Havala – Danke Sarajevo

  • Reisetagebuch - 27.09.2013

Manchmal fällt es uns schwer zu sagen, welcher Tag heute ist, den Wievielten des Monats wir schreiben und was wir am gestrigen Tag getan und gesehen haben. Wir haben ein gutes und vielseitiges Programm vor Ort, was uns mit so vielen verschiedenen Menschen zusammenbringt, dass wir in unseren Köpfen hin und wieder durcheinander kommen.

Was wir am heutigen Tag erlebt haben, daran kann ich mich noch gut erinnern: Unser Tag startete mit einer langen Autofahrt. Schon die erste Abbiegung von der Hauptstraße, die wir nahmen, verriet uns, dass wir heute einen ganz anderen Teil der Stadt (oder des Landes) zu sehen bekommen würden als es in den vergangenen Tagen der Fall war.

Raus aus der Stadt, rein in die ländlichen Regionen des Erzbistums Sarajevo. Treike / Bistum Limburg

So fuhren wir aus der Stadt Sarajevo heraus und mitten hinein in den ländlichen Bereich der Erzdiözese. In der Pfarrei Kakanj hielten wir an und trafen uns mit dem Pfarrer des Ortes um uns ein Bild über die pastorale Arbeit in der Gemeinde zu machen. Bei Kaffee und Kuchen tauschten wir uns über die Gemeindestrukturen aus und erfuhren mehr über das Engagement der Laien.

Materielle Not der Schulen

Nach diesem kurzen Aufenthalt und einer weiteren Autofahrt kamen wir nach Travnik. In dieser Kleinstadt besuchten wir die katholische Schule und das darin eingegliederte kleine Seminar. Bezeichnend war der Zustand des Gebäudes: Der rechte Block des Hauses war in einem Blauton gestrichen und die Fenster weiß umrandet. Alles macht in der Frontansicht einen recht ordentlichen Eindruck. Wenn wir dann jedoch den Blick nach links schweifen ließen, dann sahen wir neben einem Zaun, der den Schulhof in zwei Teile aufteilte, die kaputten Fensterscheiben, den verschmutzten Gelbton der Außenwände und ein im Ganzen ungepflegt wirkendes Gebäude. Was war hier geschehen? Während der Zeit des kommunistischen Regimes war das Haus säkularisiert worden und erst nach dem Krieg gegen Bezahlung an die Kirche zurückgegangen, jedoch nur zu Teilen! Der linke, etwas ungepflegt wirkende Teil des Gebäudes dient somit heute als Unterbringung einer staatlichen Schule, während der blau gestrichene, rechte Teil eine katholische Schule beherbergt.

Die katholische und die staatliche Schule in einem Gebäude. Ein Zaun trennt den Schulhof. Treike / Bistum Limburg

Welch reiches Konfliktpotential diese räumliche und so offensichtliche Unterscheidung in sich birgt, was das für das Miteinander der Schüler bedeutet und wie viele Probleme diese Tatsache im gesellschaftlichen Miteinander nach sich zieht, können wir nur erahnen.

Der Schulleiter der katholischen Schule empfing unsere Delegation, die auf zehn Personen angewachsen war, da unsere Freiwilligen heute auch am Programm teilnahmen, sehr herzlich und führte uns durch die Räume und Klassenzimmer. Die materielle Not ist auch an dieser Schule an vielen Ecken zu erkennen. Es beginnt beim Mobiliar in den Klassenräumen und führt bis zur Wäscherei der Schule, die aufgrund von mangelnder Instandhaltung der Wasserleitungen unlängst einen Wasserschaden hatte und nun die Schäden nur mangelhaft reparieren kann.

Unerschöpfliche Hoffnung

Doch Hoffnungslosigkeit ist ein Phänomen, das uns in den Tagen unserer Begegnungsreise in Bosnien-Herzegowina nicht begegnet ist. Oft ist zu erkennen, dass die Situation besser sein könnte – ja fast müsste –, aber dennoch erkennen wir Hoffnung bei den Menschen im Erzbistum. An so vielen Punkten sehen wir ein Engagement der Menschen, das auf uns beeindruckend und manchmal beschämend wirkt, jammern wir doch gerne über unsere eigenen Probleme oft lauter als es zuweilen nötig wäre. So schwierig die gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Lage in Bosnien-Herzegowina und im Erzbistum Sarajevo auch sein mögen, wir können uns ein Beispiel an der Denkweise und an der unerschöpflichen Hoffnung der Menschen hier nehmen und versuchen diesen nachzueifern.

