Verlassen, verfolgt und vergessen

  • Bischofstreffen im Heiligen Land - 12.01.2016

Heute steht die Begegnung mit dem Lateinischen Patriarchen und dem einheimischen Klerus in Fuheis, einer christlichen Kleinstadt rund 20 Kilometer westlich von Amman, auf unserem Programm. In einem offenen Austausch mit den Priestern und Ordensleuten kommen interessante Themen zur Sprache.

Ein Bischof fragt zum Beispiel: „Der Begriff ‚Umkehr‘ ist ja ein Schlüsselbegriff in der Botschaft Jesu Christi (vgl. Mk 1,15) und daher auch in der christlichen Verkündigung. Er kann aber im Kontext der Konflikte im Heiligen Land auch leicht missverstanden werden. Wie gehen die für die Pastoral Verantwortlichen im Heiligen Land damit um?“ Ein junger irakischer Priester greift den Ball auf und antwortet: „Innerhalb der kirchlichen Verkündigung ist der Gebrauch des Begriffs tatsächlich unproblematisch, aber im Dialog nach außen müssen wir mit ihm sensibel umgehen und immer mit bedenken, was andere damit assoziieren könnten.“

Das weitere Gespräch dreht sich um Fragen wie diese:

  • Bin ich als Christ in einem muslimisch dominierten Land nur ein Bürger zweiter Klasse? 
  • Wie geht es den überwiegend jungen Priestern menschlich, persönlich und geistlich in der täglichen Konfrontation mit der Flüchtlingsproblematik und inmitten der vielen Nöte und Konflikte?
  • Wie können wir die Wahrheit über die Konflikte im Heiligen Land bei uns zu Hause zur Sprache bringen? Sind dabei Begriffe wie „Propaganda“ und „Besatzung“ hilfreich und zulässig?
  • Wie können wir unseren Gläubigen zuhause die Wirklichkeit der Situation der christlichen Kirchen im Mittleren und Nahen Osten möglichst authentisch vermitteln?

Der Austausch über diese Fragen zeigt uns eine hohe Verantwortlichkeit und ein großes Engagement der Priester und Ordensleute in Jordanien, ganz besonders für die vielen Flüchtlinge im Land.

Pfarrer Khalil Jaar steht den Flüchtlingen sehr nahe. Vor allem die Situation der irakischen Flüchtlingsfamilien, die in seiner Pfarrei Schutz suchen, bereitet ihm große Sorge.

Thomas Maria Renz

Das Schicksal irakischer Flüchtlinge

Darum geht es dann auch nochmals am Abend in einer Diskussion mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Organisationen und Hilfsdienste, die in Jordanien im Auftrag der Kirche für die Flüchtlinge tätig sind. Dabei rückt noch einmal das besondere Schicksal der irakischen Flüchtlinge in den Blick, die unter den vielen syrischen Flüchtlingen in Jordanien nur eine verschwindende Minderheit sind.

Pfarrer Khalil Jaar berichtet uns, dass seine Kirche in Amman jeden Tag von früh morgens bis spät abends geöffnet ist und sich dort den ganzen Tag über Muslime und Christen treffen und begegnen. Er als Pfarrer frühstückt mit ihnen, isst mit ihnen zu Mittag und zu Abend, teilt mit ihnen sein Leben und steht den Flüchtlingen daher sehr nahe. Er beklagt, dass sich die irakischen Flüchtlinge zutiefst verlassen, verfolgt und vergessen fühlen. Von den 450 christlichen Flüchtlingsfamilien aus dem Irak, die in seiner Pfarrei leben, haben in den letzten eineinhalb Jahren nur zwei in ein Drittland weiterreisen können. Alle anderen warten noch immer auf irgendeine Zukunftsperspektive, die ihnen aber niemand gibt. Sie leben auf engstem Raum in einigen von der Pfarrei angemieteten Wohnungen, aber die Pfarrei sei überfordert, allen zu helfen. Hilfe von außen komme nur spärlich und sporadisch, weil z. B. die Vereinten Nationen nur die großen Flüchtlingscamps im Land finanziell unterstützen, in die sich irakische Christen aber aus Angst vor neuen Repressalien nicht trauen.

„Das Flüchtlingsdrama in dieser Region wird sich wohl auch im Jahr 2016 fortsetzen. Und die ersten Verlierer dieses Dramas werden die wenigen Christen unter ihnen sein!“

— Weihbischof Thomas Maria Renz

Auch in diesem Abendgespräch mit Fachleuten der alltäglichen Praxis in der Flüchtlingsarbeit wird deutlich: Das Flüchtlingsdrama in dieser Region wird sich wohl auch im Jahr 2016 fortsetzen. Und die ersten Verlierer dieses Dramas werden die wenigen Christen unter ihnen sein! Jemand aus unserer Gruppe zieht deshalb für sich sehr deutlich, ja geradezu vehement und lautstark die Konsequenz: „Wenn wir wieder nach Hause kommen, müssen wir unseren politisch Verantwortlichen sagen: ‚Toll, was ihr für die Flüchtlinge bisher getan habt, wunderbar! Aber welchen Plan habt ihr für einen dauerhaften Frieden in den Herkunftsländern der unzähligen Flüchtlinge?‘ Was wir dringend brauchen, ist ein konkreter und realisierbarer Friedensplan für die geschundenen Menschen hier vor Ort! Ohne einen solchen Friedensplan wird das Flüchtlingsdrama nicht zu einem Ende kommen!“

Von Weihbischof Thomas Maria Renz

© weltkirche.katholisch.de

Bischofstreffen im Heiligen Land

Das 16. „Internationale Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land“ findet vom 9. bis 14. Januar 2016 statt. Es nehmen 13 Vertreter nationaler Bischofskonferenzen aus zwölf Ländern sowie die führenden Repräsentanten der Kirche im Heiligen Land teil. Schwerpunkte des Treffens sind Begegnungen mit Christen in Bethlehem, Taybeh und dem Cremisan-Tal in den palästinensischen Gebieten sowie ein fünftägiger Besuch bei syrischen und irakischen Kriegsflüchtlingen in Jordanien. Die Deutsche Bischofskonferenz wird durch den Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche, Weihbischof Thomas Maria Renz aus Rottenburg-Stuttgart, vertreten.

Zum Autor

Weihbischof Thomas Maria Renz leitet innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz die Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche. Der Rottenburger Weihbischof nahm bereits in den vergangenen Jahren an den Internationalen Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land teil.

Reisetagebuch

Alle Berichte von Weihbischof Renz vom 16. Internationalen Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land finden Sie in unserem Reisetagebuch.

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