Der Jugend eine Zukunft geben

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  • Internationales Bischofstreffen im Heiligen Land - 14.01.2014

Nach der Morgenmesse in einer griechisch-orthodoxen Kirche in Betlehem verbrachten wir den Dienstagvormittag in Ramallah, einer Stadt in den palästinensischen Autonomiegebieten im Westjordanland, in der sich auch Teile der palästinensischen Regierung befinden. Dort trafen wir mit Dr. Nabil Shaath von der Fatah und mit dem ersten katholischen Pfarrer in Gaza, dem betagten und beeindruckenden Pater Manuel Musallam, zusammen.

Dr. Shaath, der unter anderem Palästinensischer Chefunterhändler, Kabinettsminister und Stellvertretender Ministerpräsident gewesen ist, hofft auf eine Lösung für ein befriedetes Land, in dem es ausreichend Lebensraum für Israeli wie für Palästinenser gibt. Die Palästinenser hätten sich in einem hohen Maße kompromissbereit gezeigt, indem sie den für sich beanspruchten Staat auf künftig nur noch 22 Prozent des ursprünglichen Landes beschränken wollen, was aber von den Israeli nicht akzeptiert werde. Dass es eine friedliche Zweistaatenlösung auch anderswo gebe, mache ihm selbst Hoffnung. Und er führte als Beispiel dafür Rom an: Dort gäbe es ja auch zwei Staaten innerhalb einer Stadt – Italien und den Vatikan –, und das funktioniere doch auch. Er nannte auch Südafrika, denn dort sei es durch die Beharrlichkeit und Klugheit von Nelson Mandela und seiner Politik auch möglich geworden, dass zwei ursprünglich unversöhnliche Bevölkerungsgruppen heute versöhnt miteinander im selben Land leben können.

Besuch der katholischen Universität Bethlehem. Im Vordergrund: Weihbischof Thomas Maria Renz. KNA

Kein Pessimismus

Trotz der vielen Rückschläge und Konflikte in den letzten Jahren war aus Shaaths Worten kein Pessimismus herauszuhören. In der abendlichen Tagesreflexion brachte dann allerdings ein Bischof sein Bedauern zum Ausdruck, dass wir neben einem Vertreter der gemäßigten Palästinenser nicht auch einen Vertreter der jüdischen Regierung zur selben Frage gehört haben. So blieb der Eindruck dieses Gespräches etwas einseitig, weil es hier im Land so viele unterschiedliche Lesarten des Friedensprozesses gibt, die wir aber nicht alle zu hören bekommen können.

Geschichte der Christen in Gaza

Pater Manuel Musallam, der als erster katholischer Pfarrer in Gaza von vielen auch liebevoll „Papst von Gaza“ genannt wird, erklärte uns, dass es drei Phasen der Christen in Gaza gegeben habe: 1948 hätten nur 400 Christen in Gaza gelebt, nach dem Krieg wären es 18.000 gewesen und 1994 brachte Arafat eine weitere Gruppe von christlichen Soldaten mit ihren Familien nach Gaza. Inzwischen ist die Zahl der Christen jedoch auf weniger als 2.000 gesunken. Musallam, der heute bei der Fatah die Abteilung für Beziehungen zu christlichen Gemeinden leitet, betonte ausdrücklich, dass die Christen in Gaza zusammen mit den Muslimen leiden, aber nicht unter ihnen. Es sei sehr wichtig, dass man politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren entgegenwirke, die eine weitere Dezimierung der Christen begünstigen.

Bethlehem University

Am Nachmittag konnten wir in der Bethlehem University knapp zwanzig Studentinnen und Studenten begegnen. Die katholische Universität wurde vor 40 Jahren gegründet, „um der palästinensischen Bevölkerung durch Bildung zu dienen“ und jungen Menschen ein friedvolles Studienklima zu ermöglichen. Nach der Besichtigung der Universität konnten wir in kleinen Gruppen mit den Studenten ins Gespräch kommen. Dabei kam unter anderem auch die für sie frustrierende Lage zur Sprache, dass sie als palästinensische Studenten keine Reise- und Bewegungsfreiheit haben. Sie bemängelten, dass viel über den Frieden diskutiert werde, dass aber nichts passieren und sich nichts verändern würde.

Auf mich haben diese jungen Menschen einen hochintelligenten, selbstbewussten und modernen Eindruck gemacht, die aber offenbar wenig Hoffnung auf einer grundsätzlichen Verbesserung ihrer Lebenssituation haben. Auch den politischen Kräften auf allen Seiten können sie nicht vertrauen, weil es zu viel Korruption gäbe. Von einer Normalisierung ihres alltäglichen Lebens können sie nicht sprechen, weil es „nicht normal ist, dass Freunde nicht zusammenkommen können.“ Was sie positiv beurteilten, ist das Zusammenleben der Jugendlichen verschiedener Religionen, das nicht nur an der Bethlehem University problemlos sei.

Bethlehems Bürgermeisterin Vera Baboun KNA

Zu Gast bei der Bürgermeisterin von Bethlehem

Am Abend kam es dann noch zu einer sehr interessanten Begegnung mit Frau Prof. Vera Baboun (geboren 1964), die seit 2012 Bürgermeisterin von Bethlehem ist – als erste Frau in der rund 3000-jährigen Geschichte dieser Stadt. Sie war zuvor Rektorin der Roman Catholic High School Beit Sahour und Professorin für Englische Literatur an der Universität Bethlehem. Sie ist palästinensische Katholikin, Witwe und Mutter von fünf Kindern und eine beeindruckende, selbstbewusste Persönlichkeit.

Baboun sieht ihre vordringliche Aufgabe darin, der Jugend in der Stadt eine Zukunft zu geben, um sie dadurch von der Abwanderung abzuhalten und vor dem Abgleiten in eine Radikalisierung oder in die Drogenabhängigkeit. Ganz bewegt erzählte sie uns von zwei jungen Männern, die in den letzten Monaten in Bethlehem Selbstmord begangen hätten und die dabei ganz offensichtlich unter Drogen standen. Vor allem aber will sie den Zugang zu Betlehem für Pilger aus der ganzen Welt offenhalten: „Es ist das Recht der Christen, frei den Ort besuchen zu können, an dem Jesus Christus geboren wurde“. Ausgerechnet in dem Land, in dem Jesus seine Friedensbotschaft, die Bergpredigt, verkündigt hat und in dem die Wiege der drei „abrahamitischen“ Weltreligionen steht, schwele ein geostrategisch bedeutender Konflikt, der kaum lösbar erscheine. Er wirke sich entscheidend auf die Beziehungen zwischen der westlichen und der muslimischen und arabischen Welt aus. In Bethlehem, der Geburtsstadt Jesu, fokussiere sich dieser Konflikt wie unter einem Brennglas.

Von Weihbischof Thomas Maria Renz

Internationales Bischofstreffen

Vom 11. bis 16. Januar findet in Israel und Palästina das 14. Internationale Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land statt. Weihbischof Thomas Maria Renz ist Leiter der Deutschen Delegation. Der Rottenburger Weihbischof ist auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Naher und Mittlerer Osten“ der Bischöflichen Kommission Weltkirche.

Alle Reiseberichte von Weihbischof Renz finden Sie hier auf einen Blick:

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