Gott auf den Märkten

  • Mexiko-City - 26.08.2014

Kaum steigen wir aus der Metro, spricht uns eine alte Frau an: „Ihr woll doch nicht eta da hoch gehen?“ Wir schauen uns irritiert an und antworten mit einem sicheren „Si“. Das Viertel hat zwar keinen besonders guten Ruf, aber unter der Leitung von Alfons Vietmeier wollen wir uns einen eigenen Eindruck verschaffen. Ein Schritt aus der Metro-Station, und wir stehen bereits mitten im bunten Markt von „La Merced“. Es ist laut, bunt und jeder Händler preist seine Waren an. Schaut man nach oben, sieht man keinen Himmel. Alles ist mit Planen abgedeckt zum Schutz vor Sonne und Regen – eine Markthalle aus Zelten.

Die Stände eng an eng, Gemüse, Obst, Gewürze, Spielsachen, Schuhe, Kleidung und dazwischen Fleischtheken mit frischen Hühnern. Unsere Menschenschlange zieht sich auf dem knapp 1,5 Meter breiten Weg durch das Labyrinth an Ständen. Wir passieren die Haushaltswaren, dann die Werkzeuge. Die Größeren unter uns laufen bereits seit einiger Zeit gebückt um nirgends anzustoßen.

Ein weiterer Schritt und wir landen bei den Kochküchen des Marktes. Es duftet nach so vielem, dass manche den Kopf sehnlich zum Himmel recken, doch die Frischluft ist noch ein gutes Stück von uns entfernt. Es geht weiter durch Gemüse, wieder Spielzeug, Fleischwaren, Süßigkeiten, Spielhallen.

Gemüse, Obst, Gewürze, Spielsachen, Schuhe, Kleidung, frische Hühner - auf dem bunten Markt von „La Merced“ kann man fast alles kaufen. Markus Waggershauser

Mitten unter den Menschen

Der Markt scheint riesig und immer wieder begegnen wir religiösen Statuen – zumeist Jesus oder Maria. Sie stehen an einer Ecke des Standes und wachen über das Geschehen. Sie sind permanent anwesend in dieser Welt der Händler und Kunden und werden zum Teil auch von Passanten berührt. Ein Bild der Jungfrau von Guadalupe hängt direkt neben einer kleinen Spielhalle – ein seltsames Bild. Und es bestätigt wieder unseren Eindruck, dass die Heiligen hier mitten unter den Menschen zuhause sind. Von ehrfürchtiger Distanz ist hier nichts zu spüren, von Verehrung hingegen sehr viel.

Nach einigen weiteren Schritten dann (endlich) Frischluft und freie Sicht nach oben. Wir stehen im Innenhof vor der Kirche Santa Muerte. Eine kleine Kirche direkt am Rande des umtriebigen Marktes, die bei all dem Lärmen und der Enge Ruhe und Freiheit ausstrahlt. Wir waren ca. eine Stunde in dem Markt und sind beeindruckt und entsetzt zugleich.

Die Markt-Gemeinde

Die Menschen von La Merced leben tagtäglich in diesem Getümmel. Dies zeigt uns neben den vielen schönen, offenen und freien Plätzen in Mexiko-City ebenfalls eine soziale Realität – eine andere, als die der Besucher des Anthropologischen Museums, der Pilger von Guadalupe oder der vielen Arbeiter, die uns abends in den Metro-Stationen begegnen. Eine Realität, die Tausende betrifft, die ihr Leben auf dem Markt verbringen. Sie leben dort ebenfalls in einer Art Gemeinde, helfen und schützen sich gegenseitig. Zusammenhalt gegen Diebe, Ausbeutung und Gewalt. Abends werden die Stände von Nachtwächtern aus den eigenen Reihen bewacht und die Händler und ihre Familien schlafen in den Häuserruinen rund um den Markt von La Merced. Tagsüber ruhen sich die Nachtwächter in den Hinterhöfen aus – wenn sie Glück haben in Holzbaracken, ansonsten unter freiem Himmel.

Es ist schon beeindruckend, wie sehr der Glaube in diesem Menschen verankert ist, dass er einem sogar hier begegnet.

Kerstin Engelhardt, Referentin beim Institut für Fort- und Weiterbildung der Diözese Rottenburg-Stuttgart

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