Hoffnung und Gebet

  • Bischofstreffen im Heiligen Land - 13.01.2016

Die vier „P-Ziele“ des jährlichen Internationalen Bischofstreffens im Heiligen Land (Pilgrimage, Prayer, Presence, Pressure) haben wir auch in diesem Jahr immer im Blick. Ganz wichtig ist uns Bischöfen dabei das gemeinsame Gebet mit den Menschen im Nahen Osten, bei denen wir zu Gast sind. Daher feiern wir jeden Tag an einem anderen Ort die Heilige Messe und ich staune, dass auch heute wieder ­– an einem ganz gewöhnlichen Mittwochvormittag – die Kirche fast voll ist, als wir mit vielen Messdienern, Priestern und Bischöfen durch den Mittelgang einziehen.

Die Kirche in Madaba, einer Stadt mit 70.000 Einwohnern, knapp 40 Kilometer südlich von Amman, ist dem Heiligen Johannes dem Täufer geweiht und liegt auf dem höchsten Punkt der Stadt. Als wir den Kirchvorhof betreten wollen, macht ein Mann in einem langsam vorbeifahrenden Auto aus dem geöffneten Fenster heraus erkennbar negative Bemerkungen und unterstreicht sie mit einer abwertenden Handbewegung Richtung Kirchengebäude.

Radikalisierung nimmt zu

Die Christen sind hier – anders als in Fuheis – in der Minderheit, was auch durch die architektonische Dominanz von mehreren großen, goldenen Moscheen unübersehbar ist. Am späteren Nachmittag, bei einer Begegnung mit chaldäischen Flüchtlingen in Jabal al Hussein, einem Vorort der Hauptstadt Amman, erzählt mir eine Frau mittleren Alters, die seit etwa zwei Jahren dort lebt, dass die Radikalisierung von Muslimen inzwischen auch in Jordanien spürbar zunehme.

Sie nennt auch konkrete Beispiele dafür, die sich in letzter Zeit häuften und wiederholten. So kam es schon vor, dass die Wäsche, die sie morgens zum Trocknen vor das Haus hängte, in dem sie als Flüchtling wohnt, abends mit Blut beschmiert war. Oder dass eine kleine Jesusfigur in der Nähe ihres Hauses auf einem Privatgelände immer wieder mit dem Kopf nach unten in den Boden gesteckt wird. Das sind kleine Nadelstiche, die nicht als Lausbubenstreiche verniedlicht werden dürfen, sondern offenbar Anzeichen einer zunehmenden islamischen Radikalisierung auch in diesem politisch noch recht stabilen Land sein könnten.

Nicht wenige hier im Land sind davon überzeugt, dass es den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) auch bereits in Jordanien gibt, wenn auch zumeist noch unbemerkt und verborgen. Eine offizielle Bestätigung dieser hinter vorgehaltener Hand geäußerten Vermutung erhalten wir freilich nicht.

Gemeinsames Gebet und Gesten der Hoffnung

Gemeinsamer Gottesdienst in Madaba - die Kirche ist voll besetzt.

Thomas Maria Renz

Zurück zu unserem Gottesdienst in Madaba: Bischof Declan Lang aus England, der das Internationale Bischofstreffen anführt, erklärt den überwiegend jungen Menschen in seiner kurzen Predigt, dass wir für sie beten werden, auch wenn wir wieder zuhause sind, und dass wir dasselbe auch von ihnen für uns erbitten. Zu seinen Worten passt eine schöne Geste, mit der wir am Ende des Gottesdienstes überrascht werden: Wir Bischöfe erhalten eine Kerze, die wir anzünden und Jugendlichen überreichen, die uns ihrerseits einen Rosenkranz überreichen. Der Sinn dieses symbolischen Aktes ist: Wir bringen den Menschen Hoffnung und sie schenken uns ihr Gebet.

Solche Gesten und das gemeinsame Gebet verbinden Menschen aus unterschiedlichen Kontinenten und Kulturen ganz unmittelbar und ohne große Worte. Das wird auch bei der anschließenden Begegnung bei einer Tasse Kaffee oder Tee und einem Stück Kuchen auf dem Kirchplatz deutlich: Die Bischöfe aus England, Irland, Schottland, Frankreich, Italien, Island, Spanien, Deutschland, der Schweiz, aus Amerika, Kanada und Südafrika fühlen sich den Menschen aus Jordanien und ihren Gästen (Flüchtlingen) aus dem Irak plötzlich ganz nahe.

