„Indem wir Frieden bauen loben wir Gott“

  • Reisetagebuch - 26.09.2013

Das heutige Morgenprogramm widmete sich ganz der Friedens- und Versöhnungsarbeit in Bosnien-Herzegowina. Vertreter verschiedener Religionsgruppen, Orden und Organisationen waren mit uns an einen Tisch gekommen, um uns von ihrer Arbeit auf dem Feld der Versöhnungsarbeit zu berichten. Anschaulich, bewegend und eindrücklich berichteten sie von ihren Bemühungen um Frieden und Verständigung in ihrem Land.

Diese Offenheit gab uns die Chance, wieder ein wenig mehr vom Leben der Menschen in Sarajevo verstehen zu können. Bewältigung von (Kriegs-) Traumata, das Überkommen von Vorurteilen und gegenseitigen Ressentiments sowie das konstante Bemühen um die friedliche Koexistenz der vier großen Religionen prägen die Menschen und ihren Alltag in einem für uns nur schwer nachzuempfindenden Maße. „Der Gegensatz zum Glauben ist nicht der Unglaube, sondern die Gewalt.“ Mit Bewunderung und größtem Respekt hörten wir von den Versuchen und Projekten, die jeweils eigene Identität zu ergründen, zu erhalten und in den Dialog mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen und Religionen einzubringen.

„Der Gegensatz zum Glauben ist nicht der Unglaube, sondern die Gewalt.“

Michael Metzler übergibt das Gastgeschenk an den Kardinal - eine Figur der Hl. Hildegard von Bingen, gefertigt von Sr. Christophora in Eibingen. Treike / Bistum Limburg

Priester sind Zeichen der Hoffnung

Vinko Kardinal Puljic ist einer derjenigen, die diesen interreligiösen Dialog fordern und fördern. Ihm durften wir heute zum ersten Mal während unseres Aufenthalts begegnen und hatten neben der gemeinsamen Morgenmesse auch vor dem Mittagessen Zeit zum Austausch und zur Begegnung. Der Kardinal fand eindrückliche Worte, um die Situation der Kirche in seinem Land zu beschreiben. Neben den nüchternen Zahlen, welche den drastischen Rückgang der Katholiken in der Erzdiözese aufgrund des Krieges in den 1990er Jahren beschreiben, präsentierte er uns jedoch auch die verschiedenen Hoffnungsträger. „Unsere Priester sind keine Heiligen, aber für mich sind sie Helden“, sagte der Kardinal. Die Priester der Diözese seien in den Jahren nach dem Krieg Zeichen der Hoffnung für die Menschen gewesen. Mit einem Minimum an materieller und personeller Ausstattung in den Gemeinden haben sie es geschafft, den Menschen zu symbolisieren, dass es weitergeht und es einen Weg in eine Zukunft gibt.

„Unsere Priester sind keine Heiligen, aber für mich sind sie Helden.“

— Vinko Kardinal Puljic, Erzbischof Sarajevo

Schulen des Glaubens

Vor dem Hintergrund, dass die einzelnen Familien die ersten Schulen des Glaubens sind und somit Keimzellen für den Fortbestand des Glaubens und der Kirche, soll 2014 das „Jahr der Familien“ begangen werden. Einmal mehr wurde uns heute deutlich, dass auch wir eine Familie sind. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren der Partnerschaft Strukturen und Beziehungsgeflechte aufbauen können, die uns das Gefühl geben, eine Familie zu sein. Derzeit sind wir im Rahmen der Delegationsreise unterwegs um weiter Anknüpfungspunkte ausfindig zu machen. Was kann unsere Herzen bewegen? Auf welchen Feldern wollen wir gemeinsam unterwegs sein und wo können wir uns gegenseitig bereichern und voranbringen? Diese Fragen trieben uns noch beim Mittagessen um, bevor es in die Mittagsruhe ging.

