Kein Vor und kein Zurück

  • Bischofstreffen im Heiligen Land - 11.01.2016

Gerade mal eine knappe halbe Stunde Omnibusfahrt durch das morgendliche, eher beschaulich wirkende Amman liegt hinter uns, als wir das „Our Lady of Peace Centre“ außerhalb der Hauptstadt Jordaniens erreichen. Die Einrichtung liegt neben der Kirche „Zum Guten Hirten“, die Papst Benedikt XVI. 2009 besucht hat, und gehört dem Patriarchen von Jerusalem.

Das „Our Lady of Peace Centre“ wird von der Caritas Jordanien als soziales und kulturelles Zentrum vor allem für irakische Flüchtlinge betrieben. Was mir als erstes auffällt, sind die vielen jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas, unter ihnen viele Freiwillige, die uns freundlich begrüßen. Seit Beginn der Flüchtlingswelle aus Syrien und dem Irak im Herbst 2014 widmet sich „Caritas Jordan“ vor allem dieser Zielgruppe.

Neben einer Krankenstation mit Erster Hilfe und einer eigenen Abteilung für behinderte Kinder werden dort auch Schulunterricht und eine Grundversorgung für Flüchtlinge aus der Umgebung angeboten. Wir erleben die Ausgabe von Heizgeräten und Decken mit und kommen dabei auch mit einzelnen Flüchtlingen ins Gespräch. 

Ohne Perspektive auf eine neue Heimat: Die irakischen christlichen Flüchtlingsfamilien sind bereits im Herbst 2014 aus aus der Ninive-Ebene im Irak geflohen.

Thomas Maria Renz

Wenn Realismus auf Idealismus trifft

Sehr schnell wird deutlich, dass die meisten irakischen Flüchtlinge im Grunde genommen keine Hoffnung mehr haben: Für sie scheint es weder ein Zurück in ihre Heimat zu geben, noch ein Vorwärts in eine neue Zukunft. Beim Mittagessen sitze ich an einem Tisch mit drei irakischen christlichen Familien, die bereits im Herbst 2014 aus der Ninive-Ebene im Nordosten des Iraks geflohen sind und seither in Jordanien festsitzen – ohne eine Perspektive auf eine neue Heimat. Einig sind sie sich darin, dass es für sie kein Zurück mehr geben wird. „In jedes Land würden wir gehen, aber auf keinen Fall mehr in ein arabisches Land“, sagen mehrere. Eine Frau stellt diese Entschlossenheit gar in einen biblischen Kontext: „Wir sind Nachfahren Abrahams und schauen deshalb nicht zurück, sondern nach vorne und ziehen – wie Abraham – aus unserem Land aus in ein fernes, unbekanntes, neues Land.“

Und in der Tat zogen die Menschen des Alten Bundes auf ihrem Weg nach Palästina gerade hier durch das Gebiet des heutigen Jordaniens. Das „Gelobte Land“, in das die meisten irakischen Flüchtlinge, denen wir begegnen, lieber heute als morgen aufbrechen würden, heißt für sie Amerika, Kanada oder Australien.

Wir werden konfrontiert mit dem Dilemma, dass die christlichen Kirchen die Flüchtlinge verständlicherweise gerne zum Bleiben in ihrer Heimat auffordern, während diese für sich selbst absolut keine Zukunft mehr dort sehen. Hier trifft ein harter Realismus auf einen weichen Idealismus! Natürlich ist es kaum vorstellbar, dass es in den ältesten christlichen Städten nach 2.000 Jahren schon bald keine Christen mehr geben könnte. Und trotzdem wächst nicht nur bei mir das Verständnis für die Menschen, mit denen wir heute zusammenkommen und die Unvorstellbares in ihrer Heimat miterleben mussten. Hinter jedem Gesicht steckt eine menschliche Tragödie und oftmals eine grausame Vergangenheit! Wer brächte es da übers Herz, diesen Menschen zu sagen: „Geht wieder dorthin zurück, von wo aus Ihr geflohen seid?“

„Hinter jedem Gesicht steckt eine menschliche Tragödie und oftmals eine grausame Vergangenheit!“

— Weihbischof Thomas Maria Renz

Die internationale Bischofsgruppe beim Besuch des „Our Lady of Peace Center“ bei Amman, Jordanien.

KNA

Die unbarmherzig Vertriebenen Gottes Barmherzigkeit erfahren lassen

Beeindruckt hat mich heute besonders die Begeisterung, mit der die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der jordanischen Caritas den Geflüchteten zur Seite stehen und ihnen nicht nur materielle und medizinische Hilfe zukommen lassen. Ich habe gespürt, dass sie ihnen auch ihr Herz öffnen und ihnen menschlich sehr nahe kommen. Gerade im Heiligen Jahr der göttlichen Barmherzigkeit ist das ein nicht zu unterschätzender Liebesdienst an denen, die schon mehr Unbarmherzigkeit in ihrem Leben erfahren mussten, als was je einem Menschen zugemutet werden kann. 

Bedrückt hat mich heute besonders die Hoffnungslosigkeit so vieler Menschen, die keinen Pfifferling mehr auf ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder und Enkel geben. Diese Hoffnungslosigkeit macht mich selbst zwar nicht hoffnungslos, aber doch ziemlich ratlos und hilflos. Zum Glück ist in dieser Situation der christliche Glaube für viele noch der einzige Halt, der sie stützt. Jemand sagt uns: „Wir haben auf der Flucht alles verloren, aber nicht unseren Glauben.“

„Wir haben auf der Flucht alles verloren, aber nicht unseren Glauben.“

— Flüchtling aus dem Irak

Gefreut hat mich heute besonders die Entschlossenheit vieler, nicht nachzulassen im Dienst für den Frieden und für die Versöhnung. Auf die Frage an einen Flüchtling, was er denn von uns erwarte, antwortet er: „Dass ihr zuerst für den Frieden arbeitet und dann erst, dass ihr uns helft“. Dazu passt wunderbar das Motto von „Caritas Jordan“, das unter derartigen Umständen wohl als unrealistisch erscheinen mag, das aber gerade wir Christen niemals aufgeben dürfen: „Now is the time for peace!“

Von Weihbischof Thomas Maria Renz

© weltkirche.katholisch.de

Bischofstreffen im Heiligen Land

Das 16. „Internationale Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land“ findet vom 9. bis 14. Januar 2016 statt. Es nehmen 13 Vertreter nationaler Bischofskonferenzen aus zwölf Ländern sowie die führenden Repräsentanten der Kirche im Heiligen Land teil. Schwerpunkte des Treffens sind Begegnungen mit Christen in Bethlehem, Taybeh und dem Cremisan-Tal in den palästinensischen Gebieten sowie ein fünftägiger Besuch bei syrischen und irakischen Kriegsflüchtlingen in Jordanien. Die Deutsche Bischofskonferenz wird durch den Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche, Weihbischof Thomas Maria Renz aus Rottenburg-Stuttgart, vertreten.

Zum Autor

Weihbischof Thomas Maria Renz leitet innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz die Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche. Der Rottenburger Weihbischof nahm bereits in den vergangenen Jahren an den Internationalen Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land teil.

Reisetagebuch

Alle Berichte von Weihbischof Renz vom 16. Internationalen Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land finden Sie in unserem Reisetagebuch.

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