Ein Ehepaar aus dem Irak erkundigt sich, ob auch ein Bischof aus Deutschland da sei. So kommen wir mit Hilfe eines Dolmetschers, einem jungen Lehrer aus der Nachbarschaft, miteinander ins Gespräch. Das Ehepaar, das ich auf Anfang oder Mitte 50 schätze, hat drei Söhne und fünf Töchter und lebt – wie viele der irakischen Flüchtlinge – seit eineinhalb Jahren in Jordanien. Ihr ältester Sohn, der schon im Irak drei Jahre lang Pharmazie studiert hatte, bis die Familie über Nacht fliehen musste, würde gerne nach Deutschland kommen, um dort sein Studium zu Ende zu bringen. Offenbar ist dafür schon alles vorbereitet, aber die Familie möchte ihren Sohn und Bruder nicht gerne alleine ziehen lassen, sondern würde am liebsten mit ihm gemeinsam nach Deutschland kommen, was aber im Augenblick undenkbar erscheint.

Auf der Suche nach einer neuen Existenz

Sie schauen in eine ungewisse Zukunft: Flüchtlingskinder in Jordanien.

Thomas Maria Renz

Im Gespräch spüre ich eine gewisse Erwartungshaltung an mich, auch wenn sie nicht direkt verbalisiert wird. Mit einem mulmigen, unguten Gefühl verabschiede ich mich, als wir weiterfahren, weil ich spüre, dass unsere Hilfsmöglichkeiten als Bischöfe hier vielleicht zum Teil überschätzt werden und wir manche Menschen daher auch enttäuscht zurücklassen.

Zum wiederholten Mal bekommen wir auch heute wieder, wie schon in den Tagen zuvor, von Flüchtlingen zu hören: „Wir mussten unsere Häuser mitten in der Nacht verlassen und alles zurücklassen, was wir besaßen. Jetzt wollen wir ein neues Leben in einem neuen Land beginnen, wo wir Arbeit finden und uns eine neue Existenz aufbauen können.“ Weil ich nur erahnen kann, was diese Menschen, denen wir auch heute wieder begegnet sind, in den letzten Jahren alles an Grausamen und Unmenschlichen erleben und erdulden mussten, kann ich ihren Wunsch nur zu gut verstehen. Aber die Hoffnung, dass sich dieser Traum in absehbarer Zeit erfüllen wird, ist für die meisten eher gering. Viele, die auf ihrer Flucht aus dem Irak oder aus Syrien hier in Jordanien gestrandet sind, hatten dieses Land eigentlich nur als Durchgangsstation gesehen. Die meisten aber sitzen nun schon seit zwei oder drei Jahren hier fest und kommen nicht weiter. Diese Aussichtslosigkeit ihrer Lage bedrückt mich, wenn ich morgen dieses Land wieder verlassen und nach Hause zurückkehren werde.

Von Weihbischof Thomas Maria Renz

© weltkirche.katholisch.de

Bischofstreffen im Heiligen Land

Das 16. „Internationale Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land“ findet vom 9. bis 14. Januar 2016 statt. Es nehmen 13 Vertreter nationaler Bischofskonferenzen aus zwölf Ländern sowie die führenden Repräsentanten der Kirche im Heiligen Land teil. Schwerpunkte des Treffens sind Begegnungen mit Christen in Bethlehem, Taybeh und dem Cremisan-Tal in den palästinensischen Gebieten sowie ein fünftägiger Besuch bei syrischen und irakischen Kriegsflüchtlingen in Jordanien. Die Deutsche Bischofskonferenz wird durch den Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche, Weihbischof Thomas Maria Renz aus Rottenburg-Stuttgart, vertreten.

Weihbischof Thomas Maria Renz leitet innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz die Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche. Der Rottenburger Weihbischof nahm bereits in den vergangenen Jahren an den Internationalen Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land teil.

Alle Berichte von Weihbischof Renz vom 16. Internationalen Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land finden Sie in unserem Reisetagebuch.

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