Eine neue Generation

  • © Bild: KNA
  • Internationales Bischofstreffen im Heiligen Land - 15.01.2014

Unser erster Termin am Mittwochmorgen führt uns nach Ostjerusalem in die deutsche Schmidt-Schule , die im Jahr 1886 von einem deutschen Pfarrer namens Schmidt gegründet wurde. Eigentümer dieser Schule ist der Deutsche Verein vom Heiligen Land (DVHL) und Träger die Ordensgemeinschaft Congregatio Jesu , auch Maria-Ward-Schwestern genannt. Sie ist heute auch eine anerkannte deutsche Auslandsschule und bietet Mädchen das palästinensische Tawjihi oder das deutsche Abitur als Hochschulzugangsberechtigung in Israel, Deutschland und weltweit an.

Wir werden von den Ordensschwestern, von Schuldirektor Rüdiger Hocke und von Vertretern des DVHL herzlich willkommen geheißen und erhalten zuerst Grundinformationen über diese Schule: 85 Prozent der bis zu 500 palästinensischen Schülerinnen sind muslimisch und nur 15 Prozent christlich, während es bei der Lehrerschaft gerade umgekehrt ist: hier sind 85 Prozent christlich und nur 15 Prozent muslimisch. Zum Schulstandard gehört, dass die christlichen Schülerinnen ihren konfessionellen Religionsunterricht erhalten und die muslimischen Schülerinnen ihren muslimischen. Nach der Schulbesichtigung sowie Vorführungen des Schulchors und einer Tanzgruppe haben wir noch die Möglichkeit, mit älteren Schülerinnen ins Gespräch zu kommen.

Starke Worte von starken Persönlichkeiten

Ich frage sie nach den Auswirkungen des Leitbildes ihrer Schule im konkreten Schulalltag, in dem es heißt: „Wir sind eine Schule, an der Gerechtigkeit, Toleranz und Respekt gelebt werden. Geprägt durch ein konfliktträchtiges Umfeld ist es uns besonders wichtig, Konflikte und Spannungen friedlich miteinander zu lösen.“ Die Antworten überraschen mich: Ja, das sei durchaus in Ihrem Schulalltag erfahrbar. Und es sei für sie normal und selbstverständlich, dass junge Christinnen und Jüdinnen sich immer und überall offen und respektvoll begegnen.

„Bildung ist unsere beste Waffe.“

Auch wenn mir bewusst ist, dass es sich bei diesen Schülerinnen nur um eine vergleichsweise kleine Elite handelt und die Mehrheit der jungen Palästinenserinnen wohl kaum eine so exzellente Ausbildung genießen kann, so wächst hier offensichtlich eine neue Generation heran, die über Religions- und Nationalitätsgrenzen hinweg vorurteilsfreier, offener und respektvoller miteinander umgehen kann, als es ihre Eltern und Großeltern jemals konnten. Zwei Aussagen der jungen Schülerinnen haben mich besonders beeindruckt: „Bildung ist unsere beste Waffe“ und: „Um in diesem Land leben zu können, muss man stark sein“. Das sind starke Worte von starken Persönlichkeiten – so jung sie auch sind!

Die Bischöfe erkundigen sich über die Situation der Menschen im Tal Cremisan bei Beit Jala. KNA

Mauerbau durch das Cremisan-Tal …

Am Nachmittag besuchen wir einen ganz besonderen Ort in der Nähe von Jerusalem, der immer mehr zum Symbol für eine von allen Seiten eingekerkerte und strangulierte palästinensische Bevölkerung wird, gewissermaßen zu einer Art „Lampedusa Palästinas“ (wenn dieser Vergleich ausnahmsweise erlaubt sei): das Tal Cremisan bei Beit Jala. Israel plant hier den Bau einer Mauer durch das zwischen Bethlehem und Ost-Jerusalem liegende Tal. Schleichende Annektierung palästinensischer Ländereien und Zerstörung des fruchtbaren Anbaugebietes sind die Folgen.

Den Bau der Mauer begründet Israel mit seinen Sicherheitsinteressen, obwohl unabhängige Experten schon mehrfach bezeugt haben, dass eine Mauer durch dieses Tal nicht relevant sei für die israelische Sicherheit. Und Pfarrer Ibrahim Shomali versichert uns, dass es von hier aus noch nie Angriffe der Palästinenser auf die Juden gegeben habe. Mit dem Mauerbau will Israel aber offenbar Fakten schaffen, um die fruchtbaren Anbaugebiete zu enteignen und selbst immer mehr Land zu „gewinnen“. Dass dadurch 58 Landwirte und ihre Familien letztlich ihre Existenzgrundlage verlieren, kümmert die Verantwortlichen nicht.

… mit schwerwiegenden Folgen

Von den betroffenen Familien begegnen wir einigen persönlich, zusammen mit dem Pfarrer und dem Bürgermeister von Beit Jala, mitten in ihren Weinbergen. Sie konfrontieren uns auf erschütternde Weise mit den Folgen dieses schlangenförmig geplanten illegalen Mauerbaus, der das ganze Land zerteilen wird, auf dem seit Generationen vorzüglicher Wein und Oliven angebaut wird. Ende Januar soll es zu einer letzten gerichtlichen Entscheidung über den geplanten Mauerbau kommen, aber die Zeichen für die rechtmäßigen Eigentümer stehen nicht gut. Im Grunde haben sie ihre Hoffnung längst aufgegeben.

