfahrungen als Gemeindebegleiter(in), pastorale Mitarbeiter(in), Diözesanrat und mehr. In einer weiteren Runde sammeln wir die Fragen, die unsere Ortskirche in Deutschland umtreibt:

  • Wie kann der Blickwechsel hin zu den relevanten Themen der Menschen gelingen?
  • Wie kann das Ehrenamt weiter gestärkt werden und die Kooperation verteilt werden?
  • Was bedeutet die Einladung von Papst Franziskus, eine arme Kirche für die Armen zu sein, für unsere Diözese?
  • Wie kann die Lebensweltorientierung gelingen?

Mit Interesse und Nachfragen begleiten unsere mexikanischen Gastgeber diese erste Runde.

2. Runde: Die Diözese Ciudad Guzmán

Nach einer Stärkung folgt eine zweite Runde. Die Diözese Ciudad Guzmán stellt sich vor. Padre Salvador, Bischofsvikar für Pastoral, und Padre José, Diözesankoordinator der kirchlichen Basisgemeinden, berichten:

Die junge Diözese Ciudad Guzmán wurde 1972 gegründet. Vom II. Vatikanischen Konzil und der lateinamerikanischen Bischofssynode von Medellin (1968) inspirierte Priester und Verantwortliche nahmen dies zum Anlass, der Diözese eine neue Richtung mit auf den Weg zu geben: Nach einer intensiven Analyse der Realität und Auseinandersetzung mit den Schriften der Bibel nach dem Lehramt der Kirche wurden drei Optionen getroffen:

  • 1. die Option für die Armen
  • 2. die Option für die christlichen Basisgemeinden
  • 3. die Option für die Jugend

Die kirchliche Organisation kennt vier Ebenen:

  • 1. die kirchliche Basisgemeinde, wo sich das Leben der Menschen abspielt, das Leben in Solidarität gestaltet und im Lichte des Wortes Gottes gefeiert wird.
  • 2. Die Pfarrei als Gemeinschaft von Basisgemeinden
  • 3. Das Dekanat als inspirierende und strukturierende Ebene
  • 4. Die Diözesanebene mit dem Bischof

Padre Salvador und Padre José stellen ihre Diözese vor. Angelika Kamlage

Auf einer ersten Diözesansynode wurde das Modell „Kirche an der Basis“ bestätigt. In regelmäßig aktualisierten Pastoralplänen werden zentrale Schwerpunkte und Ziele für einen überschaubaren Zeitraum von vier bis sechs Jahren gesetzt. Diesen Pastoralplänen voraus gehen intensive Dialoggespräche, die zwei Dimensionen im Blick haben: die soziale Wirklichkeit der Menschen und die kirchlichen Strukturen des neuen Modells von Kirche. Auf allen vier Ebenen wird die aktuelle Situation analysiert und dann zuletzt auf der Diözesanversammlung verabschiedet.

Aktuelle Schwerpunkte in der sozialen Dimension sind:

  • Die Sensibilisierung in Fragen der Bewahrung der Schöpfung und der Schonung der wichtigen Ressourcen wie dem Wasser.
  • Die Wahrnehmung der vermehrten Gewalt durch den Einfluss der Drogenkatelle und die Förderung einer Kultur des Lebens.

Im kirchlichen Bereich obliegt der Schwerpunkt derzeit auf einer verbesserten Fort- und Weiterbildung der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter(innen) und der Bewusstseinsbildung für ein größeres Engagement von kirchlichem Wirken in der Gesellschaft.

Viele Gemeinsamkeiten

In der sich anschließenden Diskussion wurden bei allen Unterschieden der diözesanen Realitäten auch eine ganze Reihe von Übereinstimmungen gesehen:

  • Beide Diözesen treibt die Frage des Blickwechsels um, als der Hinwendung zu einer lebenswelt-orientierten Pastoral.
  • Es stellt sich die Frage, wie klerikale Tendenzen bekämpft werden können.
  • Die Arbeit der Ehrenamtlichen erfährt eine hohe Wertschätzung.

Aufgefallen ist uns, dass alle Vertreter der Diözese Ciudad Guzmán mit tiefer Überzeugung und Leidenschaft für ihren Weg einer Kirche an der Seite der Menschen einsetzen. Bei aller klaren Strukturiertheit ist es ein einfacher Weg, der viele Menschen mitnimmt. Das Wort Gottes und die Rückbindung an das lateinamerikanische Lehramt sind deutlich zu spüren. Einmal getroffene Optionen bzw. Schwerpunkte werden nach den fünf Schritten „sehen – urteilen – handeln – auswerten – feiern“ regelmäßig evaluiert und mit Blick auf ihre Umsetzung überprüft. Dabei werden folgende Aspekte berücksichtigt:

  • Die klare Fokussierung auf die lebensweltlich relevanten Fragen.
  • Die Förderung einer Kirche im Nahraum, die Beziehung, Begegnung und Gemeinschaft ermöglicht.

Es folgte ein Mittagessen, eingeleitet durch einen Umtrunk mit regionalen Leckereien, begleitet durch eine lokale Musikgruppe, die traditionelle mexikanische Musik und regionale Lieder anstimmte. Am Ende wurde sogar noch das Tanzbein geschwungen.

Von Wolfgang Hermann, Diözesanbetriebsseelsorger der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Reisetagebuch

Alle Fotos und Erfahrungsberichte der TeilnehmerInnen im Überblick finden Sie hier:

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