Tag 2: Missionarinnen des Lebens

  • Rio de Janeiro - 19.04.2013

Ein weiterer Tag unserer Reise mit Adveniat steht an. Ein Blick auf das Programmheft erinnert mich daran: Der heutige Tag wird nichts für schwache Nerven. Schon früh am Morgen brechen wir mit dem Bus auf in den Stadtteil Santa Teresa. Hier besuchen wir die Favelas „Morro do Foguteiro“ und „Morro dos Prazeres“, eines der ältesten Armenviertel der Stadt.

In beiden Siedlungen ist seit ein paar Jahren die Befriedungspolizei, die „Unidade de Polícia Pacificadora“ (UPP), stationiert. Seitdem haben sich die Drogenbanden zurückgezogen und es herrscht Frieden – das erzählen uns zumindest die Menschen, die wir dort treffen.

Harte Straßenkämpfe mit Schusswechseln und Toten finden nicht mehr statt. „Wir rücken wegen Kleinstdelikten aus, zum Beispiel bei ausartenden Ehestreitigkeiten, übermäßigem Alkoholismus oder Widrigkeiten im Straßenverkehr“, erklärt uns Bianka Santana. Sie ist Teil der UPP in Morro dos Prazeres. „Ansonsten spielen wir Feuerwehr für alles, wir helfen auch mal jungen Müttern bei der Niederkunft.“

Armut auf engstem Raum: Morro dos Prazeres. Lena Kretschmann

Auf den ersten Blick eine positive Entwicklung. Ob wirklich alle Bewohner mit der Besetzung ihrer Favela durch die UPP einverstanden sind, darüber lässt sich nur spekulieren. Rosa Alice Picanco ist sich jedoch sicher, in Santa Teresa macht die Befriedungspolizei einen guten Job. Mit der Unterstützung von Adveniat hat die 79-Jährige ein Gemeindezentrum in „Morro do Fogueteiro“ aufgebaut.

Auch dieses besichtigen wir. Inmitten von Graffitis, dreckigen Gassen und heruntergekommenen Häusern steht das kleine Haus, dessen Dach gerade ausgebaut wird, um mehr Platz für das Gemeindeleben zu schaffen. Ich bin zutiefst beeindruckt von der Willensstärke und dem Engagement, mit dem sich Rosa Alice für die Menschen in den Elendsvierteln von Rio einsetzt.

Eine ebenso starke und bewundernswerte Frau treffen wir am späten Nachmittag in Vila Mimosa, einem Ort der von Prostitution, Gewalt und Verbrechen dominiert wird. Zusammen mit einer Mitschwester hat die 29-jährige Maribel Pérez León hier eine kleine Kapelle eingerichtet, in der sie Prostituierte soziopastoral betreut.

Die Frauen, die gezwungen sind, ihren Körper in den dunklen Bars für ein wenig Geld zu verkaufen, finden bei den „Missionarinnen des Lebens“ – so nennen sich die Schwestern – ein offenes Ohr, psychologische Hilfe, berufsbildende Kurse und Nahrungsmittelkörbe.

Mich fasziniert, wie Schwester Maribel sich in Vila Mimosa niederlassen konnte – gerade hier, an dem wohl dunkelsten und sündigsten Ort, den man sich nur vorstellen kann. Abgeschottet von jeglichem Tageslicht drängen sich in Vila Mimosa düstere, kleine Bars aneinander, aus denen Musik dröhnt – harte Sounds in einer unglaublichen Lautstärke.

Es riecht nach Müll, Parfum, Körperflüssigkeiten. Mittendrin junge halbnackte Frauen mit gläsernen Blicken, zugedröhnt mit Drogen und Alkohol. Und natürlich die Freier, die sich für 35 bis 40 Reais (rund 15 Euro) Geschlechtsverkehr erkaufen.

Die Schwestern singen zusammen mit einer Bekannten und zwei ehemaligen Prostituierten ein Lied. Lena Kretschmann

Wir erfahren, dass sich viele Frauen zunächst schämen, zu den Schwestern in die Kapelle zu kommen, die nur eine Häuserecke vom Straßenstrich entfernt liegt. Doch sobald die Frauen merken, dass sie ungeachtet ihrer Tätigkeit mit offenen Armen empfangen werden, kommen viele wieder.

„Wir wollen den Frauen zeigen, dass sie geliebt und akzeptiert werden. Dann können sie sich auch selbst wieder lieben und einen Ausweg aus ihrer Situation finden“, erklärt Maribel.

Die Bilder und Begegnungen von Vila Mimosa hinterlassen bei mir einen tiefen Kloß im Hals. Es bleibt die Erinnerung daran, wie bedingungslos sich die „Missionarinnen des Lebens“ an die Seite der Ausgegrenzten stellen und genau an die Orte gehen, die von anderen längst aufgegeben wurden.

Von Lena Kretschmann

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