Ihr Pfarrer berichtet uns, dass sie überlegt hätten, sich in ihrer großen Not direkt an Präsident Obama oder an einen anderen einflussreichen westlichen Politiker zu wenden. Aber dann seien sie zur Erkenntnis gekommen, dass ihnen wohl niemand mehr helfen könne – außer vielleicht Gott selbst. Und sie erinnerten sich daran, dass Jesus auch ein Mal von allen verlassen gewesen sei, nämlich in der Nacht vor seinem Tod im Ölgarten Gethsemani, als von seinen Jüngern die einen geflohen und die anderen eingeschlafen seien. Seither treffen sich die Menschen von Beit Jala jeden Freitag in ihren Olivenhainen zum gemeinsamen Gebet – wie damals Jesus in seiner Agonie im Garten Gethsemani – zwischen den jahrhundertealten Olivenbäumen, deren Tage nun gezählt scheinen. Diese Begegnung mit unmittelbar von einer illegalen Landenteignung Betroffenen macht uns selbst zutiefst betroffen und sprachlos.

Treffen mit Patriarch Fouad Twal in Jerusalem KNA

Zeugen der Hoffnung

Schweigend fahren wir zu unseren nächsten Begegnungen: zu einem Gespräch mit dem Apostolischen Nuntius in Israel und dem Apostolischen Delegaten in Jerusalem und Palästina, Erzbischof Giuseppe Lazzarotto, mit dem melkitischen Erzbischof von Akko, Haifa, Nazareth und ganz Galiläa, Elias Chacour, sowie anschließend mit dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal.

Der Nuntius ermutigt uns zum Zeugnis der Hoffnung inmitten großer Hoffnungslosigkeit, von denen die Menschen hier im Lande betroffen seien. Wir Christen sollten immer Zeugen der Hoffnung sein, auch wenn das oft eine tägliche Herausforderung sei. Frustration sei eine große Gefahr, weil sie leicht zu Mutlosigkeit und Hoffnungslosigkeit führe. Gregorios III. betont: Wer ein Freud der Juden ist, der ist damit nicht automatisch ein Feind der Palästinenser. Er selbst sei ein vertriebener Palästinenser, dessen Elternhaus zerstört worden sei, und dennoch seien die Juden nicht seine Feinde.

„Sprecht, wenn ihr nach Hause kommt, von uns. Wir sind die Kirche der Auferstehung, der Hoffnung und der Evangelisierung, und das zu sein, dürfen wir niemals aufhören. Wir leiden alle!“

— Patriarch Fouad Twal

Mut zur Wahrheit

Patriarch Fouad Twal spricht uns Bischöfen schließlich direkt ins Herz: „Sprecht, wenn ihr nach Hause kommt, von uns. Wir sind die Kirche der Auferstehung, der Hoffnung und der Evangelisierung, und das zu sein, dürfen wir niemals aufhören. Wir leiden alle!“ Und er wünschte uns Mut zur Wahrheit: „Wir brauchen Mut, um die Wahrheit zu sagen. Glaubt nicht den Zeitungen, glaubt das, was ihr selbst seht! Ihr seid Euch selbst der Situation hier im Lande bewusst geworden.“ Und er betont die Wichtigkeit des Gebetes um einen dauerhaften Frieden im Heiligen Land und bezeichnet die rund 100 Kongregationen und 14 kontemplativen Gemeinschaften im Land als „eine starke Waffe“. Ein Zitat von Papst Benedikt XVI. anlässlich dessen Besuchs im Heiligen Land, das der Lateinische Patriarch in Erinnerung ruft, bleibt mir hängen, weil es auch irgendwie unseren Erfahrungen in den vergangenen Tagen nahekommt: „Ich kam als Freund der Palästinenser und als Freund der Juden und deshalb war es das schmerzvollste für mich, die Mauer zwischen beiden zu sehen!“

Wir beschließen den Tag mit einem feierlichen Pontifikalamt mit dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem und mit vielen Bischöfen und Priestern aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der CRS Catholic Relief Services (CRS), der internationalen Hilfsorganisation der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten, die eine Art Auslandshilfe und Entwicklungsagentur der US-Bischofskonferenz ist sowie Mitglied von Caritas Internationalis und der National Catholic Development Conference .

Von Weihbischof Thomas Maria Renz

Internationales Bischofstreffen

Vom 11. bis 16. Januar fand in Israel und Palästina das 14. Internationale Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land statt. Weihbischof Thomas Maria Renz war Leiter der Deutschen Delegation. Der Rottenburger Weihbischof ist auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Naher und Mittlerer Osten“ der Bischöflichen Kommission Weltkirche.

Alle Reiseberichte von Weihbischof Renz finden Sie hier auf einen Blick:

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