„Wir werden immer unterschiedlich bleiben, aber wir werden immer weiter auf unsere Gemeinsamkeiten schauen und unseren Weg als Partner gehen.“

— Vinko Kardinal Puljic, Erzbischof Sarajevo

Das Resümee

Am Abend fuhren wir in ein Haus, das der Erzdiözese Sarajevo gehört und das der Kardinal liebevoll als „sein Castel Gandolfo“ bezeichnete. Eine gemeinsame Evaluation unseres Besuchs stand auf dem Programm, was ja gemeinhin immer ein guter Indikator dafür ist, dass sich eine solche Reise dem Ende neigt. „Wir werden immer unterschiedlich bleiben, aber wir werden immer weiter auf unsere Gemeinsamkeiten schauen und unseren Weg als Partner gehen“, resümierte Vinko Kardinal Puljic.

In entspannter Runde tauscht die Delegation aus Limburg ihre Erfahrungen der letzten Tage mit Kardinal Puljic aus. Treike / Bistum Limburg

Im Rückblick auf die vergangenen Tage war die Reise in unser Partnerbistum Sarajevo wirklich ein weiterer Schritt zur Vertiefung unserer Beziehungen. Dies war an diesem Abend für uns alle spürbar. Wir konnten mögliche Kooperationsfelder für die zukünftige Partnerschaftsarbeit ausfindig machen und uns einen Eindruck von der derzeitigen Situation in der Erzdiözese verschaffen. Vor allem aber erhielten wir einen persönlichen und emotionalen Zugang zu dieser Beziehung. Die Menschen, denen wir in den vergangenen Tagen begegnen durften, empfingen uns mit einer Herzlichkeit, einer Offenheit und einer Freundschaftlichkeit, die es uns schwer macht, morgen schon wieder nach Hause zu fliegen. Gerne hätten wir noch ein paar Tage mehr Zeit gehabt um den Geschichten zu lauschen, über Probleme und Lösungsansätze nachzudenken und über gemeinsame Projekte nachzudenken.

„Die Brücke unserer Partnerschaft ist stark, sie hält viel aus und sie trägt uns.“

— Winfried Montz, Abteilung Weltkirche im Bistum Limburg

Brücke der Partnerschaft

Im Rahmen des Dankes an unsere Gastgeber sagte Winfried Montz: „Die Brücke unserer Partnerschaft ist stark, sie hält viel aus und sie trägt uns. Wir müssen immer wieder sehen und überlegen was wir uns erzählen wollen, wenn wir uns auf dieser Brücke treffen, über was wollen wir uns austauschen?“ Wenn wir uns weiterhin konstant voneinander erzählen, hören wie Gottes Geist hier und dort wirkt und uns dann auf den gemeinsamen Weg begeben und in eine Richtung schauen, dann wird sich unsere Vision erfüllen und wir werden wirklich zu Schwestern und Brüdern, die zusammen unterwegs sind. Hierzu sind wir konstant herausgefordert. Ab morgen wieder, wenn wir uns nicht mehr jeden Tag sehen. Dann müssen wir die räumliche Distanz wieder überwinden, uns gegenseitig in unsere Gebete einschließen und sehen, wie wir die gewonnenen Erkenntnisse in den Alltag rüberretten, weitertragen und somit die Flamme der Begeisterung, die auch die Emmauserfahrung prägte, am Brennen erhalten.

Hvala Sarajevo. Bis zum nächsten Mal.

Von Vanessa Treike

Die Bistümer im Vergleich

Limburg:

  • gegründet: 1821
  • Fläche: 6.182 km²
  • Einwohner: 2.360.000
  • Katholiken: 669.250
    Anteil in Prozent: 28,7 %
    Anteil der Muslime in Prozent: 0,1 %
  • Anzahl Pfarreien: 340

Sarajevo (Vrhbosna):

  • gegründet: 1881 (Ursprung im 7. Jh.)
  • Fläche: 22.401 km²
  • Einwohner: 1.955.000
  • Katholiken: 208.920
    Anteil in Prozent: 10,7 %
    Anteil der Muslime in Prozent: ca. 45 %
  • Anzahl Pfarreien: 151

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