Lehm und Asphalt

  • Belém - 22.04.2013

Der Fortschritt beginnt mit dem Asphalt“, heißt ein brasilianisches Sprichwort. Und davon können wir uns heute selbst überzeugen. Mit einem Minibus sind wir unterwegs auf den Straßen von Belém, der Hauptstadt des Bundesstaates Pará und das „Tor zum Amazonas“.

An uns vorbei rauschen Mangobäume, riesige Hochhäuser und immer wieder sogenannte „condomínios“; hoch eingezäunte, moderne Wohnanlagen mit Pförtnerhäuschen am Eingang. Unmittelbar daneben: schmutzige Lehmstraßen, gesäumt von mehr oder weniger provisorisch zusammengezimmerten Häusern.

Mit unserem Bus verlassen wir die asphaltierte Straße, die Welt des Fortschritts, und begeben uns auf die schlammigen, unbefestigten Straßen von Bairro Tocantins. Rund 4.000 Familien leben in diesem Armenviertel – ohne Abwassersystem, ohne Abfallentsorgung, ohne Asphalt.

Friseursalon im Bairro Tocantins. Bastian Henning/Adveniat

Der fehlenden Infrastruktur zum Trotz haben die Bewohner von Bairro Tocantins ihre eigene kleine Wirtschaft aufgebaut: Wir entdecken Friseursalons, kleine Lebensmittelläden, eine Metzgerei. Mittendrin: Ein Schwesternhaus des Ordens „Amor Divino“. Hier treffen wir Schwester Edilamar Fernandes de Lima Pimenta.

Seit vier Jahren arbeiten sie und ihre beiden Mitschwestern in dem Armenviertel. Sie unterstützen die Menschen beim Gemeindeaufbau, bieten Pastoralprogramme für Kinder und alte Leute an, haben ein offenes Ohr für die Bewohner des Bairros. Insbesondere fehlten Angebote für Jugendliche, erklärt uns Schwester Edilamar. Außerdem herrsche große Frustration, da es keine guten Jobs, sondern nur Gelegenheitsarbeiten gäbe, ergänzt ihre Mitschwester Aurilene Ferreira da Silva.

Eine familiäre Erfolgsgeschichte

Umso bemerkenswerter ist die Familiengeschichte von Manoel Lima. Der 65-Jährige steht den Ordensschwestern als Gemeindeleiter zur Seite und lebt selbst in Tocantins. Mit stolz geschwellter Brust und leuchtenden Augen berichtet er von seinen Kindern: zwei Töchter und zwei Söhne.

Letztere arbeiten als Lehrer und Gaslieferant, die eine Tochter als pharmazeutisch-technische Assistentin, die andere ist Pharmazie-Studentin. „Wichtig ist, dass man den Laden zusammenhält“, erklärt uns Manoel. Obwohl sie wenig Geld hätten, hätten seine Frau und er die Kinder stets unterstützt. Albany Lima, seine Frau, ergänzt: „Dank Gottes Hilfe geht es uns gut.“

Gottesdienst in Santo Andre

Neun Stunden später und 700 Kilometer weiter westlich kommen mir Albanys Worte wieder in den Sinn. Wir sitzen in der kleinen und bescheidenen Kirche von Santo Andre, einer Basisgemeinde im Bistum Santarém.

Kinder während des Gottesdienstes in Santo Andre. Bastian Henning/Adveniat

Padre Edilberto, ein Projektpartner von Adveniat, hat uns deutsche Journalisten eingeladen, mit ihm und den Gläubigen von Santo Andre den Gottesdienst zu feiern. Es ist eine tolle Atmosphäre: Kinder springen ausgelassen durch die Kirchenbänke und beäugen uns mit unbändiger Neugier.

Erst als der Keyboarder einen fröhlichen Rhythmus zum Einzug anstimmt, können die Kleinen ihre Blicke von uns lösen, fangen an zu singen und zu klatschen. Wir lassen uns mitreißen, von den Liedern, der Freude der Menschen, der unheimlichen Dynamik, die mitunter auch Padre Edilberto zu verdanken ist. Ein echtes Original, das uns mit seiner Energie und seiner unkonventionellen Art direkt in den Bann gezogen hat.

Obwohl die Basisgemeinde Santo Andre nicht viel anders untergebracht ist als die Menschen in Tocantins und auch von der Hand in den Mund lebt, wird nach dem Gottesdienst nicht mit Essen und Trinken gegeizt. Der Abend in Santo Andre zeigt mir: Mögen die Verhältnisse noch so einfach, die Lebensumstände noch so schwer sein, der Glaube gibt den Menschen Hoffnung und Zuversicht: „Dank Gottes Hilfe geht es uns gut.“

Von Lena Kretschmann

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