Besuch bei den engagierten Jugendlichen im Johannes Paul II.-Jugendzentrum. Treike / Bistum Limburg

Engagierte Jugend

Unser Nachmittagsprogramm war geprägt vom beeindruckenden Engagement der Jugendlichen in der Erzdiözese Sarajevo. Im Jugendzentrum „Johannes Paul II.“ waren wir zu Gast und wurden von den Jugendlichen über die Aktivitäten informiert. Wir staunten darüber, was die jungen Menschen alles auf die Beine stellen, wie stark sie in das internationale Netz der Jugendarbeit eingebunden sind und wie viel persönliches Engagement sie in die Arbeit in der Erzdiözese stecken. Es ist so schön zu sehen, was alles wachsen kann, wenn man daran glaubt und auch bereit ist, das scheinbar Unmögliche einfach mal anzugehen. Seit einigen Jahren steht das Jugendzentrum in Sarajevo im engen Kontakt mit der Katholischen Fachstelle für Jugendarbeit in Montabaur. Auch im Rahmen dieser Beziehungen entstanden wundervolle Projekte und Kooperationen, die beide Seiten bereichern und immer wieder in Erinnerungen schwelgen lassen.

Im Team des Jugendzentrums haben wir nicht nur fremde Gesichter gesehen: Auch Tobias Kunz war dabei, einer der Freiwilligen aus dem Bistum Limburg, der derzeit seinen Freiwilligendienst in Sarajevo leistet.

Mit einer Nähmaschine zum großen Glück

Abgeschlossen wurde das heutige Tagesprogramm durch unseren Besuch beim Diözesanen Caritasverband des Erzbistums Sarajevo. Auch hier waren wir zutiefst beeindruckt und bewegt vom Engagement der Mitarbeiter.

Austausch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Caritas Treike / Bistum Limburg

Was trotz begrenzter Mittel auf die Beine gestellt wird, um den Menschen in verschiedensten Nöten zu helfen, ist mehr als beeindruckend. Alle Programme zu nennen ist hier nicht möglich, ohne den Rahmen dieses Blogs zu sprengen. Hervorheben möchte ich aber das besondere Engagement der Caritas für die Frauen im Erzbistum, die aufgrund verschiedenster persönlicher Schicksalsschläge an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind und oftmals ohne Perspektiven dastehen. In verschiedenen Programmangeboten werden den Frauen Perspektiven aufgezeigt, die scheinbar schon verloren schienen. In diesem Rahmen werden Caritasmitarbeiter zum wahren Segen und eine simple Nähmaschine zum großen Glück.

Wie es in Familien so üblich ist, saßen wir auch heute Abend wieder in einer großen Runde beim Abendessen zusammen und tauschten uns über die Ereignisse und die Begegnungen des heutigen Tages aus. Wir lachen viel und wir beten oft gemeinsam. Immer wieder beten wir unser Partnerschaftsgebet und üben uns in der jeweils anderen Sprache.

Nach drei Tagen vor Ort merken wir mehr denn je, dass wir trotz Trennung durch Sprach- und Kulturbarrieren doch als Schwestern und Brüder im Glauben unendlich viel mehr haben, was uns verbindet. Als Fragende und Suchende. Als Gläubige und Hoffende. Als Familie und als Freunde.

Von Vanessa Treike

Die Bistümer im Vergleich

Limburg:

  • gegründet: 1821
  • Fläche: 6.182 km²
  • Einwohner: 2.360.000
  • Katholiken: 669.250
    Anteil in Prozent: 28,7 %
    Anteil der Muslime in Prozent: 0,1 %
  • Anzahl Pfarreien: 340

Sarajevo (Vrhbosna):

  • gegründet: 1881 (Ursprung im 7. Jh.)
  • Fläche: 22.401 km²
  • Einwohner: 1.955.000
  • Katholiken: 208.920
    Anteil in Prozent: 10,7 %
    Anteil der Muslime in Prozent: ca. 45 %
  • Anzahl Pfarreien: